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Interview

Claudia Roth mit "Sternstunden" als Musikmanagerin

05.05.2010 | 16:41 Uhr
Claudia Roth mit

Dortmund. In diesem Jahr besteht die Kultband Ton Steine Scherben 40 Jahre. Ihr charismatischer Sänger Rio Reiser verstarb im Alter von nur 46 Jahren, 2010 wäre er 60 geworden. Am 7. Mai spielen die "Scherben" im Dortmunder Piano. Wir sprachen mit Grünen-Chefin Claudia Roth, einst deren Managerin.

WR-Redakteur Andreas Winkelsträter führte das Interview mit Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen. Ausführlich plauderten sie über Ton Steine Scherben und Roths Zeit als Managerin bei der Band.

Wie kamen Sie aus dem Süden der Republik nach Dortmund?

Claudia Roth: Ganz einfach. Ich habe Theaterwissenschaften studiert, war im zweiten Semester in München. Und ich hatte ein ganz tolles Verhältnis besonders zu zwei Professoren. Und die haben mich kurz vor Ende des Semesters unabhängig voneinander ange-sprochen: Pass auf Claudia, es kommt gerade eine Anfrage aus Dortmund, Städtische Bühnen. Die suchen jemanden für die Dramaturgie. Denen war jemand ausgefallen. Wir sagen Dir das jetzt. Wenn Du willst, dann fahr’ hoch. Und wenn nicht, dann sag uns das auch. Dann geben wir das an die anderen weiter. Da bin ich mit meiner Mutter hochgefahren und habe mich vorgestellt an den Städtischen Bühnen, in der Dramaturgie.

Im Jahre 1970 wurden Ton Steine Scherben gegründet. Foto: Reiser-Archiv

Ich wollte es wirklich und hatte ein paar Stunden später einen Vertrag in der Tasche. Es war unheimlich aufregend. Ich war gerade 20, hab das Studium geschmissen bzw. bewusst aufgegeben und habe mir gesagt: So, jetzt geh’ ich rein in die richtige Welt. Und dann bin ich rein in die richtige Welt. Das war 1975 in Dortmund ein bisserl anders. Da gab’s die Zechen noch, die Stahlwerke, da fing gerade die Krise an. Das war der absolute Sprung raus dem Lodenmantel, raus aus dem weiß-blau geschwängerten CSU-Bayern in die Welt der Arbeit. Gut, das war Dortmund, da war ich im Schauspiel in der Dramaturgie als Assistentin. Und sehr schnell hatte ich einen emotionalen Draht zum Kinder- und Jugendtheater. Das war einfach eine tolle Truppe. Der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters war der Peter Möbius, der große Bruder von Rio. Zwei Spielzeiten waren wir an den Städtischen Bühnen. Und in jeder Spielzeit gab es ein Stück mit viel Musik. Einmal war es der „Feuerzirkus“, und 76/77 war es die „Struwwelpeter-Revue“. Das war so ein bisserl Thommy, Who-Oper-mäßig. Bei beiden Stücken haben die Scherben Musik ge-macht, auch Rio, und der hat auch mitgespielt. Und da habe ich ihn, auch den Keyboarder Martin Hartmann, persönlich kennengelernt. Da fing dann der persönliche Kontakt an zu der Band, die ich als Fan schon lange kannte. Und Rio hab’ ich dann im Winter, das muss 77 gewesen sein, ein bitterkalter Winter, nach Hause gefahren nach Friesenhagen. Und da war ich dann auch das erste mal oben.

Aber Sie kannten die Musik, wie Sie sagten, schon vorher?

Claudia Roth: Ja, man kannte die Scherben. Wer damals die Welt verändern wollte, und das wollte ich ja, der kannte natürlich die Scherben. Aber gesehen hatte ich sie bis dahin nicht. Erst nachdem ich sie persönlich getroffen hatte, hab ich sie dann auch mal auf der Bühne erlebt.

Wie kam es dann, dass Sie als Managerin eingestiegen sind?

Claudia Roth: Wir waren dann in Unna, denn nach zwei Spielzeiten sind wir aus Dortmund weg. Paul Harder, das weiß ich noch, war damals der Intendant. Und eigentlich war geplant, ein neues Konzept zu erarbeiten für ein Familientheater fürs Ruhrgebiet. Und aus welchen Gründen auch immer wurden die Verträge nicht verlängert. Dann sind einige aus dem Theater rausgegangen, gute Leute. Dann haben wir ein bisschen durchgehangen. Haben es dann aber geschafft, in Unna zu beginnen, damals finanziert von der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Das hieß: Entwicklung einer künstlerischen Praxis auf dem sozialen Feld. Das war zusammen mit Sozialpädagogen, mit Technikleuten, mit Handwerkern, Schauspielern, Künstlern, nicht nur auf der Bühne, der sozial-theatralische Frontalangriff. Wir haben damals einen Kinderzirkus gebaut, den gibt’s immer noch in Unna.

Rio Reiser war der charismatische Frontmann der Kultband Ton Steine Scherben. Foto: Hipp

Damals gab es ein Stück, da haben wir lange dran herumgearbeitet, das hieß „Nerzstürme“, das war die Niederschlagung des Ar-beiteraufstandes 1920. Wir haben super viel recherchiert und sind dann den ganzen Sommer mit dem Zirkus durch Ruhrgebiet getourt. Und da hat Rio die Musik ge-macht, hat mitgespielt. Da gibt es tolle Songs, die da entstanden sind: „Jetzt schlägt’s 13“. Den hat er auch später aufgenommen. Und Martin Hartmann, der war aus Dortmund, der war Musiklehrer, der hat da auch mitgespielt,. Das war mein Lebenspartner, mein engster Freund. Und über diese Bekanntschaft mit Rio ist er dann Key-boarder geworden. Das war dann die nähere Verbindung. Martin ist dann aus Dortmund weggezogen nach Friesenhagen. Und bei einem Besuch haben sie mich dann gefragt, ob ich nicht helfen wollte, da ich damals auch arbeitslos geworden war. Wir hatten damals nichts mehr gekriegt. Damals war die Sozialdemokratie noch so mäch-tig. Die ist bei dem Stück so schlecht weggekommen, dass sie alle Unterstützung eingestellt hat. Und so hatten wir auch keinen Job mehr. Da bin ich blöd rumgehangen. Das war eine ganz, ganz schlimme Zeit. Da verlierst du dein ganzes Selbstbewusstsein. Das war furchtbar. Da kam dann sozusagen der Rettungsruf und dann bin ich in Friesenhagen hängengeblieben.

War die Band denn damals noch die Band, die sozialkritische Texte gesungen hat, politische Botschaften transportiert hat?

Claudia Roth: Ja, absolut, Es gab ja unterschiedliche Phasen. Die Anfangsphase, wo die jüngeren Brüder von denen, eher intellektuell die Welt verändern wollten. Peter Möbius ganz anders als Rio. Oder Kai Sichtermann, der jüngste Bruder unter lauter starken Schwestern. Die haben damals gesagt: Musik ist eine Waffe und damit mobilisierst du. Und dann kam die sehr dunkle Phase, die schreckliche Phase der bleierne Zeit, der Deutsche Herbst und der ziemlich starke Rückzug der Band. Da ist damals die Schwarze LP entstanden, fast mystisch. Und trotzdem noch sehr politisch. Vielleicht die musikalisch anspruchsvollste Arbeit der Scherben. Und dann beginnt nach lan-gen Pausen die erste Tour, ich glaub 80 oder wann die war. Das Wieder-Nach-Draußen-Gehen. Damals entstanden die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, die Grünen nicht zu vergessen. Und da sind die Scherben dann auch wieder stärker in aktuelle politische Geschichten reingegangen.

Claudia Roth bei der Echo Verleihung 2010 in Berlin.

Wir haben damals gespielt für Brockdorf-Konzerte mit den Gebrüdern Engels, Ina Deter war da ziemlich weit oben, mit den Schmetterlingen. Da ist die Band wieder rein in aktuell politische Zusammenhänge. Damals ist dann auch die LP Scherben entstanden. Die ist ein bisserl weg von der dunklen, schwarzen Seite der Band, wieder ins heftigere, dichtere Leben hinein. Und das nicht nur in der Tradition der Arbeiterkultur, sondern auch mit dem Anspruch, tolle Texte und wunderbare Musik zu machen.

Es kam 1985 die Auflösung der Band, viele sagen, dass eine Verschuldung der Grund war. War die Band auch ausgebrannt?

Claudia Roth: Ich glaube, das wird jeder ihnen anders erzählen. Aus meiner Sicht hat es auch eine politische Rahmenveränderung als Grund. Durch die vielen, vielen zivilgesellschaftlichen Bewegungen, wie schon erwähnt die Friedensbewegung, die Entstehung der Grünen und viele mehr, hat die Musikindustrie gesagt, da gehen wir rein. Etwa mit den Bots damals, es gab die EMI, in Hamburg die Teldec. Die haben zur der Zeit Künstler und Band sehr gezielt aufgebaut, sie mit sehr viel Geld unterstützt und positioniert. BAP als Beispiel hat damals eine Platte gemacht. Da hat man uns gesagt, dass die eine Million gekostet hat. Die Schweren haben alle Mittel aufgetrieben, die sie auftreiben konnten, da sie ja unabhängig bleiben wollten. Wir haben damals 100 000 für die Scherben-Platte aufgetrieben. Rio hat damals quasi das Filmband in Gold in der Sparkasse versetzt bzw. war das die Garantie, dass man einen Kredit bekommt. Dann war es die Situation, dass BAP, Grönemeyer oder wie sie auch alle heißen, gekommen sind. Und die haben alle technisch sehr gute Produktionen abgeliefert. Das auch die alternative oder Anarcho-Szene teure Stereoanlagen zu Hauser hatte.

Info
Konzert am 7. Mai

Die Band Ton Steine Scherben wurde 1970 gegründet.

Mit den ausdrucksvollen emotional-politisch motivierten Liedern ihres Sängers und Frontmanns Rio Reiser wurde diese Gruppe zu einem musikalischen Sprachrohr des linksalternativen Spektrums, beispielsweise der Hausbesetzer- bewegung.

Rio Reiser starb am 20. August 1996 im Alter von nur 46 Jahren. Er wäre in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden. Zu seinen größten Erfolgen zählt: „König von Deutschland” oder auch „Junimond”.

Am 7. Mai, 20 Uhr, spielen die Scherben im Piano, Lütgendortmunder Straße.

Und bei uns kam dann der Vorwurf: Man kann die Texte nicht verstehen, bei den anderen ist es ja viel besser. Oder bei den Konzerten. Den anderen hat man die Anlagen hingestellt, die Mega-Lichtanlage. Und wir mussten alles selbst mieten. Und dafür durften wir noch nicht einmal Eintritt nehmen. Denn dann hieß es gleich: Ihr seid ja Kapitalisten-Schweine geworden, wenn ihr Geld nehmt. Die Idee, da ist ne Band, die sehr politisch ist, die in der deutschen Musikgeschichte auch ne sehr starke Rolle hat, die musste die revolutionäre Anmutung, die andere schon aufgegeben hatten, weiterführen. Das ginge nicht. Ich weiß, BAP hat 50 DM Eintritt genommen. Wenn wir dann 15 genommen haben, dann war das die Hölle. Das ging nicht mehr und ist immer weiter auseinandergeklafft. Du warst einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Der Wert des Unabhängigseins, und nicht von der Industrie abhängig sein, der hat sich immer weniger vermittelt. Die Ansprüche waren, die Platten genauso topp produziert sein müssen, die Konzerte müssen top-high techmäßig ausgestattet sein. Und das war ein Problem. Die Band hat gesagt: Ich sollte verhandeln. Das hab ich getan, fast ein Jahr. Wir hatten Angebote, die waren nicht gigantisch, weil der Band ja auch der Ruf vorauseilte, dass sie nicht so easy war, nicht so leicht zu handeln war. Und dann, das erinnern sich die Leute auch unterschiedlich dran. Ich erinnere mich an einen schönen, sonnigen Tag im Garten. Da haben wir darüber gesprochen: Was sollen wir tun? Sollen wir einen solchen Vertrag annehmen, der nicht schlecht war, aber auch nicht gigantisch? Oder wäre es nicht besser zu sagen, dass das Einzige, was man der Band nicht nehmen kann, ist ihre Unabhängigkeit und die Tatsache, dass sie nie korrumpiert worden ist. Denn wir haben auch erlebt, wie Band, die zur Industrie gegangen sind, ziemlich schnell kaputtgegangen sind. Und dann gab’s aus meiner Erinnerung quasi eine Abstimmung und die Mehrheit, vor allem die alten aus der Band, haben gesagt: Dann lösen wir uns lieber auf. Die Konzerte waren voll, die Platten sind verkauft worden. Damals war schon die zweite Generation der Fans nachgerückt. Es gab viele, viele Angebote. Aber wir haben immer unter schwierigen Bedingungen arbeiten müssen. Wir sind vom alternativen Vertrieb beschissen worden. Ne, dann lösen wir uns auf. Historisch gesehen, wird man dann mal irgendwann sagen: Die konnte man nicht korrumpieren. Und Rio hat damals gesagt: OK, dann will ich Schlagerstar werden. Und das haben auch alle nachvollziehen können. Und alle haben sehnlichst gehofft, dass er das schafft.

War Rio Reiser auch in Ihren Augen der charismatische Frontmann?

Claudia Roth: Ich glaub, dass so ne Band immer mit dem Sänger steht und fällt. Er ist die Stimme, der Körper der Band. Ich kann mir keinen anderen vorstellen, der so performed hat auf der Bühne, der so eine charismatische Ausstrahlung hatte, der so viel über die Bühne rübergebracht hat. Er hat auf der Bühne gelitten, geliebt, der hat Wut und alles, was man sich vorstellen kann, auf der Bühne dargestellt. Aber er war auch Teil eines Ganzen. Dass Rio so sein konnte auf der Bühne, das hat auch mit der Familie, sprich mit der Band, zu tun, auch mit dem Gitarristen, mit La Rue, der in einer ganz engen nonverbalen Kommunikation mit Rio stand. Die kannten sich am längsten, praktisch von frühester Jugend an. Aber auch mit Kai Sichtermann – das war wirklich ein Ganzes. Es war nicht so, dass alle anderen nur Statisten waren und Rio der Gott. Er war eine Ausnahmefigur, aber da gehörte auch immer die Band zu. Rio konnte so toll und so groß sein, weil er in die Band eingebunden war. Denn auch das Konzept war ein anderes. Das war nicht die Band, die Begleitmusik für einen Solisten machte. Es war ein Bandkonzept wie die Stones, an denen sie sich sehr orientiert haben. Später war Rio der Solokünstler, der sich gute Musiker geholt hat. Die Band hieß ja auch nicht Rio Reiser und die Scherben, sondern Ton Steine Scherben.

Er ist ja sehr früh gestorben. Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Claudia Roth: Martin hat mich angerufen. Das ging ja wie ein Lauffeuer rum. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo ich war. Das war ein Schock. Es war zwar nicht mehr so eng. Wir hatten keinen Dauerkontakt mehr. Doch wenn man mit 46 Jahren stirbt, das ist kein Alter. Über die Freunde hat man immer gehört. Und er soll damals in einer sehr guten Schaffensphase gewesen sein, hat produziert, gearbeitet. Und dann haben wir uns alle wiedergetroffen bei der Beerdigung.

Haben Sie noch Kontakt zu der Band?

Claudia Roth: Ja, einen ganz engen. Die waren ja bei der Berlinale, sind da aufgetreten. Da haben wir uns alle getroffen. Da hab ich sie alle zum Essen eingeladen. Zu Martin hab ich sowieso einen ganz engen Kontakt. Der hat mit mir auch damals den Vertrag ge-schlossen. Ich bin dann ja auf eine andere Bühne, die politische. Aber wir haben uns gesprochen, gegenseitig nachzuhaken, ob wir uns selbst auch treu gebelieben sind. Beim Konzert in Dortmund bin ich leider nicht da. Das ist richtig blöd. Da wäre ich super gerne dabei gewesen.

Hören Sie noch heute die Musik? Haben Sie CDS, Schallplatten?

Claudia Roth: Ich habe sie alle. Habe sie an allen Orten, an denen ich mich befinde. Auch die Rio-Dinger, die find ich wirklich richtig toll. Auch die ersten Stücke der Scherben, auch wenn sie manchmal über acht, neun Minuten dauern. Ich find, es gibt keine Band vergleichbar zu den Scherben, die fast zeitlos Stücke gemacht haben, die auch dreißig Jahre danach, ne das sind ja 40 Jahre danach, noch so stimmen. das mag auch an der Nähe liegen, die ich zur Band hatte. Klar gibt es einige alte Sachen wie „Kampf geht weiter“, das passt nicht mehr. Aber „Der Traum ist aus“, „Land in Sicht“ oder „Komm schlaf bei mir“ oder auch „Schritt für Schritt ins Paradies“, die sind dreißig Jahre alt und passen immer noch.

Erreichen die Inhalte und Botschaften auch heute noch junge Menschen?

Claudia Roth: Ja, das beweist die Tatsache, dass es ganz viele junge Fans gibt. Das ist 40 Jahre her, da waren viele der heutigen Fans noch ewig lange nicht auf der Welt. Und heute sind sie totale Fans. Und dann gibt’s Stücke wie „Junimond“, das am Schluss noch entstanden ist. Martin hat die Musik komponiert, Rio den Text geschrieben.

Das Piano in Lütgendortmund ist am 7. Mai Schauplatz für ein Jubiläums-Konzert von Ton Steine Scherben.

Da sieht man noch heute, wie viele sich daran versucht haben. Echt hat es wirklich super interpretiert. Und diese Coverversionen zeigen ja auch die Zeitlosigkeit. Trotzdem sind sie nicht beliebig, sondern passen. Rio hat ja auch in den Texten viel über seine ei-gene Emotionalität ausgedrückt. Und in der Szene, im Umfeld gab es ja auch heftige Auseinandersetzungen, ob man als Ton Steine Scherben Liebeslieder machen darf. Oder „ich & Ich“ sein, also offen zu seinem Schwulsein steht wie in „Heraus aus dem Ghetto“. Viele haben das als Verrat an der Revolution gesehen. Aber ich bin der Überzeugung, dass das gerade das Politische an der Band und den Texten ist. Denn auch die Art wie ich lieben und leben will, wird hier zu einem Anspruch erhoben. Und viele Jungs, die Angst haben vor ihrem Coming-Out, die nicht in Köln oder Hamburg leben, für die sind solche Lieder und Texte auch heute noch wichtig.

Gibt es Lieblingslieder für Sie?

Claudia Roth: Ne, die gibt’s gar nicht. Einen Favoriten gibt’s überhaupt nicht. Es gibt nur bestimmte Situationen. früher hab ich das gemacht, wenn ich wichtige Reden schreiben oder halten musste. Dann hab ich mir ein Stück der Band rausgesucht und hab gesagt: So das isses jetzt, das ist sozusagen das Leitmotiv der Rede. „Der Traum ist aus“ ist schon gut. Wenn du Enttäuschungen hast, wenn du verloren hast und dann steht in dem Text, dass man doch alles dafür geben wird, dass er doch Wirklichkeit wird. Das ist schon eine ganz ungeheure Kraft, die man daraus schöpfen kann. Kämpferisch. Oder „Mein Name ist Mensch“. Niemand hat besser ausgedrückt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. „Halt Dich an deiner Liebe fest“, wenn Du überhaupt nicht weiterweißt. Das ist dann vielleicht doch einer der Favorites. Es sind immer für bestimmte Gefühlszustände oder Situationen die richtigen Lieder. Da gibt’s für mich immer ein Lied, das dabei ist.

Wenn Sie die Band im deutschen Musikbusiness sehen, hat sie da einen festen Platz? Ist sie einzigartig?

Claudia Roth: Ja! Das muss man noch mal durchhalten. 1969 / 70 gegründet. Und dann in dieser harten Zeit über 15 Jahre so kreativ zu sein. Die Leute um einen herum sind gestorben, sind in den Terrorismus abgedriftet, sind verschwunden, haben sich verirrt, Dro-gen, tiefste Armut. Da wusstest Du nicht, wo krieg ich Gasflaschen her fürs warme Wasser. Oft haben wir das Leergut auf dem Hof gesammelt, dass du ein bisserl was einkaufen kannst. Unter solch extremen Bedingungen und dann auch noch als Vorzeigeding für eine ganze Generation. Das war total schwer. Und da war Rio auch schon mal total wütend, wenn dann beim Konzert von unten hochgeschrien wurde: "Der Kampf geht weiter...“ das war so eine Art Reflexionsfläche für eine Menschen, die ins bürgerliche Leben abgegangen sind. Aber die Band musste diese Reflexionsfläche nur sein. Da haben wir oft gesagt: Wir sind doch keine Musikbox. Wir tun das, was wir wollen. Dieses Zusammenleben, dieser kreative Prozess, die Konzerte, was da für Sternstunden waren, glaube ich, ist einzigartig. Und es war superkreativ.

Andreas Winkelsträter

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Kommentare
06.05.2010
18:50
Blockierter Kommentar.
von wambeler | #18

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

06.05.2010
14:14
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von jcm | #17

Der Hauptsatz, mit der die Wandlung (?) der CR am besten verdeutlichen kann: Alte Sachen wie *Der Kampf geht weiter* passen heutzutage natürlich nicht mehr...

Ich weiß schon warum ich den Grünen, denen ich in ihrer Gründungsphase Symphatie entgegen brachte, heutzutage nicht mehr als wählenswert betrachte.
Dieselbe Weiter so, geht nicht anders-Politik wie bei den anderen ETABLIERTEN Parteien!
Die Gründe, gegen die Verrammschung des Staatsvermögens (Rentenversicherungs-Rücklagen für blühende Landschaften, Milliarden für zockende Banken etc. pp.) zu kämpfen, sind nur eine Nuancenverschiebung im Vergleich zu den Kapital-Schweinereien in jener Zeit, als Der Kampf geht weiter entstand...

Warum sie - im Zeitalter der 1-Öre-Jobs und Leiharbeiter-Quasi-Versklavung - nicht den Song Sklavenhändler nannte, spricht ooch Bände...

Ergo: Ein Auf zu neuen Ufern ist mit den Grünen aussichtslos, davon zeugen die Beschlüsse, die sie in Regierungsverantwortung mitgetragen haben. Da nutzen ooch keene neuen Partei-Beschlüsse mehr, sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind.

*sing*
Sie sperren uns hinter Gitter,
weil sie zuhause sitzen und vor uns zittern,
denn sie wissen:
Der Kampf geht weiter,
und sie wissen:
Die Wahrheit wird siegen!

Es sang mit: jcm, APO

06.05.2010
11:40
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von TheRealThomasS | #16

Was will die eigentlich für eine Legende konstruieren?
BAP war der kommerzielle Untergang von TSS?

Wir sind vom alternativen Vertrieb beschissen worden.

Könnte das nicht auch für die Politik gelten, mit der sie sich jetzt rächen will?

06.05.2010
07:20
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von AlteLeier | #15

Ton, Steine Scherben, Claudia Roth. Jau, passt.

06.05.2010
01:55
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von Der Volksvertreter | #14

Zum Glück wollte ich nie die Welt verändern ..!

06.05.2010
01:44
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von Gerd, Muenchen | #13

@ 6: deine Mutter.

05.05.2010
22:16
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von Tante Trudi | #12

Und was die Scherben angeht, sollte die WAZ mal ganz schön die Fresse halten...

05.05.2010
22:13
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von Tante Trudi | #11

Eine Frau Fischer, sozusagen....

05.05.2010
22:12
Blockierter Kommentar.
von glurot | #10

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

05.05.2010
22:00
Claudia Roth mit Sternstunden als Musikmanagerin
von ifadus | #9

Jo, und nun werden auf dem Weg ganz nach oben auch noch die Grünen Ideale fallen gelassen.

Statt eine klare Position gegen die Atomkraft zu beziehen, hält sie sich die Option offen, zur Not auch Schwarz/Grün in NRW in Kauf zu nehmen, macht Atom zum Bundespolitik-Thema und auf Bildung für NRW ...

... wohl wissend, dass selbst eine Enthaltung eines Schwarz/Grünen NRW im Bundesrat dem Durchwinken der Atomkraftpläne der Bundesregierung gleich käme.

Danke für alles.

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