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Bemerkenswerter Becker-Abend

27.08.2012 | 18:42 Uhr
Bemerkenswerter Becker-Abend
Der Kabarettist Jürgen BeckerFoto: Martin Möller

Bei Jürgen Beckers Programm „Der Künstler ist anwesend“ geht es auch um die inneren Zusammenhänge von Sex, Reliogion und Kunst. Sein Wortwitz beanspruchen Kopf und Zwerchfell gleichermaßen.

Dass es am Ende eines Kabarettabends Freibier gibt (bei einem Urkölner wie Jürgen Becker natürlich Kölsch), obwohl zuvor gar keine Durststrecke zu durchleiden war, ist schon bemerkenswert. So geschehen am Sonntagabend im ausverkauften Spiegelzelt am U. Auch die Qualität dieses langen, aber kurzweiligen Abends war mehr als bemerkenswert.

Denn was Jürgen Becker, dem bekannten Gastgeber der „Mitternachtsspitzen“, in seinem laufenden Soloprogramm „Der Künstler ist anwesend“ gelingt, ist in der heutigen Kabarettszene, die einem Unterhaltungsbetrieb à la Comedy immer mehr ähnelt, fast schon einzigartig: die intelligente Verbindung von Bildungsgut mit pointiertem politischen Witz, von eleganter, auch mal blödelnder Plauderei mit Tiefgang.

Zusammenhänge von Sex und Kunst

Um bildende Kunst, um 15 000 Jahre Menschheits- und Kunstgeschichte – von den Höhlenmalereien von Lascaux über Michelangelo, Rubens und Max Ernst bis hin zu Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom – geht es in diesem Programm, das, reich bebildert, einem Diavortrag ähnelt. Aber wer so viel fundiertes Wissen über Kunstgeschichte und über die inneren Zusammenhänge von Sex und Kunst, Religion und Kunst (bis hin zum Bilderverbot des Islam) mit so viel originellem Witz darbieten kann, der darf auch belehren.

Über die unterschiedlichen Formen griechischer Kapitelle etwa oder über die Epochenmerkmale von Romanik, Gotik und Barock. Als Aufhänger für die vielen Aspekte dieses Crashkurses zur Kulturgeschichte dient Jürgen Becker immer wieder Max Ernsts Gemälde „Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben”, das 1926 zur Exkommunizierung des Malers durch den Kölner Erzbischof führte.

Die katholische Kirche, ihre Sexualmoral und ihr Dogma von Schuld und Sühne nimmt Becker gern aufs Korn. Michelangelos Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle wird ihm zum „FKK-Strand“, Matisses Gemälde tanzender nackter Jünglinge zum „Feierabend im Priesterseminar“. Beckers Wortwitz und die vielen überraschenden Seitenhiebe auf das aktuelle Geschehen aus Politik, Gesellschaft und Religion beanspruchen Kopf und Zwerchfell gleichermaßen. Viel nackte Haut (z.B. Angela Merkel erst als Goyas bekleidete, dann als seine nackte Maja!), deftige Kommentare, und trotzdem nichts Schlüpfriges.

Einen solchen Abend macht Becker so schnell keiner nach. Das Publikum war begeistert.

Henning Thies

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