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Unerhört allein

12.02.2010 | 18:56 Uhr

Wo endet der gute Geschmack? Wo beginnt das Ungehörige? Wo das Unerhörte? Fragen, die gestellt werden nach dem Fernglas-Einsatz des Bündnisses „Hände weg vom Sozialticket” im Ausschuss und dem anschließenden Nazi-Vergleich des Vorsitzenden.

Die Sache verdient keine Betrachtung am Stammtisch, sondern eine mit der Lupe.

Da haben also Aktivisten die Feldstecher ausgepackt und Politikern auf die Finger geschaut. Haben sie sie bespitzelt? Eher nicht, denn die Sitzung war öffentlich, und um die – nicht geheimen – Unterlagen auf dem Tisch ging es nun wirklich nicht. Trotzdem: Diese Nahaufnahme schmeckte den Politikern nicht. Sie fühlten sich beobachtet, bedrängt, unwohl.

Später hat das Bündnis eine Tafel mit dem Titel „Sozial-Ausschuss” in der Bürgerhalle aufgestellt – mit den Fotos aller Ausschussmitglieder. Unter „Sozial” standen die Befürworter des alten Sozialtickets, unter „Ausschuss” die Gegner. „Diffamierung!”, empören sich Abgebildete. Sie fühlen sich gebrandmarkt, angeprangert. Tatsächlich kann man die Geschmacksfrage stellen. Gut und Böse an die Wand zu tackern, das wirkt wie zum Abschuss freigegeben – zumindest für Dartfreunde.

Aber solche Konflikte werden sich häufen. Denn es wird immer kälter in Dortmund. Und die Schwachen, die Armen, die ohne Lobby – sie fühlen sich übergangen. Also wehren sie sich. Vor Gericht gegen Hartz IV-Sätze. Bei Versammlungen gegen Umweltgifte. Auf der Straße gegen Missstände in der Nordstadt. Und im Rathaus gegen das „Unsozialticket”, wie sie es nennen. Offenbar sehen sie das als den einzigen Weg, der bleibt, um ihre Interessen wirksam zu vertreten.

Erinnert sei an 2500 Nordstadteltern, die im Dauerregen vor dem Rathaus standen – und niemand kam heraus, um wärmende Worte zu sprechen. Um im Bild zu bleiben: Draußen schlafen sie unter Decken im Freien. Drinnen sitzen Entscheidungsträger mit einem dicken Fell, werden aber dünnhäutig, wenn ihnen jemand auf den Pelz rückt. Ja, das ist eine zugespitzte, polarisierende Darstellung. Aber die Dinge da draußen haben sich zugespitzt.

Wenn die nicht rauskommen aus ihrem Elfenbeinturm, dann gehen wir rein – das scheint jetzt die Losung zu sein. Um gehört zu werden. Ist das unerhört? Und was ist ungehöriger: Politiker nach Gut und Böse zu sortieren oder Leuten, denen es um soziale Gerechtigkeit geht, nationalsozialistische Methoden vorzuwerfen?

Mehr Weitsicht täte gut – mit oder ohne Fernglas.

Klaus Brandt

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PRO
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