Knast als Kaderschmiede für Neonazis

Auch Sven K. wurde vorzeitig aus der Haft entlassen.Wenige Tage später trat er als Redner bei einer Nazi-Demo in Hamm mit dem T-Shirt auf: Was sollten wir bereuen?“. Er sitzt mittlerweile wieder in Haft. Foto: Roland Geisheimer / attenzione
Auch Sven K. wurde vorzeitig aus der Haft entlassen.Wenige Tage später trat er als Redner bei einer Nazi-Demo in Hamm mit dem T-Shirt auf: Was sollten wir bereuen?“. Er sitzt mittlerweile wieder in Haft. Foto: Roland Geisheimer / attenzione
„Viele deutsche Gefängnisse funktionieren heute als Kaderschmieden für Neonazis“, betonte die Journalistin Heike Kleffner. Es gebe mehr Täter, vor allem Gewalttäter, die nach einer Haftstrafe weitergemacht hätten, als solche, die die Zeit zum Ausstieg genutzt hätten.

Dortmund.. „Viele deutsche Gefängnisse funktionieren heute als Kaderschmieden für Neonazis“, betonte die Journalistin Heike Kleffner. Es gebe mehr Täter, vor allem Gewalttäter, die nach einer Haftstrafe weitergemacht hätten, als solche, die die Zeit zum Ausstieg genutzt hätten. Heike Kleffner referierte auf Einladung der Dortmunder Antifa am Dienstag im Dietrich-Keuning-Haus.

Generell, so erklärte die Journalistin aus Berlin, die seit 15 Jahren als ausgewiesene Expertin in Sachen Neonazis gilt, spiegelten die von Behörden veröffentlichten Zahlen über Straftaten aus der rechtsextremen Szene nicht die Realität wider. Anhand eines unabhängigen Monitorings, das jedoch nur in den neuen Bundesländern durchgeführt wurde, werde die Zahl dort mit 703 Straftaten in 2010 angegeben. „Diese Zahl wurde vom Bundeskriminalamt allerdings für ganz Deutschland veröffentlicht“, so Kleffner.

Wie sie verdeutlichte, zeigten nur etwa ein Viertel der Opfer die Taten aus Angst an. Und bei diesen Taten würde anschließend nur etwa ein Viertel der Täter Kontakt zu Strafverfolgungsbehörden haben. „Das Dunkelfeld liegt etwa ein Viertel bis ein Drittel über den veröffentlichten Zahlen“, so Heike Kleffner. „Das Problem rechter Gewalt ist weitaus größer als bekannt.“

Die Ideologie der Neonazis wird noch gestärkt

Die meisten Gefängnisse seien für die Neonazis ein weiterer Aktionsort. Sie stießen hier auf ein extrem ausgeprägtes männliches Dominanzverhalten, „auf Hierarchien, die ihrer menschenverachtenden und rassistischen Grundhalten nur entgegenkommen“. Zudem sei die Betreuung der inhaftierten Kameraden hervorragend organisiert. Zwar habe man die rechtsextreme „Hilfsorganisation für Nationale Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) verboten, doch arbeiten die ehemaligen Mitglieder ohne Organisationsstrukturen weiter. Dabei hätten überwiegend Frauen die Betreuung der Gefangenen übernommen. Die Ideologie der Neonazis werde so in den Knästen noch gestärkt.

Viele Neonazis würden lose organisiert ins Gefängnis eingewiesen, kämen aber fest strukturiert wieder heraus. So ein Beispiel sei auch der Dortmunder Sven K., der den Punker Thomas „Schmuddel“ Schulz am 28. März 2005 umgebracht hat. Auch hier habe der Knast ihn eher gestärkt und zu „einem Helden der rechten Szene“ gemacht. Seine Sozialprognose sei günstig gewesen, da er von einem „sozialen Umfeld“ aufgefangen werde. Deshalb sei er 2010 vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

Jedoch sollte man nicht nur bei ihm gucken, um welches soziale Umfeld es sich handelt. Denn: Sven K. habe, wie viele andere rechte Straftäter , sofort wieder den Kontakt zur Szene gesucht, ihn eigentlich nie verloren. Nach einer Kneipenschlägerei und dem Überfall auf zwei türkisch stämmige Jugendliche auf dem Weihnachtsmarkt befindet er sich nun wieder in Haft.

Dort, wo gut ausgebildete Sozialarbeiter in den Gefängnissen vorhanden sind, sei auch die Möglichkeit zum Ausstieg gegeben. „Doch bereitet bislang häufig Ignoranz den Rechtsextremen im Knast den Raum zur Entfaltung“, betonte Heike Kleffner