Kleine Revolution beim Softwarekonzern Materna

Helmut Binder ist neuer Chef des Dortmunder Softwarekonzerns Materna.
Helmut Binder ist neuer Chef des Dortmunder Softwarekonzerns Materna.
Foto: Funke Foto Services
Beim IT-Dienstleister Materna steht erstmals ein angestellter Manager an der Spitze. Die Firma ist führend bei der Entwicklung von Behörden-Software.

Dortmund.. In Dortmund kennt den Namen Materna jedes Kind. Seit Jahren fördert das Software-Unternehmen den Informatikunterricht an den Schulen. Firmenmitbegründer Winfried Materna war nicht nur lange Jahre Präsident der örtlichen Industrie- und Handelskammer, sondern auch BVB-Aufsichtsratsvorsitzender. Noch heute steht er dem Wirtschaftsrat des börsennotierten Bundesligisten vor. Außerhalb der Stadt ist die Materna GmbH dagegen nur wenigen Menschen ein Begriff – obwohl fast jeder mit den Produkten des Hauses in Berührung kommt, etwa auf den Internetseite vieler Bundesbehörden oder beim Check-In am Flughafen.

Nicht überall aber, wo Materna drin steckt, steht auch Materna drauf – das ist der Unterschied zu den großen Marken der IT-Branche. Im Kreis von Software-Riesen wie Microsoft, IBM oder SAP fallen die Dortmunder schnell durchs Raster der öffentlichen Wahrnehmung, auch wenn die Firmengeschichte dem Gründungsmythos von Microsoft schon recht nahe kommt, weil Winfried Materna und sein Partner Helmut an den Meulen als Zwei-Mann-Start-Up im heimischen Wohnzimmer begannen. Heute beschäftigt Materna weltweit 1500 Mitarbeiter.

Erstmals ein angestellter Firmenchef

Kürzlich gab es eine kleine Revolution beim größten IT-Dienstleister aus dem Ruhrgebiet: Vor wenigen Monaten zogen sich die Inhaber nach 35 Jahren aus dem Alltagsgeschäft zurück. Erstmals steht jetzt ein angestellter Geschäftsführer an der Spitze des Unternehmens. Und erstmals ist es kein Techniker, sondern ein Kaufmann: Helmut Binder kommt aus der Branche, war einige Jahre bei T-Systems beschäftigt, der IT-Tochter der Telekom. Zuletzt verantwortete Binder das Auslandsgeschäft der Rittal GmbH, einem weltweit führenden Systemanbieter für Gehäuse- und Klimatechnik mit Sitz im hessischen Herborn.

Binder ist neu im Ruhrgebiet, hat seine Lektionen aber schon gelernt. Die Story vom Ruhrgebiet und seinem Wandel von der alten Montangesellschaft zum modernen Wirtschaftsstandort mit viel Lebensqualität hat er längst verinnerlicht. Dass hier keine Briketts mehr durch die Luft fliegen, sei längst schon außerhalb des Reviers angekommen, schmeichelt der gebürtige Kölner der Region. Und auch dieser Satz darf nicht fehlen: „Materna ist ein Leuchtturm, der für diesen Transformationsprozess steht.“ Beim Imagewandel hat das Revier aus Sicht des 49-Jährigen aber durchaus noch Luft nach oben. Die Region könne nicht deutlich genug den Fokus auf die zukunftsweisende IT-Branche legen. „Informationstechnologie steht als Wachstumstreiber noch nicht so stark im Vordergrund, wie es sein sollte“, sagt Binder. Darauf hinzuarbeiten, das sei eine permanente Aufgabe.

199 Millionen Euro Umsatz angepeilt

Bei Materna hat Binder ein gut bestelltes Haus vorgefunden. Materna ist eine Erfolgsgeschichte. Die Branche boomt. Im letzten Jahren machten die Dortmunder einen Umsatzsprung von 20 Prozent und verdienten 192 Millionen Euro. Für 2015 peilt man 199 Millionen Euro an. „Mir geht es um eine konsequente Ausrichtung auf Kunden- und Wachstumssegmente, nicht um einen Kulturbruch“, sagt Binder.

Die Geschäfte laufen gut. Man ist führend in der Entwicklung und Bereitstellung von Behörden-Software, ein lukrativer Markt mit langfristigen Planungshorizonten. Trotz europaweiter Ausschreibung alle drei Jahre habe man als deutscher IT-Dienstleister schon unter Sicherheitsaspekten einen Heimvorteil. Auch die technische Plattform für den Bürgerdialog der Bundeskanzlerin im Internet läuft über eine Materna-Schnittstelle. Marktführer ist Materna zudem beim Passenger-Service von Fluglinien: Die Software-Unterstützung für den Lufthansa-Check-In an deutschen Flughäfen wird von Dortmund aus gesteuert.

Zeichen stehen auf Wachstum

Ein Selbstläufer sei das Geschäft freilich nicht, betont Binder. Die Zeichen im Hause Materna stehen daher auf Wachstum. Materna: „Wir sind ein expandierendes Unternehmen.“ Chancen rechnet sich der neue Firmenchef unter anderem im Zuge des florierenden Außenhandels der exportorientierten deutschen Wirtschaft aus. Denn auch im Geschäft mit Unternehmenssoftware mischt Materna kräftig mit. Im Ausland muss beispielsweise ein völlig anderes Steuerrecht in die jeweilige Firmen-IT eingepflegt werden. Auch dafür leisten sich die Dortmunder ihre zahlreichen ausländischen Niederlassungen.

Nur an einer Stelle wird Materna der eigene Erfolg seit Jahren zum Problem: Der oft zitierte Fachkräftemangel fällt in der IT-Branche besonders ins Gewicht. Eine Lücke von 30 bis 40 offenen Stellen ist bei den Dortmunder quasi ständig zu füllen. Auch deshalb setzt das Unternehmen frühzeitig an, geht in Schulen, Fachhochschulen und Universitäten der Region. Binder: „Die Suche nach geeigneten Mitarbeitern ist zentraler Punkt der Unternehmenstrategie.“

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