Klau-Kids tricksen Passanten am Geldautomaten aus

Eine nachgestellte Szene: Während ein Jugendlicher eine Bankkundin ablenkt, schlägt eine zweite Trickdiebin zu.
Eine nachgestellte Szene: Während ein Jugendlicher eine Bankkundin ablenkt, schlägt eine zweite Trickdiebin zu.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Kinder-Diebe oder auch Klau-Kids zieht es mittlerweile auch aufs Land. Die Jungen und Mädchen, die bis zu 30 Diebstähle pro Tag begehen, werden von organisierten Banden nach Deutschland eingeschleust. Ihre „Tatorte“ sind Fußgängerzonen, Volksfeste und Bahnhöfe.

Soest/Lippstadt/Dortmund.. Klein, schlank, schwarze Haare. So stehen die beiden Kinder plötzlich vor der 59-jährigen Lippstädterin, als sie an der Postbankfiliale ihre PIN-Nummer in den EC-Automaten tippt. Das Mädchen hält der überrumpelten Frau eine „Spendenliste“ vor das Gesicht. Der Junge zupft an der Kleidung der Postkundin, schiebt sie zur Seite. Nur mit großer Mühe wird die Frau das aufdringliche Duo los. Um ungestört Geld abheben zu können, wechselt die 59-Jährige in den Schalterraum der nahen Bank am Lippertor. Hier bemerkt sie dann, dass die Kinder 1000 Euro von ihrem Konto abgehoben haben.

Für die Polizei im Kreis Soest sind das 13-jährige Mädchen und der 11-jährige Junge, die höchstwahrscheinlich aus Rumänien kommen, keine Unbekannten. Polizeipressesprecher Winfried Schnieders: „Nach unseren Erkenntnissen gehören die beiden Minderjährigen zu einem Clan, der sich überwiegend im Ruhrgebiet aufhält.“ Einige Spuren führten in die Stadt Dortmund. Bei ihren „Aktivitäten“ im Kreis Soest werden die 13- und der 11-Jährige von zwei „größeren Mädchen“ beaufsichtigt, die beim Eintreffen der Polizei flüchten.

Täter schweigen

Winfried Schnieders: „Die beiden Kinder sind seit März 2012 in vielen Städten des Sauerlandes, in Ostwestfalen, im Münsterland und im Ruhrgebiet bei Trickdiebstählen in Fußgängerzonen und an Geldautomaten aufgefallen. Obwohl die Polizei ihnen „mehrere Diebstähle und Diebstahlsversuche“ nachweisen kann, schweigt das Duo bei seiner Befragung beharrlich. Nur ihr angebliches Alter geben sie preis. Keine Angaben zu den Eltern, zum Aufenthalts- oder Wohnort. Auch das Handy, das die Kinder bei sich haben, bringt die Beamten nicht weiter. Wenn die Kripo die Nummern auf dem Handy anwählt, ist nur immer die Stimme eines rumänischen Anrufbeantworters zu hören.

Nach der Polizeibefragung nimmt sich das Jugendamt der beiden strafunmündigen Kinder an und bringt sie in eine Jugendschutzeinrichtung. Noch am selben Tag verschwinden sie spurlos. Am Sonntag greift die Bundespolizei die 13- und den 11-Jährigen im Intercity von Dortmund nach Münster auf. Wieder werden sie in einem Wohnheim untergebracht, flüchten aber auch hier nach wenigen Stunden. Winfried Schnieders: „Wir müssen davon ausgehen, dass die Kinder bereits wieder unterwegs auf Diebestour sind.“

Täter sind selbst Opfer einer grausamen Struktur

Eine traurige Geschichte, denn das Phänomen „Kinderdiebe“ oder „Klau-Kids“ ist seit Jahren bekannt. Nach dem EU-Beitritt Rumäniens wuchs die Zahl der klauenden Kinder zuerst in den Großstädten. Mittlerweile zieht es die Langfinger auch hinaus aufs Land. Dabei sind die Kinder, die jeweils bis zu 30 Diebstähle pro Tag begehen, selbst Opfer einer grausamen Struktur.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler werden sie von Schleppern über die Ukraine nach Polen „zur Ausbildung“ gebracht. Haben sie dort genügend Erfahrung gesammelt, geht es ab nach Deutschland. Geschickte Kinder werden hier – wie auch jugendliche Prostituierte – durch bestens organisierte Banden für bis zu 10 000 Euro gehandelt. Nicht selten stammen die Kinder aus rumänischen Waisenhäusern oder sie werden von ihren Familien an die skrupellosen Menschenhändler verkauft.

Die Fahnder glauben, dass es „oberhalb der bekannten Täterebene“ noch eine Steuerungsebene gibt. Vermutungen, frühere Mitarbeiter des rumänischen Geheimdienstes Securitate steckten dahinter, konnten jedoch nicht belegt werden.

Brutale Disziplinierungen

In Einzelfällen sollen es aber auch Familienclans sein, die ihre unmündigen Kinder gezielt zu „Raubzügen“ auf die Straße schicken. Nach Angaben der Polizei werden Kinder, die dabei nicht spuren, ähnlich wie „Klau-Kids“ aus den Menschenhändlerbanden brutalen Disziplinierungen unterworfen. Prügel seien an der Tagesordnung, meinen die Ermittler.

Aus Angst vor weiteren Strafen ziehen die Kinder deshalb Tag für Tag in die Fußgängerzonen, auf Volksfeste, zu Bahnhöfen. Rainer Kerstiens von der Bundespolizei: „Sie tauchen auf, sie fallen auf. Dann sind sie wieder weg.“

Wie den Kindern und auch den Menschen, die sie bestehlen, geholfen werden kann, weiß niemand so recht. Kurzfristige Lösungen gibt es nicht. Die Kindernothilfe setzt darauf, Projekte in Rumänien zu unterstützen, den Eltern und den bitterarmen Familien dort zu helfen. Um einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden, ergänzt Cornelia Weigandt von der Dortmunder Polizei, müssten Polizei, Justiz, Gemeinden, Verwaltung und Politik eng zusammen arbeiten. Und Anke Widow, Pressesprecherin bei der Stadt Dortmund für den Bereich Soziales, fordert: „Da müsste endlich mal irgendjemand an das große Ganze denken.“