"Kindermord nicht mit Jugendamt in Verbindung bringen"

Nach dem Brand in der Fichtestraße in Dortmund: Betroffene Anwohner stellen Kerzen auf, um ihre Betroffenheit auszudrücken.
Nach dem Brand in der Fichtestraße in Dortmund: Betroffene Anwohner stellen Kerzen auf, um ihre Betroffenheit auszudrücken.
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Nach dem Tod von drei Kindern in der Fichtestraße weist das Jugendamt jegliche Schuld von sich. In einer offiziellen Mitteilung verwahrt sich die Stadt dagegen, den dreifachen Kindermord mit der Arbeit des Jugendamtes in Verbindung zu bringen.

Dortmund.. Nach dem Tod von drei Kindern in der Fichtestraße weist das Jugendamt jegliche Schuld von sich. In einer offiziellen Mitteilung verwahrt sich die Stadt dagegen, den dreifachen Kindermord mit der Arbeit des Jugendamtes in Verbindung zu bringen.

In der Mitteilung, die den chronologischen Ablauf in der Kommunikation mit dem Vater der drei getöteten Kinder darstellt, heißt es unter anderem: Die Wohnung der Familie in der Fichtestraße befand sich in einem kindgerechten Zustand – es gab kein Anzeichen auf eine Kindeswohlgefährdung. Der Vater zeigte sich kooperativ gegenüber dem Jugendamt, der Umgang zwischen Vater und Kindern war liebevoll.

Am Mittwoch hat der Vater mit den drei Leichnamen Deutschland verlassen, um die Kinder in seiner Heimat Türkei zu bestatten.

Die Mitteilung der Stadt Dortmund im Wortlaut:

„Drei Kinder im Alter von 4,10 und 12 Jahren wurden am 3. August 2012 in der Fichtestraße in Dortmund Opfer eines furchtbaren Verbrechens. Hinterbliebener ist der 41-jährige Vater. Ihm und seiner Familie gilt das Mitgefühl aller Verantwortlichen und beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei der Stadt Dortmund. Sie werden ihm auch in Zukunft hilfreich zur Seite stehen, soweit das gewünscht ist. Der Vater wird heute mit den Leichnamen seiner drei Kinder Deutschland verlassen, um sie in der Türkei beizusetzen. Kurz zuvor gab es zu ihm in Anwesenheit seiner Anwältin noch einen Kontakt, bei dem ihm brieflich die tiefe Trauer, die aufrichtige Anteilnahme und die Hilfsbereitschaft der Stadtspitze versichert wurden.

Zum Ablauf:

Das Dortmunder Jugendamt wurde am 26. September 2011 telefonisch und anschließend per Fax vom Jugendamt des vormaligen Wohnortes [Anm. d. Red.: Werdohl] darüber informiert, dass die Familie T. nach Dortmund zugezogen sei. Am vormaligen Wohnort war die Familie nach dem tragischen Tod der Mutter im Jahr 2009 bis zum 31.08.2011 bei der Bewältigung dieses Traumas und in alltäglichen Dingen wie der Erledigung von Behördenangelegenheiten etc. unterstützt worden. Aus dem Fax und auch aus dem Telefonat ging keine Kindeswohlgefährdung hervor. Aus diesem Grund bestand kein Handlungsbedarf.

Am 9. Februar 2012 wurde dem Jugendhilfedienst mitgeteilt, dass der Kindesvater einige Zeit abwesend sein werde. Eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter des Jugendamtes suchten darauf hin sofort die Wohnung der Familie auf. Auf Wunsch des Vaters und der Kinder wurden die Kinder bei einer Bekannten in einer benachbarten Stadt untergebracht. Parallel dazu wurde das Jugendamt dieser Stadt gebeten fest zu stellen, ob die Bekannte geeignet sei, die Kinder auf zu nehmen. Dies wurde am 14.02.2012 bestätigt.“

Jugendamt nahm Kinder für zwei Tage in Obhut

„Einen Tag später am 15. Februar 2012 widersprach der Vater dieser Unterbringung und wollte die Kinder zu Verwandten in die Türkei gebracht wissen. Um den Kindern diesen erneuten Betreuungswechsel in kürzester Zeit zu ersparen, wurden sie vom Jugendamt in Obhut genommen. Das Familiengericht wurde am selben Tag darüber informiert. Es setzte am 16. Februar 2012 im Rahmen der Einstweiligen Anordnung das Jugendamt Dortmund (in Person eine Mitarbeiterin) als Ergänzungspfleger ein und bestellte einen Verfahrensbeistand.

Unmittelbar nach seiner Heimkehr am 18. Februar 2012 wurden die Kinder vom Vater bei der betreuenden Bekannten abgeholt. Diese informierte darüber das Dortmunder Jugendamt, das am 21. Februar 2012 einen Hausbesuch in Begleitung der Ergänzungspflegerin durchführte. Die Wohnung befand sich in einem kindgerechten Zustand und es gab keinerlei Anzeichen auf eine Kindeswohlgefährdung.

Mit dem Vater wurde vereinbart, dass sich das Jugendamt auch mit den beiden Schulen und der Kindertageseinrichtung, die die Kinder besuchten, in Verbindung setzt. Da die Kinder vormittags nicht zuhause waren, wurde am Nachmittag desselben Tages im Jugendamt in Anwesenheit des Verfahrensbeistandes ein Gespräch mit den Kindern geführt, das ebenfalls keinerlei Auffälligkeiten erkennen ließ. Alle Kinder machten einen altergemäß entwickelten Eindruck. Die Interaktion zwischen Vater und Kindern war liebevoll. Der Vater zeigte sich kooperativ gegenüber dem Jugendamt. Weitere Maßnahmen waren aufgrund der Gespräche aus Sicht des Jugendamtes und des Verfahrenbeistandes nicht erforderlich.

Stadt wusste vom Feuer im Februar

Dem weiteren Verbleib der Kinder im Haushalt des Vaters stand nichts entgegen. Dies wurde am 23. Februar 2012 dem Familiengericht mitgeteilt. Die Gespräche mit Schulen und Kindergarten fanden ebenfalls an diesem Tag statt. Auch von dort wurde nicht über nennenswerte Auffälligkeiten berichtet – mal eine Verspätung, mal ein Fehltag (meist mit Entschuldigung am Folgetag), Dinge, die jeden Tag bei Tausenden von Kindern vorkommen. Mit allen Einrichtungen wurde vereinbart, bei besonderen Vorkommnissen sofort das Jugendamt zu unterrichten. Am 27. Februar 2012 wurden die Kinder durch den zuständigen Richter des Familiengerichtes angehört.

Am 29. Februar 2012 erfuhr das Jugendamt von der Lebensgefährtin des Vaters von einem Brand in der Wohnung der Familie in der vorausgegangenen Nacht. Nach einem dem Jugendamt vorliegenden Aussageprotokoll waren zum Zeitpunkt des Brandes neben den Kindern auch der Vater, ein Bekannter und die Lebensgefährtin in der Wohnung anwesend. Nachdem der Vater seine Kinder und sich aus den Flammen gerettet hatte, wurden alle vier im Klinikum Dortmund stationär behandelt.“

Jugendamt übertrug Vater wieder alleiniges Sorgerecht

„Ebenfalls am 29. Februar 2012 fasst das Familiengericht den Beschluss, die einstweilige Anordnung vom 16.02.2012 aufzuheben. Im Protokoll heißt es, es seien keine Gründe ersichtlich, die Elterliche Sorge weiterhin einzuschränken. Folglich wurde dem Kindesvater die alleinige Elterliche Sorge wieder übertragen.

Die Ergänzungspflegerin stattete den Kindern am 1. März 2012 im Krankenhaus einen Besuch ab. Da es Unstimmigkeiten darüber gab, wo die Familie bis zum Bezug einer neuen Wohnung bleiben sollte, wurde noch für denselben Tag ein Gespräch mit dem Vater vereinbart. In diesem Gespräch, bei dem die Anwältin des Vaters zugegen war, teilte der Vater mit, dass er zusammen mit seinen Kindern unmittelbar im Anschluss zu Verwandten in eine andere Stadt gehen und von dort aus die Wohnungssuche betreiben werde. Nach seiner Rückkehr werde er sich melden, um ggf. mit dem Jugendamt weitere Unterstützung zu vereinbaren.

Von der Rückkehr am 11. April 2012 wurde das Jugendamt durch die Lebensgefährtin am 12.04.2012 informiert. Die Familie hatte im Erdgeschoss der Fichtestraße 18 eine Wohnung bezogen. In dem Gespräch wurde das Jugendamt gebeten, der Familie bei der Wiederbeschaffung von Geburtsurkunden zu helfen, was auch geschah.“

Vater wollte mit den Kindern zurück in die Türkei

„Ob weiterer Unterstützungsbedarf gegeben sei, sollte bei einem Hausbesuch geklärt werden, der am 23. Mai 2012 stattfand. Bei dieser Gelegenheit teilt der Vater mit, dass die Kinder nach Schuljahresende dauerhaft zu Verwandten in die Türkei ziehen sollten. Dies entsprach auch dem Wunsch der beiden älteren Kinder. Der Vater war auch in diesem Fall damit einverstanden, dass das Jugendamt mit den Betreuungseinrichtungen der Kinder Kontakt aufnimmt. Hinweise auf eine Gefährdung des Kindeswohls gab es auch bei diesem Besuch nicht.

Zwei Tage später am 24. Mai 2012 wurden Schulen und Kindergarten über die Pläne des Vaters informiert und gebeten, das Jugendamt zu verständigen, sollte es Hinweise geben, dass die Kinder zu diesem Umzug gezwungen werden. Diese Hinweise hat es nicht gegeben.

Dies war der letzte Kontakt des Jugendamtes zur Familie T. Aufgrund der Gesamtsituation und des geplantes Umzuges der Kinder in die Türkei gab es keinen Anlass, die Betreuung weiter aufrecht zu erhalten.“

Jugendamt hatte keine Erkenntnis auf Kindeswohlgefährdung

„Über die Darstellung des chronologischen Ablaufes hinaus, bleibt grundsätzlich Folgendes festzuhalten:

Das Jugendamt hatte zu keinem Zeitpunkt Erkenntnisse, die auf eine Kindeswohlgefährdung hindeuteten. Die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes gewannen in den persönlichen Kontakten mit der Familie den Eindruck, dass der Vater einen liebevollen Umgang mit seinen Kindern pflegte.

Die Nachforschung bei allen in Frage kommenden Stellen und Ansprechpartnern im Jugendamt ergab, dass dort zu keinem Zeitpunkt eine Meldung im Zusammenhang mit der betroffenen Familie eingegangen ist.

Die Stadt Dortmund legt Wert auf die Feststellung, dass das schreckliche Verbrechen nichts mit der Betreuung der Familie durch das städtische Jugendamt zu tun hat. Sie verwahrt sich dagegen, den dreifachen Kindermord mit der Arbeit des Jugendamtes in Verbindung zu bringen.“