Kein Spiel: Weg zurück in Arbeit
04.06.2009 | 18:23 Uhr 2009-06-04T18:23:00+0200
Bis Februar waren sie arbeitslos. Jetzt haben sie fast so etwas wie eine eigene Firma: Die „Toys Company”, die Spielzeugfabrik.
Das Projekt der Dekra Akademie in Zusammenarbeit mit der Arge ist für die 40 Teilnehmer alles andere als ein Spiel: Sie arbeiten – und zwar an ihrer Rückkehr in den ersten Arbeitsmarkt.
Frau weg. Führerschein weg. Job weg. Dazwischen viel Durst. Hermann Schröder macht nicht viele Worte. Er weiß, dass er selbst auf den Fahrstuhlknopf nach unten gedrückt hat. Seit sieben Jahren ist der Bäckermeister arbeitslos. Den Alkohol hat er hinter sich gelassen. Jetzt steigt er Stufe für Stufe wieder nach oben. Mühsam, aber mit Perspektive. In der Toys Company repariert der 49-Jährige Fahrräder. „Schrauben”, sagt er, „ist ein Hobby von mir”. Zum Glück: Denn auch, wenn er immer gerne Bäcker gewesen sei – die Anfragen bei den Kollegen signalisieren den Untergang eines Berufsstandes. „Die sagen: Du kannst höchstens noch einen mitnehmen...”
»Das Alter lasse ich
weg - sonst kann man
das gleich vergessen«
Derselbe Jahrgang, ein anderes Schicksal: Hans-Bernd Pieper, gelernter Großhandelskaufmann, war die letzten 13 Jahre seines Berufslebens in der Verwaltung einer Bank beschäftigt. Nicht einer Bank, sondern der Hypo Real Estate. Zusammen mit 257 Kollegen landete er 2004 auf der Straße, mit Abfindung zwar, aber ohne Aussichten. Kritisch beschreibt er die Zeit danach: die Schlaflosigkeit, den verzerrten Tagesablauf, die fehlende Struktur, ein gewisses Phlegma auch. Und den Frust, wenn aus an die 700 Initiativ-Bewerbungen gerade ein Vorstellungsgespräch resultiert. Bewerbungen übrigens, in denen er sein Alter bewusst auslässt. „Sonst kann man das ja gleich vergessen...”
Ein Jahr als „Hilfssheriff”. Ansonsten: „Von 100 auf Null”. Sprich: nach 28 Jahren Arbeit, immer mit durchschnittlichem Lohn, abhängig von Hartz IV. Und von Gesetzgebungen, die ihm nach 23 Jahren z.B. seine Wohnung streitig machen wollen. Weil sie 70 € über dem Regelsatz liegt. „Das tut weh”, sagt Pieper – und meint die Summe der Minuszeichen, die irgendwann eine fette Null schreiben. Eine Null in Sachen Selbstvertrauen.
- Die Toys Company, Alter Hellweg 52, sammelt Spielzeug. An 40 Standorten stehen dazu Sammelcontainer. Sie nimmt aber auch Spielzeug von Kindergärten etc. an, das reparaturbedürftig ist.
- Das Spielzeug aufgearbeitet und an Einrichtungen bzw. an bedürftige Familien verteilt. Das Dortmunder Projekt wird sich bei einem Tag der offenen Tür am 17. Juni, 11 bis 15 Uhr, vorstellen.
- „Toys Company” ist ein bundesweites Projekt mit inzwischen 60 Standorten
- Kontakt: Tel. 288730-0 oder info@dortmund.dekra-toyscompany.
Piepers Kollege vom Bildschirm gegenüber lacht: „Und heute ist er unser Bettelkönig”. Das ist eine Auszeichnung. Zumindest für jemanden, der im „Einkauf” eines Unternehmens sitzt und aquirieren muss: Spielzeug, Spenden, Farben, Ersatzteile... Gestern hat einer zehn Fahrräder gestiftet, nagelneu – Pieper tütet ein schriftliches Dankeschön ein. Ein Stück Nachhaltigkeit – und ein Mosaikteilchen in der bunt zusammen gewürfelten Toys-Belegschaft. Einen Werbegrafiker haben sie nämlich auch in ihren Reihen. „Es ist motivierend”, sagt Detlef Pihl (48), arbeitsloser Dachdeckermeister. Die Arbeit hier zeige Stärken auf, Potenziale, setze das psychologische Maß der „Wertlosigkeit” außer Kraft. Bei ihm sei auch privat „vieles in Fluss gekommen”.
„Sie identifizieren sich alle mit der Unternehmens-Idee”, sagt Iris Schulte (Dekra), die das 40-köpfige Team aus 120 Interessenten gebildet hat. Ein Mix aus langjährigen Arbeitslosigkeit-Karrieren, insolventen Selbstständigen, aus Handwerkern und Hilfsarbeitern bis hin zum Akademiker. Das Betriebsklima: top. Für alle hat dieser 1,50 Euro-Job Mehrwert. Drei hat er bereits wieder in Arbeit gebracht.
Eine Hoffnung, die sie alle hegen. Und bis dahin leistet Hans-Bernd Pieper weiter Überzeugungsarbeit. Nach außen. Und an sich selbst.
20:53
Eine Hoffnung, die sie alle hegen. Und bis dahin leistet Hans-Bernd Pieper weiter Überzeugungsarbeit. Nach außen. Und an sich selbst.
Der schlimmste Lügner ist jener, der sich selbst belügt. Religion oder mit der Glaube an unser Wirtschaftssystem sind Selbstbetrug.
DDD
Doof, dööfer, deutsch
13:53
Armes Deutschland. Bin selbst in der Hartz-4-Falle, und passe höllisch auf, daß mir mein in langen Jahren mühsam erarbeitetes Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen nicht flöten geht. Nach allem, was man sich an verbalen Entgleisungen, vor allem der ahnungslosen Politiker, so anhören muß.
Daß man in diesem kulturell doch ach so! hochgestellten Land einen Kinobesuch absparen muß, von Theater- und Konzertbesuchen gar nicht zu reden...ein Buch ist ein Luxusartikel, und über das Reisen braucht man garnicht erst nachdenken - obwohl reisen ja bildet. Das ist das Schlimmste in diesem Land: die unerträglichen Vorurteile und die noch unerträglichere Dummheit. Die sich durch sämtliche Schichten zieht...
Es KANN nur besser werden.