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Interview zu "Das Fest"

Kay Voges will eine aktuelle Form des Dogma-Prinzips aufführen

18.02.2013 | 19:17 Uhr
Probenszene von "Das Fest" im Schauspiel Dortmund. Die Regie hat Kay Voges.
Probenszene von "Das Fest" im Schauspiel Dortmund. Die Regie hat Kay Voges.Foto: Tilman Abegg

Dortmund.  Kay Voges verzichtet auf die Illusion. Für die Inszenierung von "Das Fest" will der Schauspiel-Chef die Wahrheit zeigen: Nach Regeln ähnlich des Dogma-Manifests von 1995 zeigt er nicht nur die Geschichte, sondern auch, wie sie entsteht.

"Das Fest" von 1998 war der erste Film nach den Dogma-Regeln. Er erzählt von der großen Familienfeier eines 60-Jährigen, dessen Sohn ihm vor allen Gästen vorwirft, ihn selbst und seine Schwester früher missbraucht zu haben - und die Gäste wissen nicht, wem sie glauben sollen. Nach einem kurzen Probenbesuch, bei dem auch die Szene auf dem Foto geprobt wurde, sprach Tilman Abegg mit Regisseur Kay Voges.

"Das Fest" von Thomas Vinterberg war der erste Film nach dem Dogma von 1995. Eine Regel damals: "Wir fordern, Filme ausschließlich im Moment ihrer Erschaffung zu zeigen!" Was heißt das für Ihr Theater?
Kay Voges: Im Moment der Erschaffung zeigen - das gibt es bei einer Live-Schalte, aber das nennen wir ja nicht mehr Film. Ein Spielfilm im Moment seiner Erschaffung zu zeigen, ist etwas, das ja gar nicht geht. Wir fordern, immer zu zeigen, wie die Illusion entsteht. Zu sagen: Wir sind kein Film, sondern wir machen Theater im Augenblick. Wir nehmen nichts auf, vervielfältigen nichts, und es gibt auch keine Schnitte. Das ist auch ein permanentes Scheitern.
Wann? Und wie?
Kay Voges:Man sieht immer wieder, wie die Schauspieler darum kämpfen, eine Illusion zu erzeugen, aber ich sehe auch immer, wie es wackelt. Weil es schier unmöglich ist, das perfekt hinzubekommen.
Was wackelt?
Kay Voges:Naja, in einer Szene hält ein Schauspieler einen Monolog. Vier Leute machen währenddessen im Vordergrund das Gras, einer ist die Sonne, einer ist die Rückwand, zwei sind Wolkenhimmel, einer ist Auto und drei andere sind Vögel und Kühe. Das muss dann aber in diesem Augenblick entstehen. Das Bild wird von 13 Leuten kreiert, und ich sehe das, wie diese 13 Leute arbeiten. Und ich merke, wo es klappt und wo es wackelt. Das Wackeln ist gewollt?
Kay Voges:Michelangelo wollte in der Renaissance die perfekte Illusion malen. Die Sixtinische Kapelle sollte den Eindruck erwecken, wirklich in den Himmel zu schauen. Das ist Hollywood. Dann sagte Francis Bacon: Mich interessiert nicht das Gesicht, sondern meine Interpretation davon. Fürs Theater heißt das: Nicht das Ergebnis des Spiels ist das Wirkliche, sondern das Spiel selbst. Das zeigt sich an diesem Wackeln. Wie bei einem Kind mit einem Stift in der Hand, das spielt, der Stift sei ein Flugzeug. Für das Kind ist diese Behauptung die Wirklichkeit, die Illusion ist perfekt. Diese Perfektion wollen wir hinkriegen.
Das heißt, Sie zeigen beide Perspektiven gleichzeitig: Die eine des Kindes und die des Vaters, der sieht, wie es so tut als ob.
Kay Voges:Ja, kann man sagen. Und dem Kind dabei zuzuschauen, wie es spielt, kann sehr poetisch sein.
Aber das Kind spielt Flugzeug, Sie spielen Missbrauch und Gewalt.
Kay Voges:Nee, so stimmt das nicht. Wenn Kinder mit acht Jahren Vater, Mutter, Kind spielen, da ist Schluss mit lustig. Unterdrückung, Krieg, alles, was in Kinderseelen aus Fernsehen, Schule und so weiter sich anhäuft, wird da vermengt zu einer riesigen Geschichte. Ich weiß, wie viel Kriegsausbrüche und Erschießungen ich auf dem Schulhof nachgespielt habe. Wie oft Tod ein Thema in unserem Kinderspiel gewesen ist: Du stirbst jetzt! Tausendmal.
Was ist der Sinn fürs Theater?
Kay Voges:Da sind wir bei Schiller: Kinderspiel ist der Weg zur Erkenntnis. Durch das Spielen erzählen wir von dem Begreifen dieser Welt. Und durch die Verfremdung - das ist nicht die Welt, sondern die Bretter, die die Welt bedeuten - können wir die Wirklichkeit ausschließen und einen Fokus setzen auf Dinge, die uns beschäftigen. So wie das Kind sagt: Meine Oma ist gestorben, wir spielen jetzt Beerdigung.

So entwickeln wir soziale Kompetenz, indem wir uns das angucken und mitfiebern. Und: Wir wollen nichts vorgaukeln, sondern zeigen, wie die Schauspieler arbeiten. Trotzdem erhoffen wir uns, dass über die Arbeit hinaus eine Geschichte über Menschen erzählt wird, die uns berühren, und wir in dem Kinderspiel etwas über unsere Wirklichkeit erfahren. Etwas, das anders ist als die Sixtinische Kapelle, aber vielleicht nicht weniger eindrucksvoll.
Premiere von "Das Fest"

  • Das Dogma-Manifest der Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg von 1995 ist der Versuch, vom kommerziellen Seifenopern-Kino wegzukommen, unter anderem durch den Verzicht auf Effekte, Schnitte, eingespielte Musik.
  • Premiere ist am Freitag (22. 2.) um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter Tel. 5 02 72 22 oder auf der Website des Dortmunder Theaters (s. Linkbox).


Von Tilman Abegg

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