Justin-Bieber-Fans in Dortmund frieren bei Eiseskälte

Warten auf Justin Bieber: Vor der Westfalenhalle in Dortmund haben sich trotz Eiseskälte schon früh junge Mädchen eingefunden.
Warten auf Justin Bieber: Vor der Westfalenhalle in Dortmund haben sich trotz Eiseskälte schon früh junge Mädchen eingefunden.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
An einem normalen Tag würden sich die etwa 100 Mädchen bei eisiger Kälte wohl kaum stundenlang vor die Westfalenhalle setzen. Doch heute ist kein normaler Tag: Ihr Idol Justin Bieber wird hier am Abend singen. Und echte Fans müssen eben Opfer bringen - durchs Sitzen, aber auch in Form von Geld.

Dortmund.. "Justin Bieber ist perfekt." Christin und Judith sind 14. "Er ist heiß, seine Musik ist toll." Die Temperatur liegt um den Nullpunkt, besonders im Wind. "Sein Charakter ist der Geilste! Das kann man einfach nicht in Worte fassen." Die Mädchen warten bereits seit Stunden vor der Westfalenhalle.

Sie sind nicht die einzigen. Etwa 100 junge Mädchen sitzen schon vor dem Eingang, minütlich werden es mehr. Offizieller Einlass zum Konzert des Teenie-Pop-Stars Bieber ist um 17 Uhr. Jetzt ist es 11 Uhr. Es wird gefroren. Auf dem Kopf tragen die Mädchen Hüte mit den Buchstaben JB, glitzernd und mit falschen Diamanten besetzt. Um den Körper haben sie goldene Decken gewickelt. Wärmedecken, zum Schutz gegen die eisige Kälte.

110 Auserwählte an der Bühne

Obwohl sie noch lange warten und frieren werden, sind Christin und Judith glücklich. Sie haben Karten für den 'Diamond Circle', den Kreis der Auserwählten, der direkt vorne an der Bühne stehen kann, bei ihrem Idol. Zudem haben sie eine der ersten 110 Nummern auf ihren Händen, was ihnen einen frühen Einlass garantiert - um 16 Uhr. Nur noch fünf Stunden, dann ist es soweit.

Popstar Sie haben ihm einen Brief geschrieben. Darin steht, warum sie ihn lieben, was sie zusammen erlebt haben. Judiths Bett zerbrach, als sie zu seiner Musik darauf getanzt hat. Christin ist durch die Straßen gerannt und schrie, dass sie ihn liebe. Mit ihm gesprochen haben sie noch nie. Dem Brief liegt ein Video bei, auf dem sie ihm ihre Gefühle beschreiben. "Bei einem Anruf von ihm, ich würde sterben!" sagt Christin.

Judiths Mutter, Kerstin Brand, hat die beiden aus Datteln hergefahren. Das ist vergleichsweise nah - andere Fans reisen aus ganz Deutschland an, von der Nordsee zum Beispiel, aber für Bieber wird das klaglos hingenommen. Kerstin Brand ist kein Fan, hat ihre Tochter 2011 dennoch zu einem Konzert begleitet. "Die Show war gut", sagt sie. "Sie war das Geld wert. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich dieses Jahr nicht mit rein muss."

Dennoch, sie unterstützt ihre Tochter. Obwohl sie die hohen Preise kritisiert. Etwa 180 Euro kostet eine Karte für den Diamond Circle. "Als Mutter finde ich das überzogen. Die Mädchen sind großteils noch Teenager. Die müssen sich das erstmal leisten." Sie hat die Karte nicht bezahlt, Judith hat sie sich zusammengespart, mit Geburtstagsgeschenken und Taschengeld.

Die Fans beginnen zu singen, "Boyfriend", ein Lied, in dem Bieber eine Unbekannte besingt, seine Traumfrau, die er niemals gehen lassen würde. Sie hat keinen Namen. Sie könnte jedes der Mädchen hier sein. Judith und Christin fallen mit ein, wickeln sich dabei fester in ihre Decke.

Eine Schlange von 500 Metern

Einige Meter weiter steht Bernd Belka und macht sich Gedanken. Er ist der Einsatzleiter für das Einlasssystem, er muss dafür sorgen, dass die Mädchen medizinisch betreut werden, dass sie später geordnet in die Halle kommen, dass sie auf die Toilette gehen können, falls nötig. "Die Leute hier, das sind die Hardcore-Fans", sagt er. Ein Krankentransport ist bereits vor Ort - für den Notfall - und der Arbeiter-Samariter-Bund versorgt Unterkühlte mit heißen Getränken.

"Die ersten sitzen hier seit 19 Uhr gestern abend", sagt Belka. "Die tanzen sich warm." Gegen Abend werden zwischen 5000 und 10.000 weitere Fans erwartet. Belka und seine Leute sollen sicherstellen, dass die ersten an der Halle auch als erste hinein dürfen. Später wird die Schlange 500 Meter lang werden. Eine riesige Menge an 'Beliebern', wie sich die Fans nennen (eine Kombination aus 'Believe' und 'Bieber'). Fast alle von ihnen sind Mädchen.

Popstar oder Hassobjekt?

Aber nur fast. Zwischen ihnen steht auch Leon, 16 Jahre, aus Dortmund-Hombruch, gleich um die Ecke. "Bieber ist toll. Ich bin neidisch auf ihn" sagt er und nickt, ernst. "Auf seinen Erfolg, ich würd auch gern singen können wie er." Leon hat Bieber irgendwann singen gehört und mochte das Lied. Er wurde einer von ihnen. Er wurde Fan.

In der Masse von Mädchen ist er recht allein, so als Junge. Viele seiner Altersgenossen sehen in Bieber kein Vorbild, sondern ein dankbares Hassobjekt. Im Internet ist der Popstar das Ziel beißenden Spottes. Die Marketing-Strategie, die den Sänger von Youtube auf die Bühnen der Welt brachte, polarisiert. Hier wird er idolisiert. Dort wird er beschimpft. Ein psychotischer Fan kombinierte gar beides, wollte Bieber entführen und entmannen.

Leon sieht das entspannt. "Diese Hater sind mir egal, ich steh darüber. Vorurteile hab ich nicht." Seine Freundinnen finden es super, dass er sich für Bieber begeistern kann. Seine einzige Sorge an diesem Tag: Noch eine Karte zu bekommen. Und vielleicht noch einen Kumpel überredet zu kriegen. Ganz allein unter den Mädchen und dann auch noch mit der ehemaligen Marken-Frisur des Sängers - das macht doch etwas nervös.

Ein gutes Stück namens 'Jerry'

Die Welt der Bieber-Fans, die sich hier offenbart, ist für Außenstehende nicht leicht nachzuvollziehen. Die Mädels sind jung und sprechen doch von ewiger Liebe. Sie alle wissen, dass Bieber sein bestes Stück 'Jerry' nennt und spekulieren über dessen Größe - und doch kommen sie ins Stocken, wenn man sie fragt, was sie mit dem Star unternehmen würden. Sie waren noch nie wählen - und kritisieren doch deutsche Politik, für ihre Tierschutzgesetze, dafür, dass Bieber seinen Affen nicht ins Land bringen durfte.

Popstars Man kann diese Begeisterung für Bieber für das Resultat eines kulturellen Ausverkaufs halten, für das Ergebnis eines Lernprozesses der Vermarkter, der mit der Beatlemania begonnen hat. Eine Maschinerie, in der Stars bis zur Erschöpfung gefordert werden, die nicht selten in Abstürzen und Drogenmissbrauch endet, wie man es zum Beispiel bei Britney Spears erlebt hat. Auch Bieber wurde schon beim Rauchen von Marihuana fotografiert, vielleicht ein Riss in der heilen Fassade seiner Glitzerwelt.

Aber die Mädchen hier sind für ihn früher aufgestanden, als sie es sonst zur Schule müssten. Freiwillig. Sie haben für den Unterricht Aufsätze über ihn verfasst, sie kennen seine Lieder auswendig, singen zusammen, haben etwas, das sie über Länder hinweg verbindet, hier und bei Facebook.

Ob Justin Bieber ein begabter Künstler ist, der es von YouTube nach ganz oben geschafft hat, oder das Produkt der Marketing-Maschine, ist jetzt, in diesem Moment nicht wichtig. Denn die Gefühle, die Begeisterung hier vor Ort sind spürbar. Sie sind echt. Und das ist in Zeiten des Kulturpessimismus vielleicht doch eine gute Nachricht - dass junge Menschen sich immer noch begeistern können.