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Heirat vor 65 Jahren

„Jeder hat jedem geholfen“

24.12.2012 | 10:00 Uhr
„Jeder hat jedem geholfen“
Heiligabend: Die Eheleute Moog sind seit 65 Jahren verheiratet.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Die Moogs erinnern sich noch gut an Heiligabend vor 65 Jahren. Sie schlossen den Bund fürs Leben.

Wenn man sich an einem Tag wie heute an etwas erinnert, was 2012 Jahre zurückliegt und von weltgeschichtlicher Relevanz war, dann spielen sechs Jahrzehnte kaum eine Rolle. Rein rechnerisch. An diesem Tag aber rechnet man nicht, sondern fühlt und feiert. Lydia und Egon Moog werden sich dieses Gefühls erinnern, das sich Heiligabend 1947 in der Wohnung seiner Eltern in Huckarde ausbreitete, damals nach ihrer Hochzeit heute vor 65 Jahren.

Der Baum in der Wohnung am Tejaweg ist im Laufe der Jahre immer etwas kleiner geworden, er passt nun zwischen zwei weihnachtlich strahlende Krippen. Irgendworan muss man ja merken, dass man älter wird. Das war bei der Hochzeitsfeier 1947 noch anders. „Vater hatte den Baum besorgt“, erinnert sich Egon Moog, inzwischen 87 Jahre alt. Er hat dann den Stamm an den Stellen angebohrt, wo er zu wenig Äste hatte und dort noch Zweige reingesteckt.

Dünn waren 1947 alle, selbst der Baum. Besorgen, das war ohnehin die Vokabel, auf die es ankam damals. Der Hungerwinter 1946/47 lag hinter ihnen, Dortmund hatte im Klammergriff der Kälte gesteckt, die Stadt lag ohnehin vom Weltkrieg noch ausgezehrt am Boden. Aber, so ist der Mensch, er sucht sich gerade dann das Schöne.

Als der 22 Jahre alte Dreher Egon Moog sich Karneval 1947 die Kälte im „Haus Gretenkord“ aus dem Leib tanzen wollte, traf er auf Lydia. Sie war ihm aufgefallen. „Sie konnte gut tanzen.“ Er hatte sie schon mal vom Rad aus gesehen und damals musste man schnell festhalten, was man wollte - sonst war es weg. Lydia kam schließlich aus Marten.

Sein Vater war Humorist

Die Welt ist immer noch die selbe, aber heute verteilen sich Werte anders. Wer heute wenig hat, hat oft immer noch ein Auto, ein Handy. Wer damals wenig hatte, hatte - wirklich wenig. Auto, Telefon? Der junge Egon radelte jeden Morgen nach Dorstfeld zum Arbeiten. „Abends nach der Schicht haste dann was beim Bauern repariert und dafür ‘n Eimer Milch gekriegt.“ Oder irgendwo tapeziert. Oder irgendwo Lachmuskeln strapaziert. Moog, der Komiker, hatte schon als Kind den Karneval und nicht nur in Huckarde bedient. Sein Vater, selber Bergmann, trat als Humorist vor Bergleuten auf, Egon spielte das Bandoneon dazu.

Vater hat damals nur Nachtschicht gemacht, 16 Jahre lang. Morgens kam er um halb sieben von der Schicht. Auch Heilig Abend. Der erste Weihnachtstag war aber frei.“ Und abends wurd‘ Hochzeit gefeiert. Auf Bezugsscheine, sie regelten, was an Lebensmitteln auf den Tisch kam. Auch hatte der Inhalt eines Care-Pakets auf den Tisch gefunden, Bier war da - und Milch. Würd’ doch heute keiner mehr erwähnen, dass auch Milch auf dem Festtisch stand. Für Schnaps sorgte die Zeche.

Wenn heute der Disc-Jockey internationale Top-Titel aus dem Internet zaubert, macht auch das das Wachsen in die Welt deutlich. „Wir hatten damals Herbert Walde aus Bodelschwingh mit seinem Akkordeon. 30 Mark hat der genommen. Das war nicht wenig - ich hab nur 90 Mark in der Woche verdient“, sagt Egon Moog. „Aber wir haben auch nur 12 Mark Miete für unsere Wohnung an der Rahmer Straße gezahlt“, erinnert sich Lydia (85). „Meine Eltern hatten zwei Schweine und entsprechend viele Freunde“, meint Egon.

Ist es das, was in Erinnerung bleibt? Ja, das ist es. „Ich weiß noch genau, wie mein alter Meister mir geholfen hat. Der hat auf seinem Sterbebett noch verfügt: Der Egon macht den Meisterbrief - und zwar auf Kosten der Firma.“ Dann ist Egon nicht nur nach Dorstfeld geradelt, sondern zweimal in der Woche auch noch zur Handwerkskammer in die Stadt.

„Ich hab’s nicht bereut"

65 Jahre hat man’s miteinander ausgehalten, mit fünf Kindern sich zur Familie gefügt. Klar sitzt man irgendwann zusammen und blickt stolz zurück auf das, was man Leben nennt. Lydia schmiss das Leben mit fünf Kindern, „und ich hab nur Kohle rangeschafft.“ Beide gucken sich an, späte Blicke. „Ich hab’s nicht bereut, dass ich mit ihm tanzen war damals.“

Beide wirken so, als gebe es nichts, was sie hätten tauschen wollen. „Arm waren wir alle, aber jeder hat jedem geholfen“, sagt Lydia, „die Leute waren irgendwie zufriedener als heute.“ Die Erinnerung schottet sie gegen die Hektik ab, Hektik ist kein Freund des Alters. Alles in ihrem Leben ist gesagt, alles ist geschenkt. Und nichts mehr wird gekocht. „Wir gehen mit der ganzen Familie zum Chinesen“, sagt Lydia. Möglicherweise wird es Bier geben und Schnaps. Aber sicherlich keine Milch.

Dirk Berger



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