Jazz-Star Stefan Bauer: Günter Grass ist mein Vorbild
04.09.2008 | 15:46 Uhr 2008-09-04T15:46:00+0200
Dortmund. Jazz-Star Stefan Bauer (51) zählt zu den besten Vibraphonisten der Welt. Der gebürtige Recklinghäuser studierte in Dortmund. Er lebt in New York. Was er am Big Apple liebt, was am Revier und warum Günter Grass ein Vorbild ist, verriet der Musiker Jürgen Overkott.
WR: New York ist eine Metropole, der Big Apple. Wie fühlst Du Dich dort?
SB: Ich fühle mich in Brooklyn, wo wir wohnen, so zu Hause wie lange nicht – viel mehr beispielsweise als in Winipeg, in Kanada, wo wir lange gelebt haben.
WR: Was macht den Unterschied aus?
SB: Ich weiß, was ich da soll. Wenn ich auf dem Empire State Building stehe, kann ich bei gutem Wetter den Florian sehen. Ich habe in New York wichtige Sachen zu erledigen, zum Beispiel in einer Schule in Queens.
WR: Mit welchen Kindern arbeitest Du zusammen?
SB: Im Moment Vorschulkinder. Letztes Jahr waren’s Erstklässler. Diese Art der musikalischen Früherziehung erfüllt eine wichtige Aufgabe, eine musische, aber auch eine soziale.
WR: Du gibst den Kindern was, und was geben die Kinder Dir?
SB: Enthusiasmus und die teure Essenz „ungeteilte Aufmerksamkeit“ – wenn die Dinge gut laufen.
WR: Sie sind deutlich aufmerksamer als ein Jazz-Publikum.
SB: Es kommt auf das Publikum an. Das „domicil“-Jazzpublikum (in Dortmund; Red.) ist ein ganz außergewohnliches. Das hat auch oft diese Essenz. Das Schöne am „domicil“-Publikum ist: Es kommen Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammen, aus unterschiedlichen Richtungen, Leute unterschiedlichen Alters. Das finde ich sehr schön.
WR: Wie fühlst Du Dich jetzt im Ruhrgebiet – zu Hause oder zu Besuch?
SB: Ha! Das ist ja eine hinterhältige Frage. Na ja. Beides. Ich bin neulich durch die Hansa-Passage (in Dortmund; Red.) gegangen. Diesen Weg bin ich vor 33 Jahren sehr oft gegangen. Ich war damals auf dem Weg zur Musikhochschule im fünften Stock des Hansa-Hauses. Und jetzt bin ich da zum ersten Mal seit Jahrzehnten hergegangen, von der Brückstraße kommend. Ich war einfach schockiert von der Monstrosität der Nachkriegsarchitektur – wobei ich sagen muss: Dortmund hat wunderbare Ecken. Als ich aus (meiner Geburtsstadt, Red.) Recklinghausen nach Dortmund kam, habe ich erst mal einen Schrecken gekriegt. Aber dann habe ich mich zu einem glühenden Lokalpatrioten entwickelt; ich habe Dortmund geliebt.
WR: Du bist aber trotzdem nach Nordamerika gegangen. Was waren die Gründe für Dich?
SB: Ich hatte mit Christoph Haberer eine Band, die hieß „Drümmele ma“. Und wir sind 1987 vom Goethe-Institut eingeladen worden, nach Afrika zu gehen. Sieben Wochen durch zehn verschiedene Länder. Davon bin ich absolut elektrisiert nach Hause gekommen. Ich war im Mutterland des Groove, hatte auch das Gefühl, selbst was dahingebracht zu haben. Ich schwebte ein Jahr lang einen Meter über dem Boden. Und das hat in mir eine Neugier auf fremde Länder geweckt, auf andere Perspektiven. Ja, und in dieser Zeit habe ich meine Frau kennengelernt, in Dortmund. Sie ist aus Äthiopien, und ich habe ihr auf den Kopf zugesagt: Du bist aus Äthiopien. Sie war ganz überrascht und hat mich gefragt: Woher weißt Du das?
WR: Liebe auf den ersten Blick?
SB: Im Nachhinein würde ich sagen: ja. Ich bin ein sehr impulsiver Mensch.
WR: Die besten Voraussetzungen für Jazz. Jazz lebt von spontanen Impulsen.
SB: Das stimmt, ja. Ich mache impulsiv Musik. Man muss natürlich auch Strukturen haben, die einem erlauben, etwas Freies zu machen. Es ist eine Balance, die ich anstrebe, einerseits starke Strukturen, andererseits will ich den Musikern Raum geben, das Beste aus sich herauszuholen – und sich ermuntert fühlen, das zu machen.
WR: Wie bist Du als Chef?
SB: Ich bin sehr liberal und fürsorglich, durchaus auch mit dem Wunsch, dass jemand vortritt und sagt: Ich helf Dir mit, lass uns das zusammen machen.
WR: Kannst Du Deine Musik auf eine Formel bringen?
SB: Ich sehe mich als musikalischer Geschichtenerzähler. Wenn ich Schriftsteller wäre, wären für mich Vorbilder: Sten Nadolny, Salman Rushdie, Günter Grass. Epische Erzählungen, das liegt mir, da bin ich gut.
Konzerttermine: 5. September, 20.30 Uhr, Herten, Glashaus; 6. September, 20 Uhr, Dortmund, "domicil".
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