In Dortmund bleibt die Sekundarschule umstritten
09.12.2011 | 12:23 Uhr 2011-12-09T12:23:00+0100
Dortmund. Auf Landesebene hat die NRW-CDU ihren Schulfrieden mit dem rot-grünen Reform-Projekt „Schule für alle“ geschlossen - das war der politische Preis für die Rettung der Gymnasien. In Dortmund aber machen die Schwarzen weiter Front gegen den geplanten Ersteinsatz des neuen Schultyps in Westerfilde.
Weiter Widerstand gegen die Sekundarschule in Dortmund-Westerfilde : „Auf dem Land macht die Sekundarschule Sinn, weil sich dort vielerorts einzelne Haupt- und Realschulen wegen des Schülerrückgangs nicht länger halten lassen. In Großstädten wie Dortmund gibt es solche Probleme nicht“, sieht der frühere Hauptschullehrer Heinz Neumann, schulpolitischer Sprecher der Rats-CDU, „keinen Bedarf“ für Rettungsaktionen von Schulstandorten. „Die Realschule in Westerfilde steht bei den Eltern in hohem Ansehen.“
Das mit dem Bedarf sieht eine rot-grüne Ratsmehrheit anders. Ihr gilt der Vorschlag, zum Schuljahr 2012 / 2013 in die Fusion der unter einem Dach untergebrachten Hauptschule Westerfilde und Nikolaus-Kopernikus-Realschule zur Sekundarschule Westerfilde einzusteigen, nicht als Bestandteil einer Verteidigungs-, sondern einer groß angelegten Vorwärtsstrategie: Alle Kinder sollen nicht länger schon nach der Grundschule einsortiert werden; Spätzünder müssten die Chance bekommen, länger gemeinsam mit stärkeren Schülern zu lernen.
Minimum: 75 Schüler
Das aber findet nur dann in Westerfilde statt, wenn im Februar mindestens 75 Grundschulabgänger für die Sekundarschule angemeldet werden. Dass das klappt, dessen sind sich längst nicht alle Beteiligten so sicher wie OB Ullrich Sierau, der die Einführung des neuen Schultyps bekanntlich zur Chefsache erklärt hatte.
Sierau schlägt dem Rat vor, am 15. Dezember den Gründungsbeschluss zu fassen. Dass genügend Eltern im Stadtbezirk Mengede die neue Schule wollen, leitet er daraus ab, dass bei der Befragung der Eltern von 761 Mengeder Grundschulkindern im November 158 Interesse bekundet hätten (wir berichteten ).
Elternvotum beeindruckt OB Sierau
158 zu 75 - das sieht aus wie eine klare Angelegenheit. Ist es für den Oberbürgermeister auch. Sierau kommt gegenüber der Ratsversammlung zu dem Schluss: „Der Elternwille bezeugt ein sehr starkes, tragfähiges Interesse an der Einrichtung der Sekundarschule Westerfilde.“ Das Elternvotum für die Sekundarschule bestätige, dass sie dieses Konzept annehmen wollten.
Tut es das wirklich? Immerhin wurden - um einen Anhaltspunkt für die Nachhaltigkeit des Bedarfs zu gewinnen - auch die Eltern der Schüler in den dritten Grundschulklassen befragt. Die aber dürfen sich an der Abstimmung mit den Füßen, die bei der vorgezogenen Anmeldung im Februar ansteht, gar nicht beteiligen. Dann zählt nur, für welche weiterführende Schule sich die andere Hälfte der jetzt befragten Eltern entscheidet. Und: Wie die in der Vorabstimmung votiert haben, weiß der Oberbürgermeister nicht. Oder er weiß es, teilt es den Bürgern und dem Stadtparlament aber nicht mit.
Meckern und kämpfen
Die Stadteltern, die auf Einladung des OB am pädagogischen Konzept mitgeschrieben hatten und den neuen Schultyp forcieren wollen, meckern zwar über die ihrer Auffassung nach unzureichende Aufklärungsarbeit der Schulverwaltung, lassen aber die Köpfe nicht hängen.
„Eine Schulform, die so anders ist als die altbekannten und die so viele Chancen zusätzlich bietet, muss man publik machen“, sagt die Vorsitzende Monika Landgraf. „Eigentlich müsste die Schulverwaltung richtig Gas geben.“
Je eine Info-Veranstaltung für die betroffenen Lehrer und für alle Mengeder Grundschuleltern - solcher Aufklärungsarbeit geben Landgraf und ihr Stellvertreter Werner Volmer nicht mal die Note „ausreichend“. „Angesichts dessen müssen wir mit den 158 schon hoch zufrieden sein.“
14:11
Für mich ist das nach wie vor eine Phantomdiskussion.
Bereits in der vierten Klasse bestehen regelmäßig erhebliche Leistungsunterschiede zwischen den Grundschülern. Hierbei spielen selbstverständlich - leider - auch das Familienumfeld und die Herkunft eines Kindes eine Rolle. Ich glaube aber unverändert nicht, dass ein Kind, das bereits in der vierten Klasse von seinen Klassenkameraden im Stoff "abgehängt" wurde, dann plötzlich am Ende der 6. Klasse so viel besser dastehen wird. Ich sehe eher das Risiko, dass sich die Lernunterschiede im Regelfall bis zum Ende der 6. Klasse noch weiter vertiefen werden, weil die schlechteren Schüler schlicht nicht mehr mitkommen (insbesondere wenn es kein Sitzenbleiben mehr gäbe).
Meines Erachtens sollte man lieber auf eine möglichst frühe Förderung benachteiligter Kinder durch begleitende Massnahmen (wie Förderunterricht oder Nachhilfe) setzten, als ganze funktionierende Schulen umzukrempeln, wodurch zwangsläufig erhebliche Kosten und Reibungsverluste auftreten werden. Alles andere können wir uns schlicht nicht leisten. In der Grundschule meines jüngeren Sohnes in Dortmund bezahlt der Förderverein die Schränke im Klassenraum. Am Gymnasium meines älteren Sohnes haben die Eltern gerade den Klassenraum neu gestrichen und gestaltet. Es gäbe an unseren Schulen schon so viel im Kleinen zu verbessern, wofür aber offenbar kein Geld da ist. Wer glaubt im ernst, dass die Einführung der Gemeinschaftsschule ohne weitere Einschnitte bei den anderen Schultypen finanzierbar ist? Für mich ist diese politisch gewollte Ungleichbehandlung eine ziemliche Unverschämtheit!