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Landgericht

Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB

04.07.2012 | 17:10 Uhr
Der Hauptangeklagte: Envio-Chef Dr. Dirk Neupert konnte am Mittwoch einen Etappensieg im spektakulären PCB-Prozess erringen.Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Im Envio-Verfahren gegen Ex-Chef Dr. Dirk Neupert und drei Mitarbeitern, denen Körperverletzung von 51 Arbeitern vorgeworfen wird, hatte am 4. Juli der arbeitsmedizinische Gutachter das Wort. Sein Ergebnis: Es bestehe kein Zusammenhang zwischen PCB im Blut der Arbeiter und diagnostizierten Krankheiten.

Im Envio-Prozess, dem seit Jahren größten Umweltverfahren Deutschlands, hatte am Mittwoch im Dortmunder Landgericht der Gutachter das Wort. Das Ergebnis müssen die Arbeiter der ehemaligen Recyclingfirma als Ohrfeige empfunden haben: Es sei nicht gesichert, dass ihre Erkrankungen auf PCB im Blut zurückzuführen sind. Die Anklage wirft ihrem früheren Chef Dr. Dirk Neupert und drei führenden Mitarbeitern unter anderem Körperverletzung in 51 Fällen vor.

Aus Profitgier sollen sie von 2007 bis 2010 ahnungslose Arbeiter stellenweise ungeschützt zur Arbeit an verseuchte Transformatoren geschickt haben. Doch was sind das überhaupt für Chemikalien, diese polychlorierten Biphenyle (PCB), von denen es sage und schreibe 209 verschiedene Formen gibt? Und vor allem: Was richten sie im Körper eines Menschen an? Antwort des Leiters des Instituts für Hygiene und Arbeitsmedizin der Universitätsklinik Essen: „Man kann durch PCB-Konzentration im Blut keine Rückschlüsse auf Erkrankungen ziehen.“

"Wir werden keine Kosten und Mühen scheuen"

Was unter anderem an der Vielschichtigkeit von PCB liege, das übrigens jeder Mensch in sich trage. Eine Aufnahme erfolge durch Haut, Einatmen und auch über die Nahrung. „Es gibt aber keine festen Größen, ab wann diese Belastung schädlich ist.“ In Japan und den USA existierten zwar Studien aus den 70er und 80er Jahren, doch „wenn Envio nicht gewesen wäre, hätte sich niemand mehr um PCB gekümmert“.

Envio-Skandal vor Gericht

In einem zweiten Gutachten hatte sich der Sachverständige mit Krankenunterlagen der Envio-Arbeiter beschäftigt. Nach Anregung des Gerichtes soll er die in der Anklage aufgeführten 51 Arbeiter nun alle selbst untersuchen, Nebenklägeranwalt Reinhard Birkenstock sprach gar von 310 Menschen aus dem Umfeld. Dann müsse man aber auch frühere Unterlagen hinzuziehen, warf Neupert-Verteidiger Prof. Ralf Neuhaus ein: „Sonst können wir nicht sagen: Was wurde vor Arbeitsantritt mitgebracht?“ Auf den Einwand des Arztes, er sei aber nicht auf jedem Gebiet Experte, meinte der Vorsitzende Richter ungerührt: „Und wenn wir da 20 Gutachter beauftragen, ist es auch egal. Wir werden keine Kosten und Mühen scheuen.“

Kathrin Melliwa


Kommentare
05.07.2012
11:24
"Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB"
von vaikl2 | #9

Danke für die Annäherung des Artikel-Titels an die Realität. Allerdings empfehle ich weiterhin die eingehende Lektüre des Gutachtens von Prof. Rettenmeier, damit wurde schon zu Prozessbeginn durch den Neupert-Anwalt zuviel Schindluder getrieben.

Nochmal: *Dass* PCB gesundheitsschädlich ist und nicht zu Unrecht zu den 12 giftigsten Chemie-Produkten der Welt zählt, ist auch im o.g. Gutachten nicht bestritten worden. Einzig der Zusammenhang zwischen aktenseitig erfassten Krankheiten der Opfer und den PCB-Blutwerten kann von Rettenmeier nicht festgestellt werden - da er die Opfer nie selbst untersucht hatte.

Wenn der vorsitzende Richter dieses Versäumnis der Staatsanwaltschaft nun mit der Anordnung neuer Gutachten korrigiert (damit z.B. auch die Ergebnisse von Prof. Krause aus Aachen mit einfließen können), ist das zunächst gut für den weiteren Prozessverlauf.

05.07.2012
09:13
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von frankmal | #8

Unfassbar ... kommt doch dann bestimmt ein Freispruch 1.Klasse dabei heraus und ggf. noch ein Vorschlag für´s Bundesverdienstkreuz für den/die Angeklagten. Denn nur diesen ist ja offensichtlich zu verdanken, dass man sich überhaupt noch mit PCB befasst. Und der tolle ´Gutachter´ bekommt zum Dank auch noch den Auftrag, alle ´Opfer´ zu untersuchen - sicherlich nicht zum Nulltarif, da kann man nochmal schön die Hand aufhalten.

05.07.2012
02:58
Blockierter Kommentar.
Name von Moderation entfernt | #7

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05.07.2012
01:16
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von Frankfurter | #6

meinemeinungdazu, ja wenn man die Zahlen rund um Kernkraftwerke isoliert sieht gibt es dort möglicherweise erhöhte Läukemieraten. bei Kindern. Nur sind die Raten dort wo es keine Kernkraftwerke gibt auch unterschiedlich.

"Die Meldung wurde dann allerdings durch eine zweite statistische Analyse relativiert: Es fanden sich weitere sieben Gebiete mit erhöhter Leukämiehäufigkeit. Eine dieser Regionen lag wiederum in der Nähe eines Atomkraftwerkes - die andern sechs waren jedoch Orte, wo Atomkraftwerke lediglich geplant, aber nie gebaut worden waren. Was auch immer der Grund für eine lokal erhöhte Leukämiehäufigkeit war, radioaktive Umweltverschmutzung kam nicht länger in Frage.

Mathematiker finden für das Rätsel eine simple Erklärung. Sucht man nach Ereignissen, die allgemein sehr selten sind, schwankt die Anzahl der wenigen Fälle pro Teilgebiet allein schon aus statistischen Gründen stark.
Man fände ziemlich sicher aber auch Gebiete mit null oder einem und solche mit fünf, sechs ."

04.07.2012
23:42
Die kleinen Hängt man, die grossen lässt man laufen...
von Ismet | #5

Als aller erstes muss man sich die Frage Stellen wer hier auf der ganzen Linie versagt hat?
Das der Geschäftsführer hier wissentlich oder unwissentlich mit dem Leben seiner Mitarbeiter umgegangen ist erstmal zweitrangig. Allein für die entgangene "Fürsorgepflicht" muss er sich schonmal verantworten. Mir macht die Frage mehr sorgen, das die Umweltbehorden sich immer angemeldet haben, statt einfach mal unangemeldete Kontrollen durchzuführen. Wurden hier etwa Beamte mit Zuwendungen dazu gebracht, wegzuschauen? Jede x-beliebige Pommesbude wird unangemeldet Kontrolliert, aber hier versagen die in ganzer Linie?
Da steckt mehr drin als man uns glauben machen will.
Und noch etwas, Kapital hat immer "Dreck am Stecken", das war so und es wird immer so bleiben.
Oder wieso sind die Gesetze bis auf wenige Ausnahmen schwammig Formuliert? Damit die Anwälte genug Möglichkeiten haben Ihre "ehrenwerte Klientel" aus der Sache herauszuholen.
In diesem Sinne...

04.07.2012
21:12
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von meinemeinungdazu | #4

Gutachten fallen immer zugunsten des Auftraggebers aus. Darum haben sie keine Bedeutung. Das Kapital streitet ab, blockt die Zusammenhänge und interessiert sich nicht für die kranken Menschen. Es ist immer wieder Fakt. Auch die erhöhten Leukämieerkrankungen rund um die Atomkraftwerke werden ja bestritten, mit dem gleichen Argumenten. Es gibt viele weitere Beispiele. Schade nur, dass die Rechtsprechung immer wieder auf das Kapital hereinfällt. Demokratie für die Menschen ist das nicht. Wie wäre es mit einer strengen Beweislastumkehr auf die Verursacher? Es wird höchste Zeit.

1 Antwort
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von Frankfurter | #4-1

Ich glaube nicht dass das Gericht "auf das Kapital herein fällt". Den Spruch haben Sie wohl aus der "Mottenkiste des Kommunismus2.

Der vorsitzende Richter sagte doch:: „Und wenn wir da 20 Gutachter beauftragen, ist es auch egal. Wir werden keine Kosten und Mühen scheuen.“

Sagt so etwas ein Richter der sich den "bösen Kapitalisten" beugt.

04.07.2012
20:35
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von b.scheuert | #3

http://de.wikipedia.org/wiki/Polychlorierte_Biphenyle

Na dann!

04.07.2012
20:00
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von xxyz | #2

Es gab doch mal viele Gutachten, die die Gefahren des Rauchens beurteilt hatten.

04.07.2012
19:47
Im Envio-Prozess sieht ärztlicher Gutachter keine konkrete Gefahr von PCB
von mit_offenen_Augen | #1

Es ist ekelerregend, wenn man immer wieder liest, wie sich Leute für Geld zu irgendwelchen Gutachten kaufen lassen.
Der Schutz des Menschen sollte uns allen vor das Recht des Profits gehen. seit vielen tausend Jahren immer wieder der Tanz ums goldene Kalb!
Wenn immer wieder behauptet wird, die Muslime würden unser Werte- und Rechtsystem unterwandern, aushöhlen,
das konnten und können einige von uns schon immer und viel besser und viel efektiver!

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