Im Dunkeln ist gut munkeln - TU Dortmund entwickelt Blackbox

Projektleitung Michael Lück (Lichtlos Köln) und Dr. Vanessa Haselhoff
Projektleitung Michael Lück (Lichtlos Köln) und Dr. Vanessa Haselhoff
Foto: Knut Vahlensieck
RIF und TU Dortmund wollen wissenschaftlich belegen, dass Dunkelheit ein Erfolgsfaktor, ein Katalysator für Innovation sein kann. Sie schicken Freiwillige in die Blackbox.

Dortmund.. Im Dunkeln ist gut munkeln. Michael Lück hat dem Volksmund diese schlichte Wahrheit schon immer abgenommen. Seit 2005 führt der Kölner Marketing- und Strategieberater Kreativ-Workshops in absoluter Lichtlosigkeit durch. Jetzt wollen RIF und TU Dortmund wissenschaftlich belegen, dass Dunkelheit ein Erfolgsfaktor, ein Katalysator für Innovation sein kann. Sie schicken Freiwillige in die Blackbox.

Bleiben wir mal bei diesen Redewendungen: Im Dunkeln tappen... Keiner der Teilnehmer am Workshop heute weiß so recht, was auf ihn zukommt. Im Zweifelsfall ist es gerade ein Stuhl. In diesem Raum nämlich ist es tatsächlich zappenduster. Mehrfach abgedichtet und -gedunkelt, nirgendwo auch nur ein Schimmer. „Können Sie Ihre Hände noch sehen?“ fragt Moderator Walter Bott mehr rhetorisch. Nein. Oder doch!? Aus dem Wissen heraus, wie es aussehen müsste, gaukelt das Bewusstsein unserem Hirn eine Bewegung vor.

Augen zu und durch

Tatsächlich – sehen wir eben die Hand vor Augen nicht. Wir hören uns, sogar atmen. Mit den Füßen scharren. Sprechen. Fassen uns kurz an, zur Orientierung. Wissen von der Nebenfrau nur, dass sie warme Hände, schmale Finger und eine angenehme Stimme hat. Und schon geht uns sinnbildlich das erste Licht auf: Wenn die optischen Reize komplett ausgeschaltet sind, wir also nicht mehr mit den Augen abschätzen können, müssen wir uns auf andere Sinne verlassen. Auf unsere Intuition. Das heißt auch: Vorurteile, Bewertungen, das Taxieren – fallen weg. Also: Augen zu und durch.

Die anfängliche Plauderei ebbt ab. Wir lassen Pausen zu. Stille. Jeder schließlich kann sich in die Dunkelheit zurückziehen. Sieht ja keiner ... Die Atmosphäre wird zwangloser. Beste Basis für eine Flut an Ideen... Das Experiment startet. Mehrere Fragerunden, gemeinsam je vier Minuten Zeit zu antworten. Alles wird mitgeschnitten, später Qualität und Quantität der Antworten ausgewertet.

„Wenn ich kreativ bin, reagiere ich auf Impulse von außen“

Die ersten vier Minuten sind lang. Dann verliert sich das Gefühl für Zeit, für Raum. Dass wir eineinhalb Stunden hier zusammengesessen haben? Erstaunen. Dass der Raum doppelt so groß ist, wie geschätzt? Dass wir letztlich unsere Assoziationen und Ideen gar nicht mehr in die kurzen vier Minuten bekommen haben?

„Wenn ich kreativ bin, reagiere ich auf Impulse von außen“. War Jutta Häusers These noch bei Lichte betrachtet. Stattdessen haben alle gemerkt: Ohne die inzwischen als normal empfundene Reizüberflutung haben wir uns mehr auf unseren Erfahrungsschatz konzentriert, haben Empfindungen nachgespürt, in Bildern und dabei eher um die Ecke gedacht.

Die Zeit in der Dunkelkammer ist eine Art kontrollierte Krisensituation, erklärt Michael Lück. Eine, die bestes Mittel für Entwicklung sein kann. Und zwar nicht nur der neusten Verkaufstrategie. Sondern zuvorderst der Persönlichkeit. „Sie verlassen eingetretene Pfade , kommen aus der Reserve. Hören mehr auf ihr Bauchgefühl“. Und sind kreativer. Egal, in welchem Job.

Natürliches Gespür für Qualität fördern

Sein nächster Workshop abseits der Experimentierphase: Eine Verkaufs- und Wahrnehmungsschule für Bettenverkäufer zum Thema Qualität. Hilfsmittel: Dunkelheit. Stoffe. Schäume. Lück gibt ein Beispiel aus der täglichen Praxis: „Ich gehe in ein Schreibwarengeschäft und sage: ich möchte einen Füller kaufen. Was sagt die Verkäuferin?“ – Genau das: „Wie viel wollen Sie denn ausgeben?“ Eine sachliche Bewertung, die keinen Spielraum lässt. „Hätte sie mir einfach mal ein paar Füllfederhalter in die Hand gegeben, zum Fühlen, Anfassen“ – hätte das Kauf- und Verkaufsergebnis ein ganz anderes sein können. „Wir haben nämlich ein natürliches Gespür für Qualität“.

Nicht nur bei Produkten. Und die Erkenntnis ist keine Neue: „Wer mit dem Herzen sieht...“ heißt es schon in der Pflichtlektüre vom „kleinen Prinzen“. Auf das eigene sinnliche Empfinden vertrauen – der Lerneffekt im Dunkeln, der Menschen, Strategien, Unternehmen weiterbringen kann. Schlicht: Erst machen wir die Augen zu. Dann sehen wir weiter ...

Info

Michael Lück führt seit 2005 Lichtlos-Workshops durch. Die Hypothese, dass Lichtlosigkeit Kreativität fördert, wurde bisher wissenschaftlich nicht belegt.

Dies möchten das Forschungsinstitut RIF und die TU Dortmund nachholen. In einem Experiment mit 16 Workshops und über 80 Teilnehmern soll untersucht werden, ob Teams in lichtlosen Räumen tatsächlich kreativer als Kontrollgruppen in hellen Räumen sind.

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