Herr Winkelmann, was ist eigentlich ein Ruhrgebiets-Film?

Adolf Winkelmann hat mit Klischees noch nie etwas anfangen können.
Adolf Winkelmann hat mit Klischees noch nie etwas anfangen können.
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Das Ruhrgebiet ist ganz weit vorne. Deshalb liebt der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann das Revier so sehr. Im Interview verrät der Kult-Regisseur, was er von Klischees im Ruhrgebiets-Film hält und auf welche neuen Film-Projekte wir uns jetzt schon freuen dürfen!

Dortmund.. Mit dem Begriff "Klischee" kann Adolf Winkelmann nicht viel anfangen. Ständig wird er danach gefragt, sagt er. Aber wenn Klischees über das Ruhrgebiet nun mal keine Klischees sind, sondern Realität? Wir haben mit dem Dortmunder Regisseur über das Genre "Ruhrgebiets-Film" und seine Liebe zum Revier gesprochen. Und auf zwei neue Projekte dürfen sich Winkelmann-Fans auch schon freuen!

Sind Ihre Filme Ruhrgebietsfilme?

Adolf Winkelmann: Die nennt man wahrscheinlich so, ja. Aber man sagt sich als Regisseur nicht: "Ich mache einen Ruhrgebietsfilm!", sondern will eine Geschichte erzählen. Und um die erzählen zu können, muss man sie verstehen. Man muss die Menschen kennen, die darin vorkommen, muss deren Sprache sprechen. Deshalb sind meine Filme Ruhrgebietsfilme geworden — weil ich mich hier auskenne.

Es kann nicht jeder einen Film machen, der glaubhaft das Ruhrgebiet darstellt. Jemandem aus Bayern würde das schwerfallen, so wie es mir schwerfallen würde, einen alpinistischen Heimatfilm zu drehen. Natürlich kann sich ein Regisseur in eine Region einarbeiten. Aber der Funke, der am Ende überspringen muss, hat etwas mit Leben zu tun — und Leben kann man nicht lernen.

Wie sieht denn die Wirklichkeit aus, die das Ruhrgebiet für Sie so spannend macht?

Winkelmann: Jeden Morgen, wenn ich aus meiner Haustür komme, stehe ich sofort in der Wirklichkeit, die mit interessiert. Da muss ich nicht lange suchen. Das ist unter anderem so spannend, weil das Ruhrgebiet die am weitesten entwickelte Region Deutschlands ist. Probleme, die wir haben, haben andere Regionen noch nicht — werden sie aber bekommen. Deshalb ist bei uns alles ganz vorne, so komisch sich das anhört, wenn man von einer sterbenden Montanindustrie spricht.

Aber dass diese Industrie tot ist, ist ein Zeichen dafür: Wir sind ganz vorne. Wir haben alles schon durchgemacht. Wir sind auch vorne, was die Sprache angeht. Die heute oft verkitschte und nur noch in Klischees gebrauchte Ruhrgebietssprache ist das modernste Idiom des Deutschen. Kein Genitiv, Endungen weglassen, Verknappung, einfache grammatikalische Muster.

Diese Sprachökonomie ist entstanden, weil zu den Westfalen in kürzester Zeit zig Zuwanderer gekommen sind. Zuerst haben die nur ihre Muttersprache gesprochen, Polnisch, Türkisch, Italienisch. Aber wegen der gemeinsamen gefährlichen Arbeit musste ein Verständigungsmittel her — eine gemeinsame Sprache. Und die musste schnell gehen und einfach sein. Sie musste sich als effektive Signalsprache eignen.

Ist Sprache also eine Gemeinsamkeit von Ruhrgebietsfilmen?

Winkelmann: Ja, Sprache ist ein Merkmal aller Filme aus dem Ruhrgebiet. Auch meiner Filme, natürlich. Das kommt ganz von allein und ohne die Sprache zu verkitschen, wie Kabarettisten und Comedians das tun. Die Sprache kommt ganz von selbst, obwohl ich meine Schauspieler nicht danach aussuche, ob sie hier geboren sind. Das wäre ja auch nicht echt — weil das Ruhrgebiet ja auch ein Melting Pot ist.

Und mit der Sprache kommt eine gemeinsame Art Witze zu machen. Unser Humor hängt auch mit der verknappten Sprache zusammen. Damit lässt sich wunderbar trockener Humor produzieren. Daher kommt die "Kohlenpott-Komödie". Beim Humor ist das Ruhrgebiet übrigens nah dran an Berlin. Das merke ich daran, dass meine Filme in Berlin immer extrem gut gelaufen sind.

Sind Ruhrgebietsfilme immer Komödien?

Winkelmann: Nein, das muss nicht sein. Aber auch in Dramen gibt's ja immer wieder was zu Lachen. Wie in der wirklichen Welt.

Gibt es auch typische Probleme in Ruhrgebietsfilmen?

Winkelmann: Ja, ich denke schon. Die Basis ist, dass es sich um wirkliche Probleme handelt, von Menschen, die es wirklich im wirklichen Leben geben könnte. Die wissen, was hart Arbeit und Arbeitslosigkeit ist. Darüber liegt häufig eine komödiantische Oberfläche. Dazu kommt, dass man im Ruhrgebiet immer das Problem hatte, der Entwicklung hinterher zu hinken.

Der Fortschritt in dieser Region passierte so schnell, dass man im Kopf nicht nach kam. Wir dachten, dass wir noch in einer idyllischen Emscher-Flusslandschaft leben, als schon längst das schwere Gerät da war. Wir haben gedacht, wir leben in einer Industrieregion, als alles längst verschwunden war. Eine solche Entwicklungsgeschwindigkeit würde man eher in New York erwarten. Und das ist schon aufregend. In einer großen Stadt zu leben — ich sage extra nicht "Gebiet" — die so schnell gewachsen ist, dass einem dafür nicht mal ein Name eingefallen ist.

Wir sehen das Ruhrgebiet doch heute noch als Industrieregion. Dabei hat das Sauerland uns längst abgelöst. Das Ruhrgebiet ist nur noch der Konsumtempel des Sauerlandes. Und wenn Thyssen-Krupp hier irgendwann keinen Stahl mehr produziert, ist alles vorbei. Dann machen wir nur noch Thier-Galerie.

Ruhrgebiets-Filme — immer die gleichen Themen und Klischees?

Und wie sieht's mit gemeinsamen Themen in Ruhrgebietsfilmen aus?

Winkelmann: Das ist in erster Linie natürlich Industrie und Arbeit. Und natürlich Bergbau und Bier. Und dann ist da noch die Identifikation mit dem Fußball. Als Mensch aus dem Ruhrgebiet habe ich "Nordkurve" gemacht, obwohl ich wusste, dass Fußball-Filme im Kino nicht funktionieren. Fußball guckt man sich eben lieber im Stadion an. Ein Spielfilm darüber wird immer als etwas Aufgewärmtes empfunden.

Das fehlende Selbstbewusstsein ist auch ein gemeinsames Thema. Die Bayern haben ihr "Mia san Mia" — und wir haben unseren Minderwertigkeitskomplex. Ich habe früher zum Beispiel immer gedacht: "Ein ein Professor kann nicht mit der Klangfarbe des Ruhrgebiets sprechen." Das war für mich unvorstellbar. Ich glaube, wir haben immer das Gefühl, dass wir es nicht weit bringen können. Wir sind ja auch immer von woanders regiert worden — aus Düsseldorf, aus Arnsberg. Wenn wir ein stolzes, selbstbewusstes Ruhrgebiet wären, wäre es undenkbar, dass der Regierungspräsident in Arnsberg sitzt.

Gibt es eine gemeinsame Bildsprache von Ruhrgebiets-Filmen?

Ruhrgebiets-Filme Winkelmann: Eher nicht. Mal davon abgesehen, dass die Bildsprache bei allen Ruhrgebietsfilmen davon geprägt ist, dass zu wenig Geld für die Produktion da ist. Man erkennt den Reichtum der Produktion an den Bildern — und der "Production-Value" ist eine Gemeinsamkeit. Man hat zum Beispiel mehr Totalen. Filme, die kein großes Budget haben, nennt man "kleine schmutzige Filme" — und Filme aus dem Ruhrgebiet sind eben das: klein und schmutzig. Und das Schmutzige passt ja zum Ruhrgebiet.

Kann man die Realität im Ruhrgebiet überhaupt in einem Film abbilden? Oder geht das nur mit Klischees?

Winkelmann: Das mit den Klischees ist so eine Sache. Seit ich vor 35 Jahren "Die Abfahrer" gemacht habe, werde ich ständig mit der Klischee-Frage konfrontiert. Ich weiß nie, was ich dazu sagen soll... Ich sag's mal so: Wir hatten für die elf Leinwände in der Ellipse unten im U die Idee, das Ruhrgebiet abzubilden. Ganz maschinell. Dafür haben wir eine Kamera mit automatischem Schwenkkopf auf willkürlich gewählte Kreuzungen und Plätze im Ruhrgebiet gestellt. Als wir uns das Material hinterher angeguckt haben, haben wir gemerkt: Auf den Bildern ist alles, was man vom Bühnenbild eines Ruhrgebietsfilm erwartet. Das Matratzenstudio, der Kiosk, die Moschee — all diese Klischees stehen da wirklich an der Straße. In Bochum, in Dortmund, in Gelsenkirchen.

Also sind Klischees gar keine Klischees, sondern Realität.

Interview Winkelmann: Ich habe mich immer nur von der Wahrnehmung dessen tragen lassen, was es hier gibt. Mit dem Klischee-Begriff habe ich nie was anfangen könne. Das Problem ist: Wenn man all diese Bilder und Klischees in einen Spielfilm einbaut, erzeugt man eine Realität, die vom Zuschauer mit der wirklichen Realität verwechselt wird.

Aber natürlich erzeugt man im Film eine Fantasie-Welt und spricht eine Fantasie-Sprache, die als echt wahrgenommen wird. Und wenn man dann einen Frankfurter fragt, sagt er: "Ja, so reden die alle im Ruhrgebiet". Klar, dass Kunst so wahrgenommen wird, obwohl es stark abstrahiertes, zusammengesetztes Erfundendes ist. Aber was über allem steht ist eben schwierig, weil es diese Klischess... ja, wie soll ich sagen — entweder es sind welche oder eben nicht, weil sie echt sind.

Woran arbeiten Sie aktuell? Gibt's bald einen neuen Winkelmann-Film im Kino?

Winkelmann: Ja, ich habe zwei literarische Entdeckungen gemacht, die das Ruhrgebiet betreffen und an denen wir gerade filmisch arbeiten. Zum Einen haben wir die Filmrechte an Ralf Rothmanns "Junges Licht" erworben und schon das Drehbuch dazu geschrieben. Rothmann erzählt darin seine Kindheit in den 60ern in Oberhausen-Sterkrade. Die zweite Entdeckung ist eher fürs Fernsehen: Der Krimi-Autor Jörg Juretzka aus Mülheim hat jede Menge Ruhrgebiets-Krimis geschrieben — alle mit einem total interessanten Ruhrgebietshelden namens Kristof Kryszinski, einem durchgeknallten Privatdetektiv.

(Nachtrag: "Junges Licht" kommt am 1. Mai 2016 in die Kinos)