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Herr Lenz, warum müssen Ihre Studenten Pornos schreiben?

08.03.2016 | 08:27 Uhr
Herr Lenz, warum müssen Ihre Studenten Pornos schreiben?
Ließ seine Studenten im Seminar "Writing the erotic" Pornos schreiben: Dr. Christian Lenz von der TU Dortmund.Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services

Dortmund.  Studenten schreiben Pornos an der Uni. Das ist nicht jedermanns Sache – aber Dozent Christian Lenz erklärt, wie das Seminar angehenden Lehrern hilft.

"Writing the erotic" hieß sein Anglistik-Seminar an der TU Dortmund. Und damit hat Dozent Dr. Christian Lenz (33) ziemlich Furore gemacht – weil er seine Studenten selbst pornografische Texte schreiben ließ. Das sei zwar nur ein kleiner Teil des Literatur-Hauptseminars gewesen, erklärt er. Der Großteil der Zeit ging für Theorie und das Besprechen von Texten drauf. Aber die Wirkung war groß. Im Interview erklärt Lenz, warum man Pornos nicht verstecken muss und wie das Seminar künftigen Lehrern im Schulalltag helfen kann.

Werden Ihre Studenten jetzt jedes Mal rot, wenn sie Sie sehen?

Christian Lenz: Nein, gar nicht! Ich hatte gerade noch Studenten hier, mit denen ich die Themen ihrer Hausarbeit besprochen habe. Einer analysiert, wie sich im Playboy seit den 70ern die Schambehaarung verändert hat. Das Seminarthema war ja "Writing the erotic" – und selbst Bilder kreieren ja schon eine Geschichte. Eine andere Studentin hat vorhin mit mir über erotische Werbefotografie als Seminararbeit gesprochen. Rot wird davon niemand mehr. Allerdings: Als die Studentin rausgegangen ist, hat sie die Fotos zwischen andere Unterlagen gesteckt mit den Worten "Muss ja nicht jeder sehen." Als ich gefragt habe: "Warum? Das sind doch ganz normale schöne Fotos?" meinte sie nur: "Stimmt", hat sie aber trotzdem versteckt.

Sie haben Ihr Seminar nicht versteckt. Sie hätten das Thema ja auch zwischen Klassikern der erotischen Literatur des 19. Jahrhunderts verstecken können.

Lenz: Ich sehe gar keinen Sinn darin, das Thema zu verschleiern. Warum auch? Das Thema ist eben aktuell. Wir leben in einer sehr sexualisierten Gesellschaft – dann muss man darüber auch sprechen können.

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Hätte es dafür nicht gereicht, erotische und pornografische Texte zu lesen – und nicht noch selbst zu schreiben?

Lenz: Das Schreiben der Texte ist wichtig. Man kann nur ein guter Wissenschaftler sein, wenn man alle drei Aspekte eines Textes besprochen hat: die Leseart, also wie ein Text vom Leser aufgenommen wird, die Analyse und die Produktion. Denn nur, wer selbst einen Text geschrieben hat, versteht wie schwierig das ist – bei einem Porno zum Beispiel nicht immer die gleichen Wörter zu benutzen.

Funktioniert pornografische Literatur nicht genauso wie andere Literatur? Sprachgefühl und Kreativität braucht man doch immer.

Lenz: Auf jeden Fall – aber beim Porno eben noch viel mehr. Nicht jeder Begriff ist als Synonym geeignet. Wenn man zum Beispiel ständig „Penis“ und „Vagina“ schreibt, stellt sich kaum eine pornografisch aufgeladene, erotische Grundhaltung ein. Die Wörter sind einfach sehr wissenschaftlich und unemotional. Und Beschreibungen sind das auch manchmal. Deshalb hatten wir Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen – Weihnachten, Insel, Feuer…

Weihnachten? Wie kann man denn einen weihnachtlichen Porno schreiben?

Lenz: Oh! An der Zuckerstange lecken, bis es schneit… Die Studenten mussten bei dieser Aufgabe möglichst viel in Bildern beschreiben. Wie viele Synonyme kann man finden? Und kann man daraus dann noch eine Geschichte bauen? Das stellen sich alle so einfach vor – aber man kann nicht mal eben einen Porno aus dem Ärmel schütteln.

Haben alle Studenten das Seminar durchgezogen? Oder haben einige aufgegeben und gesagt „Das ist mir zu viel.“

Lenz: Ja, das haben definitiv einige gesagt. Aber nicht „zu viel“ im Sinne von „inhaltlich zu viel“, sondern „zu viel Lese- und Schreibaufwand“. Ich erwarte viel. Das tue ich in meinen Seminaren immer. Aber ob jemand wegen des Inhalts aufgegeben hat, das glaube ich nicht. Wenn ich mich für ein Seminar zum Thema Pornografie anmelde , kann ich hinterher nicht sagen: „Nee, war mir zu heikel.“ Solche Reaktionen kamen von meinen Studenten nicht.

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Welche Reaktionen kamen denn überhaupt?

Lenz: Intern war das gar kein Problem. Meine Kollegen wissen eh, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme und Seminare mache, die nicht immer dem klassischen Kanon entsprechen. Harte Reaktionen kamen nur von der Öffentlichkeit: Manche meinten, ich mache nur Schweinkram – aber das stimmt nicht. Wir haben erheblich mehr über Erzähltheorie gesprochen als übers Ficken. Als Reaktion auf einen Artikel im "Spiegel" meinten viele in den Kommentaren, dass ich Steuergeld verschwende. Mein Highlight ist diese Mail: „Da braucht man sich wirklich nicht zu wundern, dass die sogenannten Eliten nicht führen können. Sie scheinen da einen Anteil dran zu haben.“ Ich bin offensichtlich für den Verfall der Gesellschaft verantwortlich. Für den Weltuntergang, für alles. Da frage ich mich: Wenn jemand so reagiert – ist das Prüderie oder Unverständnis für die Freiheit der Lehre? Ich fand das eher belustigend und würde lieber persönlich mit diesen Leuten sprechen. Aber das traut sich dann wieder niemand. Man redet ja nicht über Erotik, und erst recht nicht über Pornografie.

Warum haben Sie das Seminar überhaupt gemacht? Haben Ihre Studenten einen Erkenntnisgewinn daraus gezogen?

Lenz: Auf jeden Fall. Es ging ja darum, wie bestimmte Textformen funktionieren. Und gerade im Teil zu Hardcore-Pornos sind viele Studenten nicht in der vorgegebenen Zeit mit dem Schreiben ihrer Texte fertig geworden. Sie haben sich damit aufgehalten, Namen zu erfinden, sich zu überlegen, was die Personen tun und warum sie da sind, worüber sie reden… Aber das ist für den Porno nicht wichtig. Die Leute brauchen nicht mal eine Identität. Wichtig ist der Körper. Können die? Ja, immer. Wie lange können die? Grundsätzlich so lange wie nötig. Und haben beide Spaß? In jedem Fall. Es braucht keine Inhalte, sondern nur eine Struktur. Es beginnt mit Küssen, wobei das auch übersprungen werden kann. Dann kommt die orale Phase, dann die Penetration, dann endet es mit dem Orgasmus des Mannes. Außer, es ist ein lesbischer Porno.

Wer schreibt denn eigentlich die besseren Pornos – Männer oder Frauen?

Lenz: Hm – das ist nicht eindeutig zu sagen. Das würde ja bedeuten, dass wir immer merken, ob eine Frau oder ein Mann einen Text geschrieben hat. Was ich allerdings bemerkt habe: Am Anfang des Seminars hieß es mal, eine Frau sollte über so was doch nicht schreiben. Oder: „Ein Mann kann nicht über die Gefühlswelt einer Frau schreiben.“ Das ist absoluter Quatsch. Wenn es danach ginge, wäre unsere gesamte Literatur dermaßen blutleer. Es gibt zum Beispiel sehr viele Frauen, die schwule Erotik schreiben. Die haben davon körperlich überhaupt keinen Mehrgewinn. Es muss also eine rein emotionale Beziehung zwischen Geschriebenem und Autor geben – was das Märchen widerlegt, dass Männer besser Männergeschichten und Frauen besser Frauengeschichten schreiben. Sonst wäre in der Literatur ja gar keine Kreativität mehr gefragt!

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...und Ihre Studenten waren ja sehr kreativ. Wie benotet man das?

Lenz: Die frei geschriebenen Texte habe ich eher bewertet als benotet. Ich habe nur beurteilt, ob sich der Schreiber an Konventionen gehalten hat. Porno muss schnell zur Sache kommen, braucht eine direkte, harte Schreibweise, ist die schnelle körperliche Befriedigung – dagegen ist Erotik sensible, emotionale Verführung. Wenn jemand ständig zwischen den Genres wechselt, ist es kein guter Text. Aber was ich nicht wollte: moralisch bewerten! Ich maße mir nicht an zu benoten, was jemand persönlich von sich preisgibt. Oder zu bewerten, welche sexuelle Spielart besser ist. Es gab auch Texte über Sex mit Tieren, und darüber möchte ich gar nicht urteilen. Wenn ich das zensiere bin ich nicht besser als die, die gar nicht über Porno reden. Es ging nur darum, literarische Regeln zu verstehen und anwenden zu können.

Was haben ihre Studenten davon – oder weiter gefasst: Schüler in der Schule? Die meisten Studenten sind ja angehende Lehrer.

Lenz: Die Schüler haben davon sehr viel – nämlich aufgeklärte Lehrer. Mir ist klar, dass man Erotik und Porno nicht in der Schule unterrichten kann. Aber wir leben in einer sehr sexualisierten Gesellschaft. Da ist es wichtig, dass Lehrer nicht jedes Mal knallrot werden, wenn ein Schüler „Pimmel“ sagt und alle anfangen zu gibbeln. Aber wenn der Lehrer gelernt hat, analytisch mit dem Thema umzugehen, kann er dem Wort das Tabu nehmen. Das können meine Studenten jetzt: abgeklärt an ein sehr emotionsgeladenes Thema herangehen. Und das bringt im Schulalltag sehr viel.

Also ist das beste Mittel gegen kindisches Kichern, selbst mal einen Porno geschrieben zu haben.

Lenz: Könnte man sagen. Dann hat man zumindest gemerkt, dass das harte Arbeit ist – und nicht literarische Selbstbefriedigung. Es gibt Autoren, die davon leben. Es ist also nichts Besonderes. Es ist nur anders.

Katrin Figge

Kommentare
10.03.2016
09:03
Herr Lenz, warum müssen Ihre Studenten Pornos schreiben?
von oecher_jong | #12

Weil sie auf das nächste Schopping und Saufgelage warten.....und auf die Nächste ÖPNV nicht Fahrptreiserhöhung warten.

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2016-03-08 08:27
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