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Prozess

Hebamme in Dortmund wegen Totschlags zu Haftstrafe verurteilt

01.10.2014 | 16:22 Uhr
Hebamme in Dortmund wegen Totschlags zu Haftstrafe verurteilt
Eine Ärztin und Hebamme wurde vom Landgericht in Dortmund zu einer Haftstrafe verurteilt, weil ein Baby unter ihrer Obhut tot zur Welt gekommen war.Foto: dpa

Dortmund/Unna.  Bei einer Hausgeburt in Unna war die kleine Greta tot zur Welt gekommen. Die Hebamme wurde deswegen vom Landgericht Dortmund wegen Totschlags zu über sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Die Frau sah vor Gericht nicht ein, dass sie einen Fehler gemacht hatte, präsentierte sich hingegen als Märtyrerin.

Der Tod der kleinen Greta bei einer Hausgeburt in Unna ist aus strafrechtlicher Sicht gesühnt. Das Landgericht Dortmund verurteilte am Mittwoch die Hebamme und Ärztin Anita R.-L. (61) wegen Totschlags zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis. Außerdem ordnete die Kammer ein lebenslanges Berufsverbot an.

Die Angeklagte präsentierte sich nach dem Urteil als Märtyrerin, als von der Justiz zu unrecht verfolgte Unschuld. „Ich gehe unschuldig in das Gefängnis“, sagte sie. Unterstützer aus dem Kreis der Hebammen umarmten sie, sprachen ihr Trost zu.

Dabei hatte Richter Wolfgang Meyer im fast drei Stunden dauernden Urteil deutlich gemacht, dass die Hebamme wegen erheblicher Verletzung ihrer Sorgfaltspflicht verurteilt worden sei. Scharf kritisierte er Zuhörerinnen, die in Internet-Beiträgen schon mal von einer „Hexenjagd“ auf Hebammen gesprochen hätten. Dies sei völlig daneben.

Gericht sprach von "unverantwortlichem Handeln"

„Unverantwortliches Handeln“ bescheinigte das Gericht der Angeklagten. Sie habe sich in ihrem Berufsleben schon früh gegen die Geburtsmedizin positioniert und sich immer für die natürliche Geburt außerhalb einer Klinik ausgesprochen. Aus dieser Haltung heraus verzichte sie auf die Messung etwa von Herztönen des ungeborenen Kindes, kläre die Schwangeren auch nicht über die Risiken bestimmter Geburten auf.

Hoffnung auf Anita R.-L., die in Fachkreisen der Hebammen als Kapazität gilt, hatte sich ein in Lettland lebendes deutsches Paar gemacht. Obwohl das Kind zum Ende der Schwangerschaft in der als Risiko eingestuften „Beckenendlage“ lag, beruhigte Anita R.-L. die beiden, die das Kind in einer Hausgeburt in Deutschland zur Welt bringen wollten. Richter Meyer: „Die Beckenendlage ist in einigen Fällen lebensbedrohlich und nicht eine Variante der Normalgeburt, wie die Angeklagte Glauben machen wollte.“

Schwangere konnte das Hotelzimmer nicht mehr verlassen

Auf den Rat der Hebamme mietete das Paar ein Zimmer in einem Hotel in Unna. Obwohl es am 30. Juni 2008 frühmorgens die ersten Wehen an die Hebamme meldete, wurde diese noch nicht aktiv. So kam es dazu, dass die Schwangere später aus Schwäche  das Hotelzimmer nicht mehr verlassen konnte. Erst nachmittags kam die Hebamme, verzichtete aber darauf, die Verlegung in eine Klinik zu veranlassen.

Die kleine Greta hatte so keine Chance. Tot kam sie um 22.14 Uhr zur Welt. Überlebt hätte sie, wenn sie noch um 19 Uhr in eine Klinik gebracht worden wäre.

„Sie hatte auch Angst um ihr Ansehen, um ihre fachliche Reputation“, nannte Richter Meyer ein Motiv der Angeklagten, warum sie keine Klinik eingeschaltet und den Tod des Kindes billigend in Kauf genommen hatte. Er erinnerte daran, dass der Tod Gretas kein Einzelfall gewesen sei. 2007 sei ein Kind bei einer ähnlichen Konstellation tot zur Welt gekommen. Damals hätte die Notärztin auf Verlangen von Anita R.-L. ohne eigene Untersuchung einen natürlichen Tod bescheinigt.

Notarzt hatte empört abgelehnt

Verlangt hatte die Hebamme das auch vom Notarzt, der ihr den natürlichen Tod Gretas bescheinigen sollte. Das hatte er aber empört abgelehnt und die Polizei eingeschaltet.

Von den sechs Jahren und neun Monaten Haft, auf die von der Kammer erkannt wurden, gelten drei Monate wegen „rechtsstaatswidriger Verfahrensverzögerung“ bereits als verbüßt. Insgesamt hat die Hauptverhandlung zweieinhalb Jahre gedauert. Diese Verfahrenslänge sei aber vor allem zahlreichen Anträgen der Verteidigung zu verdanken, die sich im Nachhinein als unbegründet erwiesen hätten.

Stefan Wette

Kommentare
29.10.2015
23:14
Hebamme in Dortmund wegen Totschlags zu Haftstrafe verurteilt
von Narvinja | #6

Gerade läuft der Bericht im WDR zu diesem Geschehen. Ich bezweifel hier ganz erheblich die Unparteilichkeit des Gerichtes. Es wird berichtet, dass die...
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2014-10-01 16:22
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