Hartes Brot statt Sahneschnittchen
02.02.2010 | 18:30 Uhr 2010-02-02T18:30:00+0100
Dortmund. Noch 'n Toast, noch 'n Ei – noch 'n paar Lösungsvorschläge für Nordstadt-Probleme: In Schnupperweite von Berliner Ballen und „Bernd sein Brot” bat die CDU gestern zur „Bürgersprechstunde”. Ein Krisengespräch bei Kaffee und Tee.
Bäckerei Dahlmann, Mallinckrodtstraße 30. Familientradition seit 1906. Zwei Weltkriege hat der Betrieb überstanden. Jetzt stünden andere Feinde vor der Tür, beklagt Annemarie Dahlmann. Auf Werbeschildern steht: „Wir backen ohne Gelatine”. Aber mit Wut im Bauch. „Ich fühle mich überrannt von Bulgaren, Drogensüchtigen und Alkoholikern. Die sind krank? Dann gehören sie ins Krankenhaus, aber nicht in dieses Wohnumfeld”, zischt die Chefin.
"Warum stehen die Bulgaren hier?"
Es gebe ja den Vorschlag des Trinkerraums, versucht sich CDU-Stadtbezirksvize Gerda Horitzky als Moderatorin. Die Bäckerin bleibt bei den Bulgaren. „Warum stehen die hier? Warum nicht vorm Rathaus? Warum nicht bei Herrn Pohlmann zu Hause? Sollen wir wegziehen? Dann sollen die Politiker es uns sagen!” Recht habe die Frau, sagt Kirsten Gilakis, Sprachrohr der Nordstadteltern. Ihre Forderung: Gewerbeschein- und Meldepflicht für Prostituierte, „damit die auch Steuern zahlen. Und strenge Kontrollen der Wohnungsbelegungen.”
„Für mich Cappuccino”, sagt Joachim Pohlmann. Die Kaffeemaschine kocht, die Wahlkampfmaschine dampft. „Lasst uns das mit dem Trinkerraum mal probieren, um die von der Straße zu kriegen”, sagt der CDU-OB-Kandidat. Christian Schmitt, Chef der Wohnungsgesellschaft am Platze, schildert Alltägliches aus dem Norden: Fünf Leute in einer Ein-Raum-Wohnung, schlafen und dealen im Schichtbetrieb, Hausverkäufe an das bulgarische Umfeld, getreu dem Geschäftsmodell: „Hohe Miete kassieren, der Rest ist mir egal.”
Fixerbestecke und Notdurft im Hausflur
„Diese Sprüche haben wir von ihrer Frau Hetmeier genug gehört”, fällt ihm Erich Matzmohr, selbst ernannter Nordmarkt-Aktivist, ins Wort. „Ich bin geladen”, poltert er. „Platzen Sie, aber bitte ruhig”, mahnt Schmitt. „Und überhaupt: Das ist nicht meine Frau Hetmeier!” Die Atmosphäre: leicht gereizt.
Schmitt versucht eine Versachlichung, skizziert die Abwärtsspirale im Norden: viel zu wenig Sicherheitsdienste, immer mehr Angriffe auf Passanten, Fixerbestecke und Notdurft in den Hausfluren – „wer das einmal erlebt hat, zieht weg”.
"Ich kann sie nicht wegbeamen"
Schuldige werden gesucht und gefunden: Ordnungsdezernent Steitz, die Polizei, die SPD. Die CDU habe auch nicht viel auf der Pfanne, kritisiert Schmitt mit Blick auf den Nordmarkt. Trinker hätten sich das Trinken „nicht ausgesucht”, entgegnet Pohlmann. „Und ich kann sie nicht wegbeamen.” In einem Saufraum sei die Szene „kontrolliert und etwas versteckt”. Den Versuch sei es wert, nickt Schmitt.
Die Bürgerliste protestiert. Alles nur Flickschusterei, eine Maßnahme konterkariere die andere – „siehe Urban II: keine Vernetzung, kein Nutzen”, schimpft Heinrich Mödder. Millionen seien schon im Norden versickert. „105 soziale Anlaufstellen wurden hier mal gezählt”, weiß Horitzky. „Nichts haben sie gebracht.”
Nach anderthalb Stunden ist das Thema abgefrühstückt. „Solche Runden ändern nichts”, meint Kirsten Gilakis. Sie muss weg. „Vernetzung am Mittagstisch: Essen kochen.”
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