Harte Kritik an Envio-Sanierungsplan
22.10.2010 | 05:00 Uhr 2010-10-22T05:00:00+0200
Dortmund.Im Auftrag der Bezirksregierung erstellt die Lüner Firma Taberg das Sanierungskonzept für das verseuchte Envio-Gelände. Ende Oktober soll es vorgelegt werden. Doch schon jetzt gerät der Gutachter in die Kritik. Die Vorwürfe: zu niedrig angesetzte Kosten, fachliche Mängel. Der PCB-Berater der Vereinten Nationen spricht von Inkompetenz.
1,8 Millionen Euro. Mit dieser Summe rechnet die Taberg Ingenieure GmbH für die Sanierung des verseuchten 55 000 qm-Geländes. Auf dieser Kalkulation basiert auch die Sicherheitsleistung, die Arnsberg von Envio fordert. Talberg hat sie taxiert. Die entsprechende Kostenermittlung – samt Sanierungsempfehlungen – liegt der WR vor. Demnach lagern in Halle 1, Halle 55, überraschenderweise auch in Halle 51, ferner im Zelt und im Freien insgesamt ca. 31 500 Liter PCB-haltige Öle in Tanks und Fässern, ca. 350 Tonnen PCB-haltige Transformatoren, ca. 121 Tonnen PCB-haltige Kondensatoren, ca. 663 Tonnen Bleche und anderes Lagergut in Boxen, ca. 100 Tonnen Fräsgut (Beton, Asphalt) sowie ca. 55 Tonnen Boden, Auffüllungen und Schotter.
Die Firma Taberg ist Gutachter der Bezirksregierung. Ende Oktober soll ihr Sanierungskonzept stehen.
Ende November soll die Sanierung beginnen.
In der Pflicht steht zunächst Envio.
Sollte die Skandalfirma die Arbeiten nicht übernehmen, träte die Bezirksregierung ein.
Taberg schätzt die Sanierungskosten objektweise: 424 720 Euro für Halle 1, 50 560 Euro für Halle 51, 224 170 Euro für Halle 55, 110 380 Euro für die Bürogebäude, 68 720 Euro für das Zelt, 63 000 Euro für die Freiflächen, 74 965 Euro für die Sanierung, 211 530 Euro für die Abfallentsorgung, 156 000 Euro für Ingenieurkosten und Analysen, plus 137 805 Euro für Unvorhergesehenes – 1 803 861 Euro brutto.
Michael Müller, bis Ende 2003 beim Envio-Vorgänger ABB, heute PCB-Berater der UN, nimmt die Taberg-Kalkulation komplett auseinander. „Völlig unterbewertete Entsorgungskosten, die aufgezeichneten Entsorgungswege und die realitätsferne Einschätzung der Kontaminationstiefe“ sprächen für wenig Fachkenntnis, sagt er. Die empfohlene Verpackung gereinigter Trafos in Schrumpffolie verstoße gegen die Vorschriften für Gefahrgut auf der Straße. Zum angestrebten „Reinigungserfolg“ durch Saugen und Nachwischen sagt Müller: „Das kann man bei Asbest so machen, aber nicht bei PCB.“ Der Kostenansatz für Halle 1 , den Schwarzbereich: „völlig daneben“; Demontage und Dekontaminierung seien „wesentlich aufwändiger“.
Kalkulationen zum Teil lächerlich
„Sehr vage und riskante Angaben“ sieht der weltweit tätige Experte häufig. „Die Innenreinigung mit 30 000 Euro anzugeben, ist fatal. Mir scheint, die Firma weiß nicht, was PCB ist.“ Die Kalkulation für das Zelt: „lächerlich“. Gleiches gelte für eine mittlere Sanierungstiefe von 2 cm für befestigte Oberflächen. Teile der Hallenböden seien womöglich „noch in mehreren Metern kontaminiert“. Ebenso unzureichend: 10 cm Sanierungstiefe im unbefestigten Bereich. „Die Entsorgungskosten mit 0 bis 700 Euro pro Tonne anzugeben, ist unglaublich. Hier will man schönrechnen“, sagt Müller. Vor allem bei höchstverseuchten Bindemittel-Trafos werde es deutlich teurer. Und PCB-haltige Bleche auf einer Deponie zu entsorgen – Müller schüttelt nur den Kopf. „Mit PCB haben die noch nie etwas gemacht“, glaubt er und rät: „Finger weg, kann ich da nur sagen.“
Die WR bat Dr. Michael Kurtenacker, Geschäftsführer der Firma Taberg, um eine Stellungnahme. Das Unternehmen habe „durchaus ziemlich viel Erfahrung in dieser Richtung“, sagte er. Ins Detail gehen mochte er nicht.
19:05
@5, vaikl
Entschuldigung, aber warum immer so kryptisch? Ich will mich auch hier - ihre teilweise luciden Einwendungen helfen dabei mitunter sehr - über das Thema informieren, da es mich unmittelbar betrifft.
Nun, es gibt keinen Grund, Ansprüche zu stellen, aber der ein oder andere Link (gerade, wenn schon mal geposted), wäre der Diskussion förderlich, da nun mal nicht jeder Journalist ist/sein kann. Ansonsten danke.
18:50
Liebe Moderation, dass es durch PCB-Ausschwemmungen aus Bergwerken der RAG Deutsche Steinkohle AG zu PCB-Kontaminationen von Fischen in der Saar gekommen ist, ist eine aktuelle Feststellung des Saarbrücker Umweltministeriums - also genauso offiziell wie die Funde des LANUV bei Envio.
Dass der deutsche Bergbau alte, mit PCB-Ölen betriebene Hydrauliksysteme im Berg belassen hat, weiß Niemand besser als unsere Bezirksregierung als Obere Bergbaubehörde in NRW. Dass PCB-belastete Trafos in Untertage-Deponien eingelagert werden, ist LAGA-Standard. Dass Herr Dr.-Ing. Reinhard Bassier, GF von Taberg, vormals Produktionsleiter der Zeche General Blumenthal und später Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Montan Technologie GmbH war, ergibt sich aus zahlreichen Web-Dokumenten.
Welche juristischen Schlüsse lassen sich denn daraus ziehen?
17:57
Der neue RP hat die gleichen Experten um sich wie der Alte........
Wer hat nochmal den Schlamassel angerichtet?
17:05
Mit dem neuen RP wurde alles besser ........
16:51
„Im Auftrag der Bezirksregierung erstellt die Lüner Firma Taberg das Sanierungskonzept für das verseuchte Envio-Gelände.“
Ja, aber wer bezahlt das Gutachten?
Nach BImSchG zahlt das die Firma, die auch die Sanierung bezahlt.
Hört sich ganz danach an, dass die Envio Geschäftsführung und die BR Arnsberg zusammen mit dem Gutachter die Zielsetzung festgelegt haben.
Aber der Gutachter hat ja durchaus viel Erfahrung.........
Hier soll lediglich der Öffentlichkeit vorgegaukelt werden das man das Problem im Griff hat.
16:35
Müller schüttelt nur den Kopf. „Mit PCB haben die noch nie etwas gemacht“
Zumindest einer der Geschäftsführer dieser Taberg Ingenieure war mal Produktionsdirektor auf General Blumenthal und danach bei der DMT. Also weiß der doch genau, wie der Bergbau mit PCB in Hydrauliksystemen untertage umgegangen ist.
An der Saar z.B. sind aktuell die Fische aufgrund von Ausschwemmungen aus RAG-Bergwerken PCB-verseucht.