Hardrock kam nicht in mein Mädchenzimmer
18.02.2010 | 18:32 Uhr 2010-02-18T18:32:00+0100
Sie war eine der Ikonen der Neuen Deutschen Welle: Inga Humpe. Im Jahr 2000 hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährtin Tommi Eckart eine "2raumwohnung" bezogen. Am 26. Februar kommt sie mit dem Projekt "2raumwohnung" ins FZW.
Ist es richtig, dass die Fans von „2raumwohnung” es einem Werbespot zu verdanken haben, dass es das Duo überhaupt gibt?
Das ist nicht ganz richtig. „2raumwohnung” gab es schon vorher. Doch dieser Spot war die Initialzündung weiter zu machen.
Und dann kam die Idee für das Album und die Tour?
Ja genau. Der Vorteil war, dass niemand wusste, dass wir hinter dem Namen stecken. So konnten wir in Ruhe arbeiten, niemand hatte Erwartungen an uns. Und so konnten wir auch experimentieren. Irgendwer hat den Song zum Radio gebracht. Und dann ging es los. Wir haben am Anfang gar nicht gedacht, dass das ein Projekt wird. Aber manchmal entstehen aus so einer Unbefangenheit größere Sachen. Das war nicht so geplant.
"Wir wollten auch mit den Medien spielen"
Woher stammt denn der Name „2raumwohnung”?
Den hat sich Tommi ausgedacht (Anm: Ihr Ehemann Tommi Eckart). Es ging darum, auch ein bisschen mit den Medien zu spielen. Und wir haben so getan, als seien wir eine junge Gruppe aus dem Osten. Denn daran kann man den Ostler ja erkennen. Im Westen sagt man Zweizimmerwohnung, im Osten „2raumwohnung”. Außerdem ist das Wort „Raum” so poetisch. Mit dem man schön spielen kann.
War der Erwartungsdruck damals sehr groß, denn sowohl Sie als auch ihr Musik- und Lebenspartner Tommi Eckart waren ja musikalisch bestens bekannt?
Deshalb haben wir uns auch so benannt, da wir es lieber im Dunkeln lassen wollten. So konnte man uns nicht gleich so zuordnen. So hatten wir wenigstens ein Stück Freiraum und konnten die Musik wirken lassen, nicht die Namen. Das war anfangs auch entscheidend, dass es nur um die Musik ging. Der Druck ist erst mit der Zeit entstanden, als das erste Album raus war und so erfolgreich war. Dann will man den Erfolg halten und dann entsteht zwangsläufig Druck.
Unser Hintergrund ist die Clubszene
Wie kam es denn zu der musikalischen Ausrichtung?
Das hat ne lange Geschichte. Wir kommen beide aus der Clubszene. Tommi hat ja sehr viel Clubmusik gemacht. Und ich habe in den 90er Jahren nicht sehr viel gesungen, sondern mich mit elektronischer Musik und Beats beschäftigt. Ende der 90er gab es dann nur wenige Leute, die darauf gesungen haben, auf diesen Clubsound, schon gar nicht in Deutsch. Deswegen hatte das auch so was Innovatives. Wir hatte ein großes Feedback, dass wir stilprägend waren, auch in der Clubszene. Da wurden die Sachen urplötzlich auch gespielt.
Das war damals ja etwas völlig Neues in der Musik...
Das stimmt. Es gibt es auch heute noch relativ wenig. Und dieser Clubhintergrund hatte dann auch immer so was wie das erste Stücke „Wir trafen uns in einem Garten”, so ein bisschen Indie-Gefühl, das mit akustischen Gitarren. Und das war unser Sound. Auf einem Album haben wir Dinge gemacht, die man bis dahin nicht auf einem Album hätte präsentieren können. Das waren eigentlich musikalische zwei verschiedene Welten. Doch die Kombination war auf einmal interessant, angesagt, obwohl wir selbst lange daran experimentiert hatten. Und dann ging's auf einmal.
Lob von Fans und Kritikern
Und erstaunlich, dass sowohl Kritiker als auch Fans darauf abgefahren sind...
Ja, das auch noch nach dem siebten Album. Uns geht es auch heute noch um diese Frische, für die man uns gelobt hat. Da sind wir bemüht, das zu halten, im Sound und auch in unserer Haltung, was man in den Songs erzählt.
Sie sagten selbst, dass der Druck nach dem Erfolg des ersten Album gestiegen ist, auch nach dem Mega-Erfolg von 36 Grad?
Im Grunde genommen war der Druck schon vor 36 Grad extrem hoch. Das ging beim zweiten Album in Wirklichkeit schon los. Da hatten wir sehr wenig Zeit, haben gehofft, dass es trotzdem klappt. Uns geht's darum, dass man trotz des Drucks locker bleibt und vielleicht nicht immer brav alle Erwartungen erfüllt.
Archaischen Rhythmen
Wenn man die musikalische Entwicklung der letzten Jahre sieht, wie würden Sie sie beschreiben?
Wir sind schon ein bisschen mehr in eine Songstruktur gegangen, in eine klassische. Obwohl auf dem neuen Album „Lasso” auch immer wieder so genannte Tracks sind, wo alles über eine Harmoniefolge passiert. Der Beat ist aber immer wieder das zentrale Element. Auch unser Bossa Nova-Album ist sehr rhythmusorientiert. Das zieht sich durch die Alben. Auf 36-Grad gab es mehr Instrumente. Auch jetzt haben wir sehr viel mit der Band eingespielt. Wenn wir jetzt was Neues machen würden, was ich aber auf keinen Fall will, denn ich brauche mal ne Pause. Dann würde das vielleicht wieder minimaler werden. Immer wieder ein anderer Schwerpunkt. Das Lasso-Album ist trommellastig mit archaischen Rhythmen.
Das Album erinnert mich auch an die 70er Jahren...
Ja, das ist richtig. Das war damals auch so progressive Musik. Natürlich habe ich über die Jahre viel gehört und dazu gehörten eben auch die 70er Jahre, wo die Musik aus bestimmten Regeln ausbricht.
Ich war ein George Harrison-Fan
Was haben Sie denn in den 70er Jahren gehört?
Ich war George Harrison Fan. Jaaa. Aber ich habe auch wie alle Pink Floyd gehört, Neil Young und Melanie. (lacht).
Aber keinen Hard rock?
Nein. Nie. Das ist der Unterschied. Tommi zum Beispiel hat nur Hardrock gehört. Hardrock kam nicht in mein Mädchenzimmer. Das fand ich damals ganz furchtbar.
„2raumwohnung” gibt es ja schon seit zehn Jahren. Planen Sie was Besonderes in diesem Jubiläumsjahr?
Wir werden wohl nicht feiern. Bei uns wird wohl 11 Jahre 2raumwohnung gefeiert. Denn wir haben überhaupt keine Zeit. Wir sind so viel unterwegs. Wir sind in China, spielen in Südafrika. Unsere Reiseroute Shanghai - Duisburg. Da ist echt viel los. Da ist keine Zeit für ein Jubiläumsalbum. Da haben wir uns entschieden, das erst im nächsten Jahr zu feiern.
"Ich bin stolz auf meine Schwester"
Im Musikgeschäft gibt es ja auch Ihre Schwester, Annette. Wie ist das musikalische Verhältnis zu ihr? Gibt's Neid, einen internen Wettstreit?
Inga Humpe wurde 1956 in Hagen geboren.
Zusammen mit ihrer Schwester Annette gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Neonbabies.
Sie war auch Mitglied von DÖF und landete mit deren Hit Codo („Ich düse, düse im Sauseschritt“) einen der größten Hits der NDW.
„2raumwohnung” spielen am 26. Februar im FZW.
Tickets: VVK 24 €, AK 30 €.
Infos www.fzw.de
Das war früher viel schlimmer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Schwester neidisch ist auf mich, umgekehrt bin ich überhaupt nicht neidisch auf sie. Ich bin sehr stolz auf sie. Denn sie ist ja super erfolgreich mit „Ich & Ich”. Wir spielen uns unsere Sachen auch gegenseitig vor. Annette hat sogar ein Stück mit geschrieben, „Und ich dreh”. Wir nehmen das mittlerweile sehr entspannt. Die beiden Bereiche sind ja auch so unterschiedlich. Bei „Ich & Ich” singt ja Adel, Annette ein bisschen hintergründig. Und „2raumwohnung” ist noch mal ganz was Anderes. Das sind wirklich zwei Welten. Und so kommen wir uns auch nicht ins Gehege.
Ihre Schwester hat sich von der Bühne zurückgezogen. Wäre das auch für Sie denkbar?
Das sehe ich nicht. Ich brauch' nur mal wieder ein bisschen Auslauf. 2raumwohnung ist so dominant geworden. Und wenn wir unser Jubiläum 2011 gefeiert haben, könnte ich vielleicht mal ne Pause machen. Zurückziehen von der Bühne, nee. Das Positive am Projekt ist, dass es eben jede musikalische Entwicklung erlaubt. Deshalb müssen wir das nicht auflösen und dann sagen: Jetzt mach' ich ein Soloalbum, oder ich sag: Jetzt mach ich nur was mit Streichern. Das könnten wir alles innerhalb von 2raumwohnung platzieren. Das ist das Gute, dass es einen Riesenfreiraum bietet, nicht nur 2raum, sondern auch Freiraum.
Das heißt, dass 2raumwohnung eine musikalische Zwischenstation ist?
Ja, eigentlich bin ich da angekommen, hab das bewusst so gesteuert. Außer dass es mich beansprucht, macht es ungeheueren Spaß und bietet die Freiräume, die ich benötige. Manchmal ist es nur sehr schwer, den ICE anzuhalten, wenn er auf Fahrt ist. Und das Bremsen dauert manchmal so ein halbes Jahr, oder ein Jahr. Und wenn wir dann in 2011 ein Best of-Album machen, dann muss man selbst ja nicht so präsent sein. Dann kann auch die Musik für sich sprechen. Dann können wir zur Ruhe kommen, hoffentlich neue Impulse bekommen, um neue Frische zu erleben, um neue Dinge zu entwickeln.
Diese Freiheit ist für Sie wichtig, nicht in ein Korsett eingezwängt zu sein...
Das wäre für mich total abturnend. Das war in den 80er Jahren, als alles nach einem bestimmten Schema passierte. Da hab’ ich mich immer gegen gewehrt, auch gegen kommerzielle Regeln. Und irgendwann war die Zeit auch dafür reif, dass wir uns das so erlauben konnten, wie wir's gemacht haben. Aber es hat ja auch ganz schön lange gedauert.
Keine alten Schinken
Wenn Sie auf Tour gehen, gibt es ja eine Menge Material. Werden Sie auch was aus der Zeit der Neuen Deutschen Welle bringen?
Das hatten wir mal überlegt. Ob wir nicht mal als Zugabe so nen alten Schinken spielen. Aber wir haben so viele eigene Lieder. Und eigentlich ist es schöner, ein Lied von uns zu spielen, das wir live noch nicht gebracht haben. Für die alten Sachen muss man auch eine aktuelle Version finden. Soweit ist es noch nicht gekommen Vielleicht muss man das zu einer Best of mal machen.
Wenn Sie nach Dortmund kommen, ist das ja auch eine Rückkehr in die alte Heimat...
In Hagen geboren, in Herdecke aufgewachsen, in Witten zur Schule und in Dortmund zum Ballettunterricht. Wir sind ja auch im Vorfeld in Krefeld, da kommen Freunde hin. In Dortmund sind aus meiner Klasse Leute. Ich bin ja schon mit 20 da weggegangen. Meine Heimat ist Berlin. Meine Kindheit, da fahre ich mal nach Herdecke, wenn's Wetter schöner ist. Bei so einen Konzert hat man wenig Zeit. Meine Eltern leben nicht mehr. Wenn ich Zeit habe, würde ich schon mal gucken, wie die Schule aussieht, oder ob's die Eisdiele noch gibt...
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