Hans Adam kämpfte 36 Jahre für die Dortmunder Suchthilfe
11.08.2011 | 11:45 Uhr 2011-08-11T11:45:00+0200
Dortmund.Umbrüche waren sein Geschäft. Die großen gesellschaftlichen und die kleinen, privaten. Hans Adam hat 36 Jahre lang Drogenkranken geholfen, aus der Sucht herauszukommen, mit der Sucht umzugehen, oder schlicht zu überleben.
Der langjährige Drobs-Leiter war dabei, als sich die Drogenhilfe in den 70er Jahren definierte, als sie Anfang der 90er Jahre fast überrannt wurde und als 2003 das Geld fehlte und massiv gekürzt werden musste. Er hat miterlebt, wie immer neue Generationen „einfach mal probieren“ wollten und dann ganz unten landeten. Jetzt ist Hans Adam selbst Zentrum des Wechsels: Vor kurzem ist er in den Ruhestand getreten, hat seinen Schlüssel an Nachfolger Wolfram Schulte übergeben.
Der 65-Jährige hat den Umbruch meist als Chance verstanden. Wie 1975, als er bei der Drobs nach dem Pädagogik-Studium anfing – damals hieß die Einrichtung noch Beratungs- und Behandlungszentrum für Suchtkrankheiten und hatte ihren Sitz in der Kleppingstraße. „Es gab keine Struktur, keine Vorgaben der Finanzierung“, erinnert sich Adam. Stattdessen: „unendlich viel Freiheit.“ Obwohl er eigentlich in eine ganz andere berufliche Richtung wollte, blieb er. „Es war ein Feld, das gestaltet werden konnte.“
Bis heute das größte Problem: Heroin
Und das weit und leer war – die klassische Drogenhilfe nahm sich bis dato Alkohols und Tabletten an. Die Blumenkinder der 70er, der „Flower Power“-Generation waren ihr fremd. „Das waren meistens bürgerliche, die mit LSD oder Berliner Tinke, einer Opiummischung, experimentierten“, erinnert sich Adam, der zum Ruder griff und bereits drei Jahre nach Arbeitsantritt die Einrichtungsleitung übernahm. „Für uns galt es, Angebote zu schaffen.“
Ein solches Angebot war die Teestube in der Kesselstraße. „Wir hatten damals den Eindruck, dass es in der Nordstadt eine Menge Jugendlicher mit Problemen gibt“, erzählt der 65-Jährige. Auch damals war dieser Stadtteil im Fokus. Das Angebot wurde genutzt, allerdings mehr als Jugendfreizeitstätte. Nach ein paar Jahren wurde die Teestube wieder geschlossen.
Das war Mitte der 80er Jahre und da musste längst umgedacht werden. Zu dieser Zeit schwemmte etwas auf den Markt, das bis heute die größten Probleme bereitet: Heroin.
„Das Elend wurde durch diese Droge enorm“
„Das Elend wurde durch diese Droge enorm“, sagt Adam. Das Problem vieler Süchtiger: der frühe Fall. Wenn der Mensch eigentlich noch gar nicht ausgereift ist und nicht gelernt hat, auf anderem Wege als mit Drogen Probleme zu lösen. „Dann ist es ganz schwer, ihn wieder zu sozialisieren“, weiß Adam.
Mit dem Heroin kam ein weiterer Teufel: HIV. Adam setzte sich damals für einen Spritzenautomaten ein, der saubere Nadeln bot – gegen ihn ermittelte deshalb sogar die Staatsanwaltschaft, wegen des „Verschaffens einer Gelegenheit zum Drogenkonsum“. Adam war bereit zu kämpfen, in diesem Fall und in vielen anderen. „Aber ich hatte immer Unterstützung“, sagt er. In Dortmund habe es immer eine gute Zusammenarbeit gegeben.
Zentrale Szene des Ruhrgebietes
Es folgten zwei Umzüge, in die Beurhausstraße und dann an den Schwanenwall 1992. Der Platz von Leeds galt damals als zentrale Drogenszene des gesamten Ruhrgebietes. Vor der Tür von Drobs standen die Menschen Schlange. „Zum Glück entzerrte es sich, als neue Einrichtungen hinzu kamen.“ Die Drogenhilfe in Dortmund wurde ausgebaut.
Auch die Drobs hatte etwas Neues: das Café Flash und die Übernachtungsstelle Relax. „Damals war der Wohnungsmarkt sehr angespannt, viele saßen auf der Straße und brauchten ein Dach über dem Kopf“, erzählt Adam. Als 2003 die Gelder knapp wurden, musste sich Adam entscheiden: entweder überall ein bisschen kürzen und Fördermittel verlieren oder radikal reduzieren. Er entschied sich schweren Herzens Relax zu schließen, da der Wohnungsmarkt wieder entspannter war.
Den Aussteig schaffen nunmal nicht alle
Rückschläge, wie sie die Arbeit mit Drogensüchtigen sowieso mit sich bringt. „Natürlich kenne ich Menschen, die gestorben sind“, sagt er. Das muss man verpacken. „Ich bin aber robust.“ Mit jeder Veränderung hat er gelernt. „Ich habe selbst lange an den Königsweg geglaubt“ – an das einzig Ziel: den totalen Ausstieg. „Aber ich musste einsehen, dass es auch als Erfolg zu werten ist, wenn jemand durch Substitution weitermachen kann.“ Den Ausstieg schafften nun mal nicht alle. Kleine Schritte seien oft mehr wert.
Und was vor allem hilft: Nicht nur auf Defizite und Probleme zu gucken, sondern den Blick nach vorn zu richten. Denn in dem Moment, in dem ein Mensch etwas findet, das ihm gut tut, das Hoffnung gibt – „dann sehe ich ein Blitzen in den Augen.“. Und Hans Adam weiß, dass er etwas erreicht hat.
0mitdiskutieren