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PCB-Skandal

Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden

06.10.2010 | 19:39 Uhr
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft Dortmund vor dem Envio-Gelände. WR-Bild: Ralf Rottmann

Dortmund.Die Ermittler kamen am frühen Morgen – und mit großem Aufgebot. Zeitgleich enterten Beamte der Dortmunder Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung am Mittwoch die Privatdomizile der beiden Envio-Chefs sowie den Sitz der Giftfirma im Dortmunder Hafen. Die Razzia dauerte fast zehn Stunden.

Doppelter Einsatz in Dortmund wegen der PCB-Skandalfirma Envio. „Vorrangiger Grund für die Durchsuchung war ein jetzt anhängiges Verfahren wegen Steuerhinterziehung“, erklärte Oberstaatsanwältin Dr. Ina Holznagel. Da auch im PCB-Skandal noch Unterlagen fehlten, seien die Umweltermittler mit an Bord gewesen. „Wir haben noch einige Beweismittel gesucht, auf die wir im Zuge der Zeugenvernehmungen gestoßen sind“, sagte Holznagel. Und: „Wir wissen jetzt genau, was wir wollen.“

Seit der ersten Razzia bei der im Mai stillgelegten Giftfirma wurden mehr als 100 Zeugen vernommen. Zwei Staatsanwälte und acht Kripobeamte ermitteln im Fall Envio.

Steuergeheimnis

Über die Dimensionen der möglichen Steuerhinterziehung schwieg die Oberstaatsanwältin – „Steuergeheimnis“. Offenbar wiegt der Verdacht aber schwer: „Die Wunschliste der Kollegen von der Steuerfahndung war gigantisch“, berichtet Holznagel. Das konfiszierte Material füllte zahlreiche Transporter. In der Umweltstrafsache um PCB, Dioxine und Furane standen „Unterlagen über betriebliche Abläufe“ im Mittelpunkt der Durchsuchungen – „Betriebstagebücher, Reparaturbücher, Einkaufslisten, Wartungsunterlagen“. Das beschlagnahmte Material diene „zur Überprüfung der Verlässlichkeit der Zeugen“.

Während die Akten vom Envio-Firmengelände abtransportiert wurden, lieferten Lkws Ersatzteile an.

Mit den Enthüllungen der Westfälische Rundschau über die Verbindungen der Skandalfirma zu kriminellen Kreisen in Kasachstan und die Gifttransporte aus der ehemaligen Sowjetrepublik „hatte die Durchsuchung nicht zu tun“, behauptet Holznagel. Wie berichtet, hat Envio auf ominösen Wegen tausende höchstverseuchter Kondensatoren aus Kasachstan erhalten, ohne dass die Staatsanwaltschaft davon wusste. Hohe Justizkreise in Düsseldorf hatten schon darüber ihr Befremden bekundet. Ganz sauer stieß auf, dass die Fahnder bei ihrer ersten Razzia im Mai kistenweise Material liegengelassen hatten – darunter interne Dokumente, Firmen- und Privatrechner der Envio-Bosse Neupert und Harks, Liefer- und Zollpapiere.

Behörde verteidigt sich

In das Echo, den Ruf nach einer Übernahme des Falles durch die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität in Bochum, stimmte zuletzt auch der Dortmunder Stadtrat ein.

Gestern war von den im Fall Zumwinkel auffälligen Bochumer Ermittlern nicht mehr die Rede – aber von anderen. Der Druck auf die zuständigen Fahnder vor Ort wächst offenbar weiter. Nach Informationen der WR hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamm die Envio-Akten der Dortmunder Staatsanwaltschaft angefordert, um sie „unter fachaufsichtlichen Gesichtspunkten“ zu prüfen. Weiterhin prüft die übergeordnete Instanz, ob die Ermittlungen den Dortmundern entzogen und einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft übergeben werden.

Kasachstan-Connection unbekannt

Warum die Kasachstan-Connection der Staatsanwaltschaft unbekannt, der Bezirksregierung aber geläufig war – das erklärte Holznagel so: „Arnsberg hat uns die gesamten Envio-Akten auf DVD zur Verfügung gestellt. Da waren auch die Lieferungen drauf. Nur war das Material noch nicht vollständig ausgewertet.“ Ein großes Versäumnis sei das nicht, denn: „Für uns sind Lieferbeziehungen nachrangig, Zeugenvernehmungen vorrangig.“

Auch den Vorwurf, wichtige Papiere im Mai nicht angetastet zu haben, kontert Holznagel. „Damals haben wir beschlagnahmt, was durch den Durchsuchungsbeschluss gedeckt war. Nur bestimmte Dokumente durften mitgenommen werden.“ Abgesehen davon wäre ein großer Schlag auch „taktisch falsch“ gewesen. „Es führt zu nichts, sich planlos mit Unterlagen einzudecken“, meint Holznagel. Und: „Was wirklich geschehen ist, sagen uns nur die Zeugen, nicht die Akten.“

Klaus Brandt

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Kommentare
09.10.2010
17:00
Blockierter Kommentar.
von Pannekoeppe Regenmichauf | #13

Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.

07.10.2010
15:33
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von Christian Eberland | #12

@#10

Ja, die Idee ist sicher noch unausgegoren und führt nicht notwendiger Weise zum Ziel, Herrn Neupert zu belangen.
Was ich aber meine ist: Wenn da einige tausend - von mir aus nennen wir sie - Bildungsbürger an der Kanalstraße 25 herumstehen und sich gut benehmen, dann fällt das eben auf und kommt im Fernsehen.
Ich wundere mich darüber hinaus, dass die Firmenschilder in der betreffenden Region noch frei von Kommentaren sind.
Eine weitere Idee wäre: ein Blumenmeer vor dem Envio-Gelände, vielleicht auch unterstützt durch ein paar Grablichter.
Für jeden Halogensubstituenten der freigesetzten Kohlenwasserstoffmoleküle könnte eine rote Rose, eine schwarze Mädchentraube oder eine grüne Nieswurz - je nach Parteibuch abgelegt werden.
Moment mal - sind solche Gedanken legal?

07.10.2010
15:14
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von Laertes | #11

„Was wirklich geschehen ist, sagen uns nur die Zeugen, nicht die Akten.“, so Frau Holznagel.

Fein, und die envio-Anwälte sagen dann, der Zeuge lügt. Und gesehen haben kann man viel. Und dann hat man leider leider keine Unterlagen, die etwas belegen könnten. In dubio... Fast schon brutal, die Aufklärung.

07.10.2010
13:47
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von vaikl | #10

@ #9

Bin mal gespannt, was denn das Motto einer solchen Kundgebung sein soll, damit sie sich wohltuend von einer neumodischen Freizeitgestaltung gelangweilter Pseudo-Bildungsbürger unterscheiden kann.

07.10.2010
13:28
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von Christian Eberland | #9

Der Ansatz: Stuttgart ist überall hat wirklich Brisanz!

Wären wir Italiener oder Franzosen, würden wir für die Interessen unserer Gemeinschaft auf die Straße gehen und in DIESEM Fall würden wir uns durchsetzen.

Da wir aber in Deutschland leben und viele von uns Deutsche sind, haben wir das gar nicht nötig. WIR können doch unseren Politikern und Behörden in jeglicher Hinsicht vertrauen, oder?

Wie wäre es denn mal mit einer Kundgebung, die z.B. durch eine umweltnahe Partei organisiert wird? Es gab hier doch in den Neunzehnhundertachtzigern mal eine politische Richtung, die sich solche Themen auf die Fahne schrieb. Ich glaube, braun war die Fahne...oder doch grün, es ist schon länger her.

07.10.2010
10:33
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von kannengieser | #8

Ach, ist man nun schon tätig geworden! Toll.

Wahrscheinlich, wie bei Zumwinkel, ist der größte Batzen bereits verjährt und man sagt am Ende nur: böser Junge.

Der kleinere Gewerbetreibende wird allerdings mit der vollen Härte seitens aller verfügbaren Institutionen hart angegangen. Da geht es ja auch schließlich so um wenige tausend Euro.
Das dient vor allem der Steuergerechtigkeit.

Allerdings macht unser System da leider immer wieder Unterschiede. Man ist halt nicht so gleich, wie man glaubt.

07.10.2010
09:18
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von DerRheinberger | #7

Während die Umweltverbrecher von Envio noch wochenlang Zeit hatten, belastbares Marerial verschwinden zu lassen, um sich und die Aufsichtsbehörden entlasten zu können, haben es Asylanten nicht so gut! Da wird um 4.00 Uhr schon mal eine Tür aufgebrochen und um 6.00 Uhr sind sie bereits ausser Landes!

06.10.2010
23:30
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von Ulf Mahrenbach | #6

Ja, vielleicht sollten wir uns mal mit einer riesiegen Gruppe Ruhrgebietsbürger am Dortmunder Hafen treffen...

06.10.2010
22:14
Große Razzia bei Envio dauert fast zehn Stunden
von Linda-Lu | #5

Wenn das so weiter geht, dann ist Stuttgart auch in Dortmund und anderswo!

06.10.2010
21:51
Blockierter Kommentar.
von sich-Fragender | #4

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