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Landgericht

Für Mordprozess um die Welt gereist

13.12.2012 | 18:48 Uhr
Für Mordprozess um die Welt gereist
Versteckte sich zu Prozessbeginn hinter einem Aktenordner: Der wegen Mordes angeklagte Dr. Martin B.Foto: Ralf Rottmann

Mit einem Schöffen, der eigens aus Malaysia eingeflogen wurde, ging gestern der Prozess um den gewaltsamen Tod der Musikkritikerin Dr. Sonja Müller-Eisold weiter. Die Staatsanwaltschaft wirft einem Bekannten der hochgeschätzten Wagner-Expertin Mord vor.

Das hätte sich der Pensionär bei der Buchung seiner Weltreise auch nicht träumen lassen: Nach knapp vier Wochen musste er seine Tour unterbrechen und für einige Tage aus dem warmen Malaysia in den ungemütlichen deutschen Winter fliegen. Der Weltreisende ist Schöffe im Mordprozess: Und als Laienrichter muss er dabei sein, wenn das Schwurgericht den gewaltsamen Tod der Musikkritikerin Dr. Sonja Müller-Eisold aufklärt.

Heute wird noch einmal verhandelt, in den nächsten Tagen düst der Schöffe zurück nach Kuala Lumpur, um dann am 7. Januar zum nächsten Prozesstag wieder eingeflogen zu werden – das alles geschieht auf Staatskosten. Jedoch: Eine komplette Neuauflage des Verfahrens wäre für den Steuerzahler noch teurer gewesen.

Vorwurf: Mit Armbrust beschossen

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Unternehmensberater und früherem zweiten Vorsitzenden der Dortmunder Kulturbühne vor, die 80-jährige Musikkritikerin am Abend des 25. Oktober 2011 in ihrem Bungalow in Löttringhausen besucht und dabei um Geld gebeten zu haben. Bei dem Streitgespräch, so rekonstruierte es ein Gutachter des LKA aufgrund der Verletzungsspuren, soll er mit einer Armbrust auf die Seniorin geschossen haben. Eine entsprechende Waffe wurde später bei dem Angeklagten gefunden.

Der Tod der in der Kulturszene hoch geschätzten Wagner-Expertin traf etwa zwei Stunden nach dem Angriff ein, sagte der Rechtsmediziner. Die Armbrust-Attacke ihres Bekannten habe die 80-Jährige möglicherweise so sehr erschreckt, dass ihr Herz aufhörte zu schlagen. „Vermehrtes Ausschütten von Adrenalin kann Herzrhythmusstörungen auslösen“, hatte Dr. Ralf Zweihoff erklärt.

Nachbarin hörte ein Streitgespräch

Der wegen Mordes angeklagte Dr. Martin B. behauptet, nach einem Gespräch mit der Musikkritikerin – es habe sich nicht um Geld gedreht – nebenan in das Büro der Kulturbühne gegangen zu sein. Bei seiner Rückkehr habe Dr. Müller-Eisold tot in ihrem Haus gelegen.

Eine Nachbarin sagte gestern als Zeugin, sie habe an jenem Abend von ihrer Terrasse aus gehört, wie die Musikkritikerin „laut und erregt“ ein Gespräch geführt habe. „Das war ungewöhnlich, ich wäre fast herübergegangen, aber dann klappte eine Tür und es war Ruhe.“

„Ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch“

Nachmittags hörte das Gericht noch eine Germanistik-Dozentin. Sie und vor allem ihr Ehemann waren mit dem Angeklagten und dessen Familie befreundet. „Auch, als die Trennung zwischen den beiden lief.“ Sie habe Dr. Martin B. stets als „freundlichen und sehr hilfsbereiten Menschen“ erlebt.

Kathrin Melliwa



Kommentare
15.12.2012
23:56
Für Mordprozess um die Welt gereist
von AuroraBorealis | #1

"Eine komplette Neuauflage des Verfahrens wäre für den Steuerzahler noch teurer gewesen."

Eine Neuauflage des Verfahrens wäre auch nicht erforderlich gewesen.
Wenn zwingend (!) dieser 1 Schöffe als Prozeßteilnehmer dabei sein muß, dann hätte eine Terminsanberaumung bis zur Reiserückkehr des ehrenamtlichen Richters völlig ausgereicht.
Ehrenamtliche Richter sind ohnehin nur Staffage.
Bei der Urteilsberatung stellt sich kein Schöffe gegen die Urteilsfindung der Berufsrichter.
Sie stellen in den mündlichen Verhandlungen den Beteiligten noch nicht einmal Fragen!

1 Antwort
Für Mordprozess um die Welt gereist
von ungehalten | #1-1

Sie und ich kennen die Aktenlage nicht und das Verfahrensrecht nur in ganz groben Zügen - vielleicht war ein Aufschub aus Fristgründen nicht möglich? Es ist auch irrelevant, ob Schöffen praktisch an der Rechtsfindung beteiligt sind oder nicht. Sie sind in der Prozessordnung vorgesehen, also müssen sie auch anwesend sein! Im Zweifelsfall ist es sicherlich wichtiger, dass in einem Mordprozess eine korrektes Rechtsverfahren eingehalten wird und das gefundene Urteil unanfechtbar ist, als dass an den Reisekosten eines Schöffen von Malaysia und zurück gespart wird.

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