Für Löhrmann ist Schulsystem „nicht gut genug“
23.11.2010 | 19:12 Uhr 2010-11-23T19:12:00+0100
Dortmund.„Unser Schulsystem ist nicht gut genug.“ Rund 20 Prozent der Schüler „haben Probleme, erfolgreich eine Ausbildung zu schaffen.“ Auch die Ergebnisse in der Spitze reichen bei weitem nicht aus. Dies alles sagte NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann beim ersten Teil der Veranstaltungsreihe „Klartext für Dortmund“ von der Westfälischen Rundschau und der Unternehmensgruppe Hülpert.
Der Bildungsweg ist gepflastert mit Chancen und Problemen, dabei sei Bildung wichtiger denn je. Ein Schlüsselthema auch der „Sozial- und Wirtschaftspolitik“. Wie kann Schule besser werden? Was wollen die Schüler? Was die Eltern? Was wünschen sich Arbeitgeber? Und welche Ideen können helfen, das heiße Eisen Bildung zu schmieden? Viele Fragen. Viele Meinungen. Viel zu tun.
Keine heiße Luft, keine Worthülsen - bei der neuen WR-Reihe „Klartext“ ist der Name Programm. Beim Auftakt machten sie alle ihr Wort: Schüler- und Elternsprecher, Vertreter aus Wirtschaft und Forschung. NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann und der stellv. FDP-Bundesvorsitzende Andreas Pinkwart. Das Thema: „Schule und Bildung in NRW“ - darum drehte sich die Diskussion, zu der die Hülpert-Gruppe und die Westfälische Rundschau eingeladen hatten. Hülpert-Geschäftsführer Rudolf Rizzolli und Wilfried Urbe sind einer Meinung: „Die Themen Schule und Bildung haben eine gesellschaftliche Debatte geprägt“, die neue Reihe biete eine hervorragende Plattform, um „Tacheles“ zu reden.
Die Bilanz ist ernüchternd. Die Herausforderungen sind groß. „Die Schulen der Zukunft brauchen starke soziale Netze.“ Sie brauchen Hilfe. Und: Sie müssten sich öffnen. Für gemeinsame Projekte. Mit der örtlichen Wirtschaft. Kulturschaffenden. Senioren und Kitas in der Nachbarschaft. Für ihren Lebensraum. Man müsse wegkommen vom „Denken in Institutionen“. Es gehe nicht um Schule allein. Sie sei nur ein Teil der Bildungsbiografie. Ein Glied in der Kette, die in der Familie starte, über Kita, Grund- und weiterführende Schulen zu Ausbildung und/oder Hochschule führe. Und über Weiterbildung und Unterstützung in den letzten Berufsjahren bis zur Rente.
Für den Bereich Schule skizziert die Ministerin fünf Baustellen: Ausbau des Ganztags. Weiterentwicklung von Unterrichts- und Schulqualität. Erleichterungen beim Turbo-Abi (G8) für Schüler und Lehrer. Inklusion. Und: Längeres gemeinsames Lernen in der Gemeinschaftsschule.
Niemandem werde die Gemeinschaftsschule aufgedrückt. „Alles ist freiwillig, wir schaffen keine Schulform ab“, sagt Löhrmann. Die Gemeinschaftsschule sei eine Antwort auf sinkende Schülerzahlen und „leer laufende Schulen“. Eine Reaktion auf den veränderten Elternwillen: „Eltern wollen den Bildungsaufstieg für ihre Kinder. Und sie wollen nicht schon für ein neunjähriges Kind „die Bildungsentscheidung treffen, die eine Lebensentscheidung ist“. Die Ministerin gibt zu bedenken: „Neue Strukturen allein machen noch keine bessere Schule. Es geht nicht darum, nur die Türschilder auszutauschen“ - auf das pädagogische Konzept komme es an.
Prof. Dr. Andreas Pinkwart plädiert zwar für eine regionale Mittelschule nach sächsischem Vorbild, sieht das Ganze aber „eher pragmatisch als ideologisch. Wenn eine Gemeinschaftsschule kommt, würde mich das auch nicht umhauen. Ich würde nur vorher den schulgesetzlichen Rahmen markieren.“
Das Gymnasium
„Ob ein Kind aufs Gymnasium geht, hängt immer noch vom sozialen Hintergrund der Eltern ab - nicht von der Leistung des Kindes“, bedauert Sylvia Löhrmann. Das sei nicht hinnehmbar. Für Prof. Andreas Pinkwart ist das Gymnasium unverzichtbar: „Wir müssen es stärken. Die hoch qualifizierte Wissenschaft braucht das Gymnasium“, sagt er - und muss sich von der Schulministerin anhören, er wolle „um das Gymnasium nur einen Zaun bauen“. Das, glaubt Prof. Dr. Heinz Holtappels, besorgen die Gymnasien schon allein. „Sie sind veränderungsresistent wie keine zweite Schulform.“ Solange sie nicht verpflichtet würden, jeden Schüler, den sie in Klasse 5 aufnehmen, auch zu einem Abschluss (z.B. nach Klasse 10) zu bringen, bräuchten sie auch nicht zu differenzieren und könnten „schlechte Schüler einfach abweisen“.
Die Kinder
Als vierfache Mutter fordert Monika Landgraf: „Die Kinder müssen immer im Mittelpunkt stehen.“ Damit trifft sie auf offene Ohren bei Dortmunds OB Ullrich Sierau, selbst Vater - und mit einer Lehrerin verheiratet. Es gehe nicht nur um Schule. Und nicht darum, alles außerhalb der Schule auszuklammern. Bildung sei mehr: Soziale Kompetenz. Persönlichkeitsbildung. Spaß in der Freizeit. Wenn er an die „soziale Wirklichkeit“, etwa in vielen Familien von Förderschülern denke, seien das teilweise „unfassbare Zustände“. „Da ist es fast noch die günstigste Variante, wenn Kinder den Eltern das Frühstück machen, bevor sie selbst hungrig zur Schule gehen.“ Emotionale Defizite. Gewalt aller Art. Kinder befänden sich oft eher auf einem Leidens- denn auf einem Bildungsweg. Sierau fordert: „Wir brauchen Rettungsschirme - nicht nur für Banken, sondern für Kinder.“
Die Lehrer
„Wir brauchen besser ausgebildete Lehrer“ - und: „Sie müssen wieder höher wertgeschätzt werden.“ Dabei könnten die Pädagogen Hilfe brauchen. Etwa von den so genannten „Fellows“ der Initiative „Teach First“ - also Jung-Akademikern, die, von der Wirtschaft finanziert, für zwei Jahre als Unterstützer der Lehrer an Problemschulen gehen. Zur Zeit gibt es um 100 Fellows in Deutschland. 30 in NRW, sagt Gesellschafter Michael Okrob. Und das System funktioniere.
Denkbar für Claus-Dieter Weibert (IHK): Schulmanager in der Schulleitung. „Muss ein guter Schulleiter zwingend auch Pädagoge sein?“, fragt Weibert. Muss er, sagt Gewerkschafter Volker Maibaum. Aber über eine Doppelspitze könne man reden.
Die Fehlschläge
Für Maibaum steht fest: „Die Qualitätsoffensive Hauptschule ist gescheitert, die Verbundschule hat nicht funktioniert.“ Die Gemeinschaftsschule könne eine Lösung für den ländlichen Raum bringen. Monika Landgraf haut auf den Tisch: „Die alte Landesregierung hat viel Geld verpulvert für die Hauptschulen – wir haben das nie verstanden.“
Zudem hält sie die Differenzierung nach Klasse 4 für Unsinn. Viel zu früh müssten Eltern über den Bildungsweg der Kinder entscheiden, ohne dass man wüsste, wo deren Stärken liegen. Sylvia Löhrmann gibt ihr Recht: „Begabung ist dynamisch, nicht statisch.“ Prof. Dr. Heinz Holtappels sieht’s nüchtern: „Unser Schulsystem ist ein Stände-System. Schlimm genug.“ Ein Sortieren schon nach der 4. Klasse „ist eine Farce, selbst nach Klasse 6 wird es nicht viel besser“. Auch OB Sierau sieht ein Problem bei den Hauptschulen. Ein Einstellungsproblem im doppelten Sinne nämlich - nach der Schule und bei den Lehrern. „Lehrer dürfen nicht damit zufrieden sein, dass ihre Schüler ein Hartz-IV-Formular ausfüllen können.“
Der Wirtschaftsfaktor
Für Andreas Pinkwart ist Bildung d e r Wirtschaftsfaktor schlechthin. „Bildung ist der Treibstoff für unser Land, längst wichtiger als Sachkapital.“ Bildung, das sei „ein nachwachsender Rohstoff, den wir pflegen müssen“. Es gehe um die Entwicklung von „Humankapital“, das sich später auszahle. Man könne sich nicht auf den Status quo zurückziehen. NRW habe Defizite bei der U3-Betreuung. Mit Blick auf PISA. Bei den weiterführenden Schulen in der Ausstattung und im Ganztag: „Wir haben zu lange in die Vergangenheit investiert, statt in die Zukunft“, bilanziert Pinkwart.
Das Problem vieler Schüler: „Die beruflichen Anforderungen sind gestiegen“, meint die Schulministerin. Stimmt, sagt Claus-Dieter Weibert (IHK): „Wir reden noch immer zu viel über Strukturen und zu wenig über Inhalte und Qualität der schulischen Ausbildung.“
Rudolf Rizzolli, Geschäftsführer der Hülpert-Gruppe, beobachtet die Einstellungstests teils mit Grausen. „Es ist schwierig geworden, Lehrstellen zu besetzen.“ Immer wieder treffe er auf 16- bis 18-Jährige mit „null Perspektiven“, denen es „schon am Elementarsten fehlt“. Deshalb auch der Vorschlag von Claus-Dieter Weibert, Schulpartnerschaften mit der Wirtschaft auszubauen, um den Übergang Schule-Beruf besser hinzubekommen. Sylvia Löhrmann nickt: „Jede Schule braucht am besten gleich vier Unternehmen aus der Wirtschaft an ihrer Seite.“
In einem sind sich nach drei Stunden intensiver Diskussion alle einig: Das Schulsystem in NRW ist nicht gut genug. Viel bleibt zu tun.
01:01
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19:25
Ja, Bildung ist wichtig, aber diese bekommt man nicht (mehr) indem man möglichst lange in diesem staatlichen Bildungssystem verweilt.
Darin liegt ihr Denkfehler, werte Frau Löhrmann!!!
17:47
OB Sierau sagt „Lehrer dürfen nicht damit zufrieden sein, dass ihre Schüler ein Hartz-IV-Formular ausfüllen können.“
Viele Hauptschüler sind nach Klasse 10 eben nicht in der Lage, ein Formular auszufüllen. Und meiner Meinung nach würde auch eine Gemeinschaftsschule da keine Fortschritte bringen.
16:25
#4 Dorothea Moesch
sorry, aber was haben sie geraucht?
Der IQ ist ausschlaggebend.
Und selbst bauliche Barrieren können überwunden werden , liegt oft am Durchsetzungsvermögen der Eltern.
15:58
Tja Frau Löhrmann, deswegen gehen meine Kinder auf eine private Schule.
Meine Oma sagte immer: Da schicken die Reichen Eltern ihre Kinder hin.
Nur wir sind nicht richtig reich, aber eben auch nicht so dumm unsere Kinder diesem Staatsschulsystem zu überlassen.
Jeder hat die Wahl in unserem freien Land, die Frage ist nur ob er sie sich leisten will und kann.
15:45
Sorry: darauf hinauslaufen dass
15:44
Klar brauchen wir eine große Schul- und Bildungsreform! Die muss aber daraus hinauslaufen, das die Länder endlich die Hoheit über die Bildung verlieren! Es ist schon katastrophal, dass Schulpolitik immer Bestandteil von Landesinteressen und damit ein Instrument der Polarisierung, Polemisierung und Realisierung von Parikularinteressen ist. Wir brauchen keine 16 Schulministerien und keine 16 Systeme mit eigenen Lehrbüchern, Lehrplänen und Verwaltungswasserköpfen!
13:14
Ob ein Kind aufs Gymnasium (oder auch nur die Real- oder Hauptschule) geht, hängt vor allem davon ab, ob es eine sog. Behinderung hat.
Die meisten körper- oder sinnesbehinderten SchülerInnen werden auf AusSONDERungsschulen geparkt, da Regelschulen sich nicht zuständig fühlen aufgrund baulicher und organisatorischer Barrieren.
Da winkt dann die erfüllte Laufbahn in einer beschützten Werkstatt unter sozialpädagogischer Bevormundung - bei ansonsten völlig normalem Leistungsvermögen.
10:23
Frau Löhrmann hat mit Ihrer Analyse grundsätzlich vollkommen recht. Um es besser zu machen, bräuchte Sie aber nur nach Bayern und Baden-Württemberg zu blicken, anstatt uns mit der Gemeinschaftsschule zwangszubeglücken!
09:35
Ich warte darauf,daß wiederum eine Schulreform eingeführt wird,wie wir sie schonmal hatten :
Volksschule,Realschule,Gymnasium und diverse Fachschulen. Die Durchlässigkeit war auch damals -unabhängig vom soz. Status - gewährleistet.
Mir drängt sich allerdings der Verdacht auf,daß seinerzeit noch wirkliche Pädagogen am Werke waren und überdies Oberstufenschüler nicht einfach ungeliebte Fächer abwählen konnten um mit Sport und Religion,etc. ihr Abi gewinnen zu können. Das erklärt auch das heutige,niedrige Bildungsniveau der Schulabgänger,was ja allseits von Handwerk,Handel und Wirtschaft bemängelt wird. Bildung und Erziehung fängt m.E. im Elternhaus an und darf nicht nur tw. unqualifizierter und unmotivierter Lehrerschaft überlassen werden.
Hauptsache Papi finanziert das Auto mit der Aufschrift Abi 20xx .