Für die Verantwortung, gegen das Vergessen
22.04.2011 | 17:18 Uhr 2011-04-22T17:18:00+0200
Dortmund.Die Mörder konnten ihre Opfer noch ungestört meucheln, dabei waren die Retter schon so nah. Zum Greifen nah, nur ein paar Kilometer vom Tatort entfernt.
Nur wenige Tage vor dem Einmarsch amerikanischer Soldaten richtete die Gestapo als Abschluss einer mehrtägigen Massenexekution die letzten Gefangenen in Dortmund hin – per Genickschuss. Etwa 300 Frauen und Männer, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Widerstandskämpfer aus ganz Europa, ließen so am Karfreitag des Kriegsjahres 1945 in der Bittermark, im Rombergpark und in Hörde grausam ihr Leben.
Alter fordert Tribut
Auch 66 Jahre nach dem Massenmord können Sonnenschein und zwitschernde Vögel den langen Schatten des Verbrechens nicht vertreiben. Die steinernde Schwere der verzerrten Grimassen auf dem Mahnmal sind stumme Zeugen des Grauens. Sie scheinen noch immer zu schreien: „Wir vergessen nicht. Vergesst ihr uns auch nicht.“ Viele Namen starben mit ihren Trägern, doch verschwunden sind diese Menschen nicht. Nicht aus der Erinnerung: Mehr als 1200 Menschen gedachten gestern der Opfer aus den letzten Tagen des Nazi-Terrors in Dortmund am Mahnmal in der Bittermark. „Wir Dortmunder stellen uns diesem dunkelsten Teil unserer Geschichte“, sagte Bürgermeisterin Birgit Jörder in ihrer Rede: „Die Verbrechen vergangener Tage können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, dass sie nicht vergessen werden.“
Die Erinnerung an die Opfer ist wach – auch wenn die, welche die Mordtage selbst miterlebten, immer weniger werden: „Das fortschreitende Alter fordert leider seinen Tribut“, bedauerte Jörder das Fehlen der französischen Delegation, die das feierliche Gedenken viele Jahren bereichert hatte: Besonders der Tod von Jean-Louis Forest, Ehrenpräsident der Französischen Vereinigung der Arbeitsdeportierten, vergangenes Weihnachten hinterlässt eine klaffende Lücke. Er hatte der Versammlung noch mit auf den Weg gegeben, „den toten Brüdern in Ehrfurcht verbunden zu bleiben und stets wachsam zu sein, damit sich solche Gräul nicht wieder ereignen.“ Bürgermeisterin Jörder versteht dieses Vermächtnis als „Plädoyer für Verantwortung und gegen Vergessen“.
Ehrfurcht vor den Toten
Eine wichtige Rolle bei der Aufgabe, diese Phrase mit Leben zu füllen, kommt den jüngeren Generationen zu. Die Schüler der Geschwister-Scholl-Gesamtschule, deren Namensgeberin ebenfalls von den Nazis ermordet wurde, leisteten wie der Jugendchor Teenclouds einen Beitrag zum würdevollen Gedenken.
Auf das nicht in Vergessenheit gerät, was der amerikanische Autor William Faulkner sagte: „Geschichte ist nicht gewesen. Geschichte ist.“