Freude über dreckigen BVB-Sieg in Augsburg

Die Borussen jubeln über Marco Reus’ Treffer zum 1:0 in Augsburg.
Die Borussen jubeln über Marco Reus’ Treffer zum 1:0 in Augsburg.
Foto: dapd
Was wir bereits wissen
Der Sieg von Borussia Dortmund beim FC Augsburg glich einem souveränen Verwaltungsakt, Mit Reife und Abgeklärtheit fuhren die Borussen die drei Punkte ein – im Fußballersprech ein „dreckiger Sieg“. Doch auch über die muss man sich freuen.

Dortmund.. Können sogenannte „Pflichtaufgaben“ Impulse für Leistung hemmen? Dieser Frage kann man weder wissenschaftlich, noch philosophisch begegnen. Aber es gibt Stilmittel, über die man gewisse Steuerungselemente zur Verfügung hat.

Dies dürfte nach Lage der Dinge einerseits die „Motivation“ sein (generiert sich aus dem für BVB-Verhältnisse zu großen Abstand zur Tabellenspitze) sowie dem Faktor „knallharte Arbeit“, den laut Borussen-Coach Jürgen Klopp seine Dortmunder beim Ligaschlusslicht FC Augsburg in die Waagschale geworfen haben, weil ja jeder Liga-Auftritt des deutschen Meisters ohnehin auch als eine „Frage der Ehre“ zu sehen ist. Auf Nachfrage war Nationalverteidiger Marcel Schmelzer immerhin froh, dass das „Ergebnis nicht so dreckig wie das Spiel“ ausgefallen war.

Und die Köpfe einer klug gelenkten Mannschaft wie beispielsweise Mats Hummels und Sebastian Kehl denken schon einen Schritt weiter und muntern ihre Kollegen auf: „Auch wenn sich das etwas platt anhört: Wir müssen nun eine Serie starten.“ Doch wie so oft ist der Geist willig, doch das Fleisch schwach. Und so könnte ohne konsequente Umsetzung lediglich der Wunsch Vater des Gedankens bleiben, wenn die Grün-Weißen aus Fürth am Samstag im Westfalenstadion gastieren. Und so hakten die Dortmunder Doublesieger ihren siebten Pflichtspiel-Auftritt innerhalb von nur 22 Tagen ganz fix ab und richteten ihre Gedanken neu aus.

Echte Freude kam nicht auf

Der Chefcoach selbst entschwand eilenden Fußes so schnell wie seine Akteure aus den Katakomben, denn „echte Freude“ über den 3:1-Sieg beim Bundesligaletzten FC Augsburg wollte nicht aufkommen. Und dies hatte auch einen guten Grund, denn zu gewaltig war die Diskrepanz nur eine halbe Woche nach dem tollen Champions-League-Gefecht bei der europäischen Spitzenmannschaft von Real Madrid. Die Schwarzgelben spulten in einem Anflug von souveränem Verwaltungsakt und unterkühlter Cleverness ein Programm runter, das bei jedem anderen Gegner vermutlich böse ins Auge gegangen wäre. Doch gottlob ließ Markus Weinzierl seine etatmäßigen Angriffsspieler Musona (bis zur 60.) Mölders (bis zur 69.) und Bancé (bis zur 84.) draußen und brachte stattdessen mit dem wieder genesenen Koo, Baier, Werner und dem glücklosen Oehrl diejenigen FCA-Angreifer, die zuvor in 370 torlosen Minuten Dilettantismus pur demonstrierten.

Dennoch offenbarten Felipe „Tele“ Santana und Mats Hummels ein ums andere Mal Stellungsfehler, die ihnen wenige Tage zuvor noch den Kopf in Bernabeu gekostet hätten. Jeder, der diese Unterschiede zu bewerten hat, fragt sich da unweigerlich, ob das schlicht eine reine Kopfsache in Punkto Unterschätzung oder einfach nur mangel-hafte Abstimmungskoordination ist. Einer Spitzenmannschaft, die in Spanien auch als solche über weite Strecken auftrat, steht es sicher nicht gut zu Gesicht, wenn sie ihr Angriffsspiel nahezu ausschließlich und berechenbar mit „Mondbällen“ vorträgt. Dies zumal, da ja mit Neven Subotic der mutmaßliche Erfinder dieses Stilmittels auf der Bank Platz genommen hatte.

Beim BVB schwinden die Kräfte

Immerhin überstand der BVB den Ortswechsel von der ganz großen auf die ganz kleine Bühne am Ende dann ohne Punktverlust. „In der Bundesliga musst du auch mal dreckige Spiele gewinnen“, lautet unisono anschließend der Tenor, wohin man sein Mikrofon auch halten mochte. Da beißt die Maus keinen Faden ab: In der bundesdeutschen Eliteliga präsentieren sich die Borussen lange nicht mehr so zielstrebig und dominant in ihrer Art Fußball zu spielen. Die letzte Einsatzbereitschaft fehlte auch am Samstag in der Fuggerstadt - was letztlich ja egal war angesichts der meisterlichen Effektivität. „Nach so vielen englischen Wochen werden die Kräfte natürlich etwas weniger, als wenn wir nur samstags spielen würden“, erklärte Mats Hummels den achselzuckenden Journalisten und gewährte so Einblick in das Seelenleben eines von Strapazen gebeutelten Profis. Ich frage mich, was da wohl Eishockeyspieler zu sagen würden? Wie dem auch sei.

Es geht langsam aufwärts und das nächste Spiel ist bekanntlich das Wichtigste. Sowieso.

(12.11.12, Holger W. Sitter – www.die-kirsche.com)