Freies WLAN in der Stadt – was man über Freifunk wissen muss

Ein handelsüblicher Router reicht, um Teil des Freifunk-Netzes zu sein.
Ein handelsüblicher Router reicht, um Teil des Freifunk-Netzes zu sein.
Foto: Archiv/dpa
Was wir bereits wissen
In Skandinavien ist WLAN überall frei – in Deutschland ist es die Ausnahme. Freifunker wollen das ändern. Was sind die Kosten, Chancen und Risiken?

Dortmund.. Das wäre so praktisch: flächendeckendes WLAN in der Innenstadt, kostenlos, unlimitiert und frei für alle. Viele NRW-Kommunen tragen sich schon lange mit dem Gedanken. Geschafft haben's bislang nur wenige.

Freifunker könnten diese Lücke füllen. Rein technisch wäre das gar kein Problem, und die Kosten für die Städte hielten sich in Grenzen. Die Idee: Wer zuhause oder im Geschäft WLAN hat, schaltet es frei und vernetzt es mit Routern in der Nachbarschaft. (Mehr Infos zu Risiken, Kosten und Funktion gibt's weiter unten.)

Gäbe es da seit 2010 nicht ein riesiges Problem – die Störerhaftung. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs sind nämlich nur professionelle Internet-Provider wie die Telekom von der Haftung ausgenommen. Private Anbieter, die ihren Anschluss für andere bereitstellen, müssen für deren "kriminelle Machenschaften" gerade stehen. Illegale Downloads zum Beispiel.

Private WLAN-Anbieter sollen nicht für Missbrauch haften

Das will die Freifunker-Szene ändern. "Viele Juristen halten das Urteil für eine Fehlinterpretation", erklärt Markus Beckedahl vom Berliner Verein Digitale Gesellschaft. Deshalb hat der Verein einen Gesetzentwurf erarbeitet, den Linke und Grüne in den Bundestag eingebracht haben. Das Ziel: Freifunker von der Störerhaftung ausnehmen und mit Providern gleichstellen.

Pilotprojek Viel Hoffnung hat Beckedahl aber nicht: "Anträge der Opposition haben doch nie Erfolg", echauffiert er sich. "Wir wissen: Die SPD würde das Gesetz gern ändern, aber die CDU/CSU lässt sie nicht. Jüngere Abgeordnete der Union würden auch gern und dürfen genauso wenig." Das sei weitgehend ein Generationenproblem – bei den Berliner Abgeordneten wie bei Bürgermeistern vor Ort.

"So ein Gesetz gibt's nur in Deutschland", weiß Beckedahl. Und das habe Folgen: Zwei Millionen Abmahnungen gebe es wegen verbotenen Filesharings pro Jahr. In Skandinavien sei das undenkbar. "Da gehört WLAN zur kommunalen Daseinsfürsorge. Aber hier sind die Städte pleite und hoffen auf einen gewerblichen Anbieter."

Gute Beispiele gibt es trotzdem. In Soest, Arnsberg und dem noch kleineren Möhnesee funktioniert's mit Freifunk in der Innenstadt wunderbar. Und auch in den größeren Städten des Ruhrgebiets regt sich was – auch ohne Hilfe von der Kommune.

Freifunker Ruhrgebiet von Störerhaftung ausgenommen

In Dortmund zum Beispiel. Hier haben sich mehrere Gruppen zum Freifunk Dortmund zusammengeschlossen. Wie in fast allen anderen Städten ist die Gruppe eine Abteilung des Freifunk Rheinland. Der Vorteil: Die Pioniere aus gelten als Provider. Freifunker aus dem Ruhrgebiet müssen also nicht für Missbrauch Dritter haften.

Internet-Zugang Die Dortmunder haben sich mehrere Projekte vorgenommen, erklärt Freifunker Sven Borchert. Das erste ist schon abgeschlossen: Die Flüchtlingsunterkunft an der Adlerstraße wird über drei Router mit WLAN versorgt. Weitere Heime sollen folgen. "Für Flüchtlinge ist das eine große Beruhigung – sind hier in Sicherheit, haben aber auch Kontakt zu ihren Familien in der Heimat." Das Angebot wird rege genutzt, wie man auf der Freifunk-Karte sieht.

Aber auch ganze Straßenzüge (Münsterstraße) und Stadtviertel (Unionviertel) haben die Freifunker angesprochen. Als nächste kommt die rund 900 Meter lange Münsterstraße in der Nordstadt dran. "Wir brauchen dafür ungefähr 90 Router", erklärt Borchert. Auf Anhieb haben 12 von 15 angesprochenen Gewerbetreibenden bereit, ihr Netz bereitzustellen.

Daten, Fakten, Infos – Das muss man über Freifunk wissen

Aber wie funktioniert Freifunk überhaupt? Welche Vorteile habe ich an Anbieter und Nutzer davon – und ist das nicht gefährlich? Zusammen mit dem Dortmunder Freifunk-Aktivisten Svern Borchert haben wir die wichtigsten Fragen und Antworten zum offenen WLAN zusammengestellt.

Wie funktioniert Freifunk?

Fangen wir ganz vorne an: Wer zuhause Internet hat, hat auch einen Router. Eine kleine Box also, die in der Telefonbuchse steckt und den PC (mit oder ohne Kabel) mit dem Internet verbindet. Die Reichweite ist eng begrenzt und reicht oft nur in die Nachbar-Zimmer. Solche Router bilden auch das Freifunk-Netz – im Kleinen von der Fensterbank aus oder im größeren Stil vom Dach. Dazu schaffen sich Freifunker allerdings meist eine zweiten (ebenfalls handelsüblichen) Router an. Damit sich die Router untereinander vernetzen können, darf der Abstand nicht zu groß sein: Bei schlechten Voraussetzungen (z.B. viele Wände) schafft die Verbindung nur 10 Meter – bei freier Sicht zum nächsten Router können es locker 200 Meter sein.

Übrigens: Wer Angst hat, dass sein Internet-Empfang durchs Teilen schlechter wird, der kann die Bandbreite begrenzen. Dann wird nur ein Teil der Leistung freigegeben. Aber der Erst-Nutzer steht ohnehin an erster Stelle – nach außen weitergegeben wird nur das, was er selbst gerade nicht braucht.

Was wollen die Freifunker damit erreichen?

Da gibt's mehrere Ziele, meint Borchert. Eins davon: die digitale Spaltung verhindern. Wer sich kein Internet leisten kann, kann es dank Freifunk trotzdem nutzen. Wichtig ist den Freifunkern auch, das Leben in der Stadt angenehmer zu machen und Besuchern oder Touristen Mehrwert zu bieten. Das wichtigste Ziel sei aber ein anderes: eine 'Wolke' als paralleles Netz. Beim Ausfall des eigenen Routers oder Providers gebe es damit Netzsicherheit. "Außerdem teilen wir einfach gerne", meint Borchert.

Was bringt mir das als Nutzer?

Freifunk Freies Netz ist zu Zeiten der Smartphone-Hoheit doch was Feines. Einmal Anwählen genügt – und schon findet das Handy (falls gewünscht) das nächste Freifunker-Wlan von allein. Eine Karte der Router gibt's auf freifunk-ruhrgebiet.de. Das Risiko sei dabei nicht höher als sonst, wenn man sich im Internet bewegt, beruhigt Borchert. Ein simples Beispiel für den Segen des Freifunks ist das Flüchtlingsheim in der Dortmunder Adlerstraße: Drei Router machen es möglich, dass sich die Bewohner mit Nachrichten aus ihrer Heimat versorgen und Kontakt zu Familien und Freunden halten können.

Ist das nicht gefährlich?

Jain. Grundsätzlich sind Privatpersonen, die ihr Wlan öffnen, auch in der Haftung. Wenn ein fremder Nutzer illegal Filme herunterlädt zum Beispiel. Bei den Freifunkern im Ruhrgebiet ist das anders: Der Verein Freifunk Rheinland, zu dem die Ruhr-Freifunker gehören, ist nämlich von der Störerhaftung ausgenommen. Er hat den Status eines Internet-Providers und muss damit (wie Telekom, Vodafone und Co.) nicht für Missbrauch Dritter haften.

Gibt's in NRW schon funktionierende Freifunk-Netze in Innenstädten?

Ja, aber nicht besonders viele. Meist sind es noch einzelne Freifunker, aber nicht genug für ein flächendeckendes Netz. Gute Beispiele für Städte in denen es klappt, sind Aachen, Soest, Arnsberg, Möhnesee. Auch die Stadt Witten hat ernstes Interesse, die Freifunk-Initiative zu unterstützen – zumal Bürgermeisterin Sonja Leidemann seit Dezember selbst Freifunkerin ist. Nicht zu vergessen, Gevelsberg, Gladbeck, Iserlohn... Auch da ist Freifunk in der City keine Utopie mehr. Meist sind die Gewerbevereine die treibende Kraft.

Ich will auch! Was muss ich tun?

Das ist in jeder Community unterschiedlich. In Dortmund zum Beispiel stehen ein Paar Router (gespendet von Ping e.V.) bereit und warten auf einen neuen Besitzer. Sie liegen im Piraten-Büro an der Märkischen Straße und beim Wissenschaftsladen im Langen August/Nordstadt. Gegen eine Spende bekommt man Router, Firmware und alle Infos, die man braucht. Und weil das System so einfach ist, kann das wirklich jeder, betont Netzexperte Borchert.

Was kostet das?

Wer sein WLAN öffnen will, braucht nur einen zusätzlichen Router für rund 20 Euro. Neben dem Strom (5 Euro im Jahr) fällt nichts mehr. Internet zahlt man eh. Allerdings braucht Freifunk Rheinland für die Unterhaltung der "Superknoten" (Verbindung von rund 400 Routern) 6000 Euro Spenden im Jahr. Ganz ohne Hilfe von IT-Unternehmen geht's eben doch nicht.