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Die große Angst vor dem Neuen

25.06.2008 | 15:17 Uhr
Die große Angst vor dem Neuen

Der neue Mensch in ihrem Leben mag die besten Absichten haben, für eine Katze ist das erst mal ein Eindringling, der sie mehr oder weniger stark verunsichert.

Stellen Sie sich vor, Ihre Familie hat – ohne Sie vorher überhaupt zu informieren – eine Tante/einen Onkel eingeladen, bei Ihnen zu wohnen. Da sitzt plötzlich ein fremder Mensch in Ihrer Wohnung, lässt überall seine Sachen rumliegen, blockiert das Bad, wenn Sie es eilig haben, lässt laut Musik laufen, wenn es Sie stört, streicht Ihre Lieblingsgerichte vom Speiseplan und mischt sich in private Gespräche ein ... wie schnell wäre Ihre Stimmung dann im Keller und der Familienfrieden gefährdet? Katzen, die plötzlich einen neunen Menschen in ihrem Haus vorgesetzt bekommen, sind etwa in der gleichen Situation. Wie sie damit umgehen und damit fertigwerden, hängt vor allem von ihrem Selbstbewusstsein, ihrer Sensibilität und ihren Erfahrungen ab.

Auch Machos haben Probleme

Eine Katze, die sofort auf jeden Besucher mit hoch erhobenem Schwanz zugeht, Köpfchen gibt, sich streicheln lässt, mag auf den ersten Blick ein Traum sein. Andererseits hat sie so viel Selbstbewusstsein, dass sie nicht zögern wird, auszuziehen und ihr Haus zu verlassen, falls ihr die neue WG auf Dauer nicht gefällt, oder sie ergreift „geeignete“ Gegenmaßnahmen, um den unliebsamen Mitbewohner zu vertreiben bzw. ihm Grenzen aufzuzeigen. Ihre Signale sind nicht subtil, sondern direkt und eindeutig. Sie sind diejenigen, die Kleidung, Schuhe oder Taschen des „Feindes“ z.B. gezielt markieren, oder sie beißen zu, wenn sich jemand zu nahe zu ihnen aufs Sofa setzt, den sie dort nicht haben wollen ...

Katzen mit weniger kämpferischem, aber gesundem Selbstbewusstsein und hoher Toleranzschwelle werden schnell erste flüchtige Kontakte erlauben, aber die/den Neue(n) ein paar Stunden bis Tage beobachten, buchstäblich mit Sicherheitsabstand umrunden und vorsichtig testen (s. S. 20), ehe sie sich entspannt auf den Arm nehmen lassen und den Familienzuwachs zu akzeptieren beginnen. Auch den gewohnten Menschen gegenüber sind sie in dieser Zeit etwas angespannter.

So manche selbstbewusst wirkende Katze kann sich auch plötzlich als „Panikhase“ entpuppen, der bei jeder unerwarteten Begegnung oder Bewegung in seiner Nähe mit wilder Flucht reagiert und Sicherheitsabstand schafft. Mit einer vertrauten Bezugsperson an seiner Seite, die die Angst einfach ignoriert und mit vielen kleinen Gesten „Wir haben dich lieb“ signalisiert, legt sich die Angst schnell. Bei einer vermittelten Katze, wenn Mensch und Katze sich völlig fremd sind, kann es etwas mehr Arbeit bedeuten.

Hilfe, Hilfe, ich hab' Angst!

Echt Angsthasen reagieren auf eine Erschütterung ihrer gewohnten, sicheren Welt nicht selten mit Flucht unter Sessel/Sofa/Bett oder in die hinterste Ecke oben auf dem Schrank und wollen diese Sicherheitszone auch nicht für viel gute Worte und ihr Lieblingsfutter verlassen. Sie kommen nur noch raus/runter, wenn sie sich sicher fühlen, also nachts, oder wenn sie alleine in der Wohnung sind, und können massiv leiden (siehe Kasten). Jede Annäherung an die neue Situation geht meist nur schrittchenweise.

Es ist möglich, doch leider sieht man es nur selten, dass plötzlich „der Knoten platzt“ und Mieze nach zwei Tagen auf dem Schrank zur gewohnten Zeit ihr Frühstück einfordert und so tut, als sei nie etwas gewesen. Katzen sind eben auch nur Menschen ...

Trotzdem ist es ein unmögliches Unterfangen, „vernünftig“ mit einer Katze zu reden, ihr den neuen Menschen mit Worten vorzustellen (obwohl Sie es natürlich versuchen können) und dann zu erwarten, dass sie ihn abnickt und wie ein „vernünftiger“ Mensch reagiert. So leicht sind Katzen nicht zu überzeugen.

Sie haben auch nicht das mindeste Verständnis dafür, wenn ihr Mensch sie für ihre Unsicherheit oder Panik auch noch bestraft.

Bloß nicht bestrafen

Wird eine Katze, die ausweichen will, gegen ihren Willen festgehalten, oder unter dem Sofa hervorgezogen und gestreichelt, empfindet sie das als Gewalt und nicht als Liebkosung.

Wird eine Katze ausgeschimpft,  aus Räumen ausgesperrt oder sogar körperlich bestraft, weil sie sich gegen Körperkontakt wehrt, laut jammert oder unsauber wird, dann empfindet das eine Katze als Verrat und als Gewalt.

Sie sieht sich in der Position, dass auch der Mensch, dem sie bisher vertraut hat, plötzlich unfair ist, und sie mobbt. Das verstärkt die Unsicherheit, die Angst, den Stress für die Katze noch mehr.

Klar ist es schwer, Geduld und Verständnis für eine Katze aufzubringen, die zum zehnten Mal auf die Schmutzwäsche im Bad gepinkelt hat, aber alles, was hilft, die Katzenseele wieder ins Gleichgewicht zu bringen, sind Wissen, Verständnis, Geduld und vielleicht noch Bach-Blüten.

Wenn sich die Situation nicht innerhalb von drei Wochen verändert, sollte ein Verhaltensexperte hinzugezogen werden.

Wenn der Neue nur ein Ventil ist

Es kann nämlich auch sein, dass der neue Mensch nur der berühmte Tropfen war, der für die Katze das Fass zum Überlaufen brachte, und der wahre Grund für ihr Verhalten ein schon lange schwelender Leidensdruck ist. Dann kannn „der Neue“ machen, was er will, es wird sich nichts ändern, solange das Problem nicht gefunden ist.

Aus der Zeitschrift Geliebte Katze

Jutta Aurahs

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