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Flüchtling aus Angola findet am Borsigplatz seine neue Heimat

30.12.2011 | 10:00 Uhr
Sebastiao Sala hat das Material für sein Holzspielzeug auf dem Schrottplatz gesammelt. Foto: Franz Luthe

Dortmund.  Mit 17 Jahren kam Sebastiao Sala nach Dortmund. Der Angolaner war allein in einem fremden Land. Heute fühlt er sich am Borsigplatz heimisch – er ist ein Gesicht der Nordstadt.

17 Jahre alt, allein in einem völlig fremden Land – das war der beängstigende Beginn des neuen Lebens von Sebastiao Sala. Sein zehn Jahre älterer Bruder hatte die Entscheidung für ihn gefällt: Weg aus Angola, Flucht nach Deutschland. Als der Bruder ihn in Sicherheit wähnte, zog er weiter. Sebastiao Sala blieb alleine zurück im Asylbewerberheim in Dortmund. Mit drei Fremden zusammen auf einem kleinen Zimmer.

„Ich habe am Anfang viel geweint“, sagt der Mann, der eigentlich vor Energie fast überquillt. Damals, 1993, war alles erstmal nur erschreckend. Der 17-Jährige wollte zurück nach Hause, doch in Angola gab es für ihn keine Zukunft, dort herrschte Bürgerkrieg. „Wir konnten nicht frei auf der Straße laufen, wir mussten uns immer verstecken“, erinnert er sich. Zur Schule zu gehen, war undenkbar. Vor der Flucht hatte er bereits monatelang nichts mehr von seinem Vater gehört. Der hatte sich politisch engagiert, war untergetaucht – und wurde 2002 getötet. Auch Sebastiao Salas Leben stand auf dem Spiel. Also musste er sich mit seiner neuen Heimat abfinden.

"Ich musste immer kämpfen"

„Ich musste immer kämpfen“, sagt Sala. Aber so viele Steine, wie in seinem Weg lagen, so viele Menschen gab es auch, die ihm halfen, sie wegzuräumen. Wie die Bewohner des Asylbewerberheims, die ihn davon überzeugten, Deutsch zu lernen .

Damit war der erste Schritt getan. Mit dem Hauptschulabschluss in der Tasche wünschte sich Sala, endlich arbeiten und Geld verdienen zu können. Die befristete Arbeitserlaubnis machte ihm aber einen ersten Strich durch die Rechnung. Aus der Ausbildung zum Friseur wurde nichts. Obwohl ihm eine Lehrerin geholfen hatte, einen Praktikumsplatz zu finden, und der Friseur ihn gerne eingestellt hätte.

Stattdessen ging er Teller waschen. „Von dem Lohn konnte ich meine erste Wohnung finanzieren“, erzählt er. Im Hannibal an der Bornstraße. Als er einen eigenen Telefonanschluss hatte, konnte er nach seiner Familie suchen und den Kontakt wiederherstellen. Sowie er auf eigenen Beinen stand, gesellte sich das Glück zu ihm. Auf einer Feier lernte Sala seine heutige Frau kennen. Elisabeth war 16, er war 19. „Ich konnte da noch nicht so gut Deutsch, es war nicht leicht, miteinander zu reden“, erinnert er sich.

In Dortmund zu Hause

Doch obwohl beide noch so jung waren, trotz aller sprachlicher und kultureller Barrieren – es wurde schnell ernst zwischen ihnen. Schon ein Jahr, nachdem sie sich kennengelernt hatten, verlobten sie sich. Zwei Jahre später, 1998, heiratete das junge Paar. Heute haben sie drei Kinder, wohnen am Borsigplatz und halten fest zusammen.

Sebastiao Sala fühlt sich mittlerweile zu Hause in Dortmund. „Ich schlafe nicht gern woanders“, gibt er zu. Vielleicht, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass „fremd“ zu sein, kein gutes Gefühl ist. Obwohl Sala das hier nicht mehr ist, geben ihm einige Menschen immer noch das Gefühl der Andersartigkeit. Als dunkelhäutiger Mann werde er immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert – „Die Leute sehen mich und denken an Drogen“, ärgert er sich.

Engagiert für Liebe und Respekt

Aber Sala versteckt sich nicht. Stattdessen engagiert er sich – für „Liebe und Respekt“, für die Gleichstellung aller Menschen, egal, woher sie stammen. Zum Beispiel, indem er selbst Vorbild ist. Und den Kontakt zu anderen Menschen sucht. Als „Jah Sala“ macht er Musik auf Kulturveranstaltungen, sammelt für Kinder in Afrika, schreibt politische Lieder. 2009 gründete der jetzt 36-Jährige den Basisverband der Rastafari. Das Ziel: „Die Verbesserung der Verständigung zwischen dem deutschen und dem afrikanischen Volk“.

Auch beruflich will Sala etwas bewegen. „Ich habe viele verschiedene Jobs gemacht, jetzt möchte ich mein Potenzial nutzen“, sagt er. Sein Ziel ist es, einen eigenen Betrieb zu gründen: eine Holzwerkstatt für Kinderspielzeug. Der Businessplan steht, die ersten Modelle hat er gebastelt, zurzeit kämpft er um ein Darlehen. „Ich will den Leuten zeigen, dass man etwas schaffen kann, wenn man Ideen hat.“

Das will er vor allem denen klar machen, die es überall in der Nordstadt gibt: Menschen, die nicht arbeiten, die keine Perspektive für sich sehen. „Die Leute brauchen eine Aktivität“, sagt er. „Vor allem für junge Menschen muss die Stadt mehr tun“, ist er überzeugt. Damit sie bessere Bedingungen haben, als er damals hatte.

Flüchtlinge in Dortmund

 

Christina Römer


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