Fliegende Karten, zerfließendes Glück
23.05.2008 | 20:15 Uhr 2008-05-23T20:15:04+0200Pokern ist Mode, aber wenn man Jens Vörtmann sieht, weiß man, es ist ihm egal. Pokern ist alles andere für ihn: Sport, Kunst, ja gut, Hobby. "Mit dem ich zugegebenerweise sehr erfolgreich bin", sagt er. Am 5. ...
... Juni muss er alle Register ziehen - dann beginnt in Las Vegas die Poker-WM. Es geht um zehn Mio. Dollar. 7000 Spieler wollen das Geld. Und die meisten werden es verbrennen. Das ist das Spiel. Nicht ganz. "Verloren ist nichts", sagt Vörtmann, "es hat eben nur ein anderer." Manchmal hat er es. 12 705 Euro hat er 2007 beim Turnier im Spielcasino Dortmund gewonnen, in diesem Jahr schied er früh aus. Aber er hat gelernt. Man könnte sagen, er minimiert Verluste - jedenfalls eher, als dass er auf Teufel komm raus Gewinne maximieren möchte.
Karten haben den 38-Jährigen früh fasziniert. Mit vier Jahren Skat gelernt, mit sechs Doppelkopf. Er brachte es auf drei Deutsche Vizemeisterschaften im Doppelkopf und Bridge. "Vize ist schlimmer als Zehnter", meint er. Eine Krankheit warf den Betriebswirt, der als Finanzberater eines Unternehmens für das Auslandsgeschäft in elf Ländern zuständig war, vor vier Jahren aus der Bahn. In der Zeit der Erholung "hab ich gemerkt, was für ein schönes Spiel Poker ist".
Poker sind fliegende Karten, mäandernde Gewinne, ist zerfließendes Glück. Ja, würde Jens Vörtmann sagen, der Abiturient vom Max-Planck-Gymnasium, der mit 1+ seine Mathe-Prüfung ablegte. Aber der Rechner in ihm drückt es anders aus. "Man weiß, was liegt, man weiß, was man selber in der Hand hat, und was der Gegner in ähnlichen Aktionen in der Hand hatte. Daraus errechnen, was ich wagen kann..."
Er muss Spiele beobachten, auch wenn er selbst die Karten schon weggeworfen hat. Die Festplatte im Hirn mit Verhaltensmustern der Gegner speisen, die man sich zwei Stunden oder zwei Tage später in Erinnerung rufen kann. Warten, den Karten nicht mehr zumuten, als sie zu leisten imstande sind. Auf nichts hoffen - rechnen.
Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten wird einiges getan, um die Gegner zu stören - oft Egomanen bis zur Albernheit. Vörtmann sitzt derweil mit Kopfhörern, aus denen Cockers "With a little help from my friends" leise ins Ohr träufelt, tief versunken am Tisch. Fordert Selbstdisziplin. Er weiß: "An einem schlechten Tag wird man nicht besser." Dann wirft er weg, was nicht gut genug ist.
Turnier auf der Hohensyburg im Januar. Er sieht Jungs, die aussehen, als wären sie das erste Mal von Mutters Schoß gesprungen, "Schnick-schnack-schnuck" um 500 Euro spielen. Blödsinn, sagt er: "Ich hab' mein Verhältnis zum Geld jedenfalls nicht verloren." Das Casino wurde sein Zuhause, inzwischen spielt er Turniere weltweit und zählt zu den Online-Profis des deutschsprachigen FullTiltPoker.NET-Teams.
Er wirkt cool, er hat es teuer bezahlen müssen. Einmal, bei der WM in Las Vegas 2005, hat er sich locken lassen - das fuchst ihn heute noch. Er hat sich nicht verlesen im Gesicht seines Gegners, Andeutungen richtig interpretiert: "Aber ich hatte zwei Damen, ich wollt' mich nicht trennen." Er hat sie vor zwei Asse laufen lassen. Blöd. Trotzdem hat er noch 33 000 Dollar mit nach Hause genommen.
Sein Verhältnis zum Geld kann er das nächste Mal am 5. Juni, 12 Uhr mittags, im "Rio" in Las Vegas überprüfen. Vörtmann wird sich an einen Tisch setzen und die WM spielen, die aus 50 Turnieren besteht und sich über fünf Wochen erstreckt. Acht Turniere möchte er buchen. Wenn er nicht ins Geld kommt, wird es ihn 35 000 Dollar kosten.
Zwei Asse mag jeder, aber 6 und 8 in Karo als Ausgangshand? Es sind billige Karten, "aber ich hab' schon ein paar schöne Pötte damit gewonnen", sagt er. Er mag 6 und 8 im billigen Karokleid.
52 Karten und Millionen Möglichkeiten. Wochen ins "Full House" eingeschlossen, mit "Pärchen" unterwegs, auf den "Royal Flush" hoffend. Vörtmann wird nicht zocken, er wird schätzen. Er wird fünf Wochen die Sonne nicht aufgehen sehen, nur den Mond unter. Wenn's um zehn Millionen geht, geht's fast ums Leben.
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