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Fußball-Debatte

Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht

12.03.2014 | 06:42 Uhr
Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
Die Polizei setzte beim Revierderby in Dortmund Tränengas ein. Foto: Archiv-Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.  „Wer bändigt die Hooligans“, fragte der WDR und lud zu einer Diskussion nach Dortmund. NRW-Innenminister Ralf Jäger und Experten sollten sich des Problems der Fangewalt annehmen. Am Ende kreiste die Debatte aber einmal mehr um das Verhalten der Polizei – und endete mit einem ungewöhnlichen Angebot.

Der Titel der Podiumsdiskussion, die der WDR für seinen Inforadio WDR 5 am Dienstag im Dortmunder Harenberg Center aufgezeichnet hat, klingt martialisch und reißerisch: „Wer bändigt die Hooligans? Damit Fußball wieder Spaß macht...“ Mit entsprechendem Unverständnis reagierten denn auch die vier Diskutanten: Fansprecher Jan-Henrik Gruszecki, Fan-Forscherin Judith von der Heyde, BVB-Fanbeauftragter Jens Volke sowie NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD). Unisono vertraten sie die Meinung, es mache nach wie vor Spaß ins Stadion zu gehen.

„Mehr Fußball, weniger Drama“, forderte Fan-Forscherin von der Heyde, die gut ein Jahr lang eine Ultra-Gruppe wissenschaftlich begleitet hatte. „Mehr Entspannung, bitte“, verlangte Volke. Und auch der als Hardliner bekannte Jäger widersprach dem Motto des Abends: „Ich fühle mich immer noch sicher, wenn ich mit meinen Kindern ins Stadion gehe.“

Auch befragte Zuschauer wünschten sich eine „Versachlichung der Diskussion“ um Gewalt. Das Thema sei letztlich zu großen Teilen ein „Medien-Hype“. Im Stadion sei die Stimmung bei weitem nicht so negativ wie sie dargestellt werde.

„Als Fan hat mehr mit der Polizei zu tun als mit gegnerischen Fans“

Die anfängliche Harmonie wurde jedoch durch Gruszeckis Eingangs-Statement gestört: „Es macht mir immer noch Spaß. Als Fan hat man mehr mit der Polizei zu tun als mit gegnerischen Fans“, sagte der als Fan-Lobbyist geladene BVB-Fan – und gab damit die Stoßrichtung für die kommende Stunde vor.  „80.000 Menschen gehen nicht ins Stadion, weil sie lebensmüde sind.“ Gewalt sei kein Fußball-, sondern ein Alltagsphänomen: „ Vor jeder Disco steht nachts ein Polizeifahrzeug. Es nervt, dass das Gewaltproblem der Gesellschaft dauernd auf den Fußball projiziert wird“, so Gruszecki.

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Judith von der Heyde berichtete kurz von ihren Erfahrungen mit der Ultra-Gruppe. Dort sei es meist sehr entspannt zugegangen und sie habe sich sicher gefühlt. „Gefährlich war es immer, wenn Polizei dabei war. Da steht oft so viel Polizei und man weiß überhaupt nicht, warum“, resümierte sie. Ultras lebten schließlich eine Form der Jugendkultur und Auswärtsfahrten seien so etwas wie Klassenfahrten – nur ohne Lehrer.

Diskussion drehte sich im Kreis

Das brachte Innenminister Ralf Jäger auf den Plan: „30 Prozent der Einsatzstunden der Einsatzhundertschaften werden bei Fußballspielen geleistet“, so der Fan des MSV Duisburg. „Dann setzen Sie doch weniger ein“, entgegnete Gruszecki und erntete zustimmendes Gelächter aus dem Publikum. Weite Teile der Diskussion drehten sich dann immer im Kreis um die Frage, ob die Polizei weniger Personal einsetzen könne. Die Fans im Publikum und die Experten im Panel waren sich einig: Weniger Polizeipräsenz oder deeskalierendes Auftreten ohne Kampfmontur würden auch zu weniger Fangewalt führen.

Jäger hielt dem entgegen, er müsse sich Vorwürfe gefallen lassen, zu wenig Beamte eingesetzt zu haben, wenn eben doch einmal etwas passiere. Allerdings stimme es, dass die Einsatzkonzepte der deutschen Polizeien zu unterschiedlich seien und dass deeskalierende Konzepte erfolgreicher seien.

Dennoch wurde deutlich, dass der Innenminister und die Fans völlig aneinander vorbei reden. Jäger betonte zwar, er wolle die deutsche Fankultur mit Stehplätzen und den vielen Freiheiten erhalten, führte aber immer wieder die ein bis zwei Prozent gewaltbereiter Fans an und verstieg sich allzu oft zu einer Gleichsetzung von Ultras und Gewalt. Eine Darstellung, der aus dem Publikum und von Jan-Henrik Gruszecki vehement widersprochen wurde.

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Kommentare
13.03.2014
11:15
Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von qwertz1312 | #23

Wenn es nicht so traurig wäre, was man hier teilweise lesen muss, könnte man drüber lachen. Ich möchte als regelmäßiger Stadiongänger und...
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6 Antworten
Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von qwertz1312 | #23-1

davon die Polizeieinsätze für die nächsten 5 Jahre gedeckt werden können. Die Vereine zahlen die Kosten also bereits selbst.

4. "Der Fußball hat ein Gewaltproblem" Falsch! Die Gesellschaft hat ein Gewaltproblem. Die Zahlen der ZIS sprechen von ca. 1200 verletzten in der ersten und zweiten Liga in einer Spielzeit. Beim Oktoberfest in München sind es in 2 Wochen bereits mehr.

5. Ultras sind keine wahren Fans. Aha. Aber die Choreografien, mit Kosten von oft mehreren Zehntausen Euro, werden demnach von Leuten erstellt, die dem Verein schaden wollen? Die lauten bunten Kurven schaden dem Verein? Es ist lediglich eine Frage der medialen Darstellung, warum die viel seltener Auftretenden negativ Vorkommnisse viel häufiger und größer in den Medien erscheinen als die zahlreichen positiven Auswüchse dieser Bewegung.

6. "Pyro=Gewalt" Für Ultras ist Pyro keine Gewalt. Solange nichts geworfen wird, ist es ein optisches Stilmittel, vergleichbar mit einer Fahne.

Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von JollyGreenGiant | #23-2

1. Ja, auch die Polizei macht Fehler. Der Unterschied zwischen reinem Meckern und Kritik liegt im konstruktiven Element letzterer.
2. Die Ausrüstung und Aufstellung ist den in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen geschuldet. In den frühen 90er Jahren wurde die Polizei versuchsweise und zu Deeskalationszwecken in normaler Uniform zum Fußball geschickt. Das Ergebnis waren zahllose verletzte Polizisten durch mangelnde Schutzausrüstung. Ausreden hat außerdem jeder parat. Wenn einer auf Toilette gelassen wird, müssen plötzlich alle.
3. das bezweifle ich
4. Doch, beim Oktoberfest sind insbesondere auch nicht durch Schlägereien verletzte gelistet.
5. nein, sind sie nicht, sondern Selbstdarsteller.
6. Typische Relativierung falschen Verhaltens. Pyros sind verboten, weil objektiv gefährlich. das ist Gesetzeslage und steht nicht zur Disposition des Einzelnen.

Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von Europeer | #23-3

... und wer bezahlt die immensen Schäden, die an öffentlichen Verkehrsmitteln und Anlagen angerichtet werden?! Wer die zusätzliche Stadtreinigung?! DER GEMEINE STEUERZAHLER !!! Sie dürfen sich gern ein Bild über den Bockmist machen, den Sie da schreiben....

Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von qwertz1312 | #23-4

@JollyGreenGiant
1. Es wird durchaus auch sachliche Kritik geäußert.
2. Rein von der Infrastruktur, den Gegebenheiten im Stadion und dem generellen Wandel der Fankultur sind die Zeiten Anfang der 90er mit denen heute nur sehr schwer zu vergleichen.
3. Dann informiere Dich ;)
4. Auch die Zahlen der ZIS geben keine Rückschlüsse auf Gewalttaten von Fans. Verletzungen durch Pfefferspray der Polizei zum Beispiel werden mitgezählt. Das Gewaltpotential im Stadion spiegelt lediglich das in der gesamten Gesellschaft vorhandene wieder.
5.Diese Antwort alleine zeigt, dass sich mit dem Thema nicht oder nur Oberflächlich auseinandergesetzt wurde. Kleiner Tipp: Die Gruppe sind meistens sehr kommunikativ und erklären ihre Standpunkte sehr ausdauernd. Ein Gespräch mit der Gruppe deines Vereins könnte sehr Aufschlussreich sein.
6. Ich habe nie gesagt, dass es nicht verboten ist. Lediglich die Diskussion darüber in Frage gestellt, die eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema nicht ermöglicht.
6.

Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von qwertz1312 | #23-5

@Europeer:

Ich verweise erneut auf die extrem hohen Steuerzahlungen der Vereine.

Fans fühlen sich eher von Polizei als durch Ultras bedroht
von JollyGreenGiant | #23-6

#qwertz
1. Man muß nicht mit den Fröschen sprechen, wenn man den Sumpf trocken legen will.
2. Ganz recht, heute sind die Fans noch gewalttätiger, man feiert sich selbst in diversen Foren, die so gern selbst gewählte Opferrolle gab es so noch nicht. Es ist also schlimmer geworden seit dem Anfang der 90er.
3. Bei welcher Quelle genau? Das Finanzamt dürfte mir kaum Auskunft geben.
4. mag sein.
5. Durch die Show auf den Rängen wird nicht ein Tor mehr geschossen, nicht ein Spiel mehr gewonnen. I.d.R. geht man ins Stadion, um ein Fußballspiel zu sehen, nicht um Selbstdarstellern, die von ihrer eigenen Wichtigkeit überzeugt sind beim Spielen zuzusehen. Alte Weisheit: Wichtig ist auf dem Platz!
6. Dazu braucht es keine sachliche Diskussion. Es ist aus gutem Grund verboten, Diskussion überflüssig. Es bietet sich ja auch keine sachliche Auseinandersetzung an, wenn jemand z.B. bestohlen wurde.

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2014-03-12 06:42
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