Extremsportler will Marathon im Treppenhaus laufen

Frank Pachura sammelt Marathons wie andere Leute Briefmarken.
Frank Pachura sammelt Marathons wie andere Leute Briefmarken.
Foto: Frank Pachura
Was wir bereits wissen
Frank Pachura ist Marathon-Sammler. Mit Joey Kelly lief er durch die Wüste Namibias. Am Samstag startet er beim wohl verrücktesten Marathon der Welt.

Dortmund.. Es gibt Leute, die sammeln Briefmarken. Andere sammeln Autogrammkarten, Uhren, Puppen - möglichst Dinge, die in ein Album, einen Schrank oder eine Vitrine passen. Frank Pachura sammelt Marathons. Seit 14 Jahren läuft er, weil er es nach einer Verletzung satt war, "beim Judo immer mit dem Rücken auf die Matte zu knallen".

Pachura fing an zu laufen und entdeckte seine Leidenschaft für den Marathon. Mehr als hundert Mal hat er inzwischen die 42,195 Kilometer lange Strecke bewältigt. Hinzu kommen Ultra-Marathons, Triathlons, Zwölf- und 24-Stunden-Läufe. Seine Erlebnisse hält der 51-Jährige in Büchern und auf seiner Website www.laufen-in-dortmund.de fest.

Laufblog Vor Weihnachten war der aus Dortmund stammende und in Welver lebende Pachura in der Wüste Namibias unterwegs. Der Fernsehsender RTL hatte eine fünfköpfige Gruppe gegen den Extrem-Sportler Joey Kelly antreten lassen. Wie es Pachura in Namibia erging, erzählt er in unserem Interview. Außerdem berichtet er von seinem nächsten Lauf: dem weltweit ersten Marathon, der in einem Treppenhaus ausgetragen wird. Am Samstag, 21. Februar, ist es soweit.

Knallharte Auswahl für den Lauf mit Joey Kelly

Herr Pachura, Sie waren im Dezember mit Joey Kelly in Namibia. Wie ist es dazu gekommen?

Pachura: Irgendwie bin ich auf den Aufruf von Stern-TV aufmerksam geworden, dass die Leute für ein Abenteuer mit Joey Kelly suchen. Da habe ich mich beworben.

Warum haben Sie sich beworben?

Pachura: Ich habe jetzt weit über hundert Marathons und Ultra-Marathons und schreibe gerne lustige Geschichten zum Mitlachen und -leiden darüber. Ich habe jetzt schon drei Bücher veröffentlicht. Ich suche immer besondere Veranstaltungen, an denen ich teilnehmen kann, um eben an solche Geschichten zu kommen. Über den Lauf in Namibia darf ich allerdings nicht schreiben, weil ich da keine Rechte halte. Die hat RTL. Aber da ich nach drei Tagen und 135 Kilometern abbrechen musste, würde ich ohnehin nicht darüber schreiben wollen. Dafür hätte ich schon viel weiter kommen müssen.

Wie verlief die Qualifikation?

Pachura: Es hatten sich ein paar Hundert Leute beworben, aus denen zehn ausgesucht und zu einem Wochenende eingeladen wurden. Im Oktober haben wir uns dann auf einem Hof in der Nähe von Köln getroffen und haben erste Filmaufnahmen gemacht. Wir erfuhren, dass aus uns zehn Leuten fünf ausgewählt werden sollten. Anschließend sind wir nach Bonn gebracht worden, wo wir an einem Spinning-Wettbewerb im DHL-Tower teilnehmen sollten. Da waren 200 bis 300 Leute auf Spinning-Rädern und wir haben da gute zwei Stunden mitgemacht. Da habe ich ordentlich geschwitzt und gekämpft.

Wie ging es weiter?

Pachura: Wir sind an den Rhein gefahren und zwei Stunden zu zehnt in einem Boot auf dem Rhein gepaddelt. Da sollten wir als Team arbeiten. Da sind wir zwei Stunden den Rhein rauf und runter gepaddelt. Abends ging es dann wieder zu dem Hof bei Köln. Da uns nur gesagt worden war, dass wir zwei Sätze Laufkleidung mitbringen sollen, standen wir dann völlig nass auf diesem Hof und wussten nicht, was zu tun ist. Joey sagte dann, dass wir noch ein Läufchen machen. Dann ging es ungefähr 15 Kilometer bergauf und bergab, immer wenn es bergauf ging, hat Joey das Tempo angezogen. Dabei sind dann die ersten Bewerber zurückgefallen. Die wurden dann nachts nach Hause geschickt.

Das war's dann erst mal?

Pachura: Nein. In der Nacht gab es Erbsensuppe mit Mettwurst. Da wir den ganzen Tag lang nicht gegessen hatten, hatten wir natürlich Hunger und haben dann auch die Suppe gegessen. Aber uns war klar, dass das nicht unbedingt die Ernährung für Ausdauersportler ist. Dann haben wir anderthalb Stunden im Wald geschlafen. Wir mussten uns aus Folie irgendwelche Zelte basteln und haben im Endeffekt nur eine Dreiviertelstunde geschlafen.

Laufblog Sie sind ja ein erfahrener Läufer. Kannten Sie solche Bedingungen schon?

Pachura: Nein. Ich nehme ja meistens an richtigen Veranstaltungen teil, bei denen es Versorgungsfahrzeuge gibt. Ich bin mal von Welver nach Neuss gelaufen, aber auch da hatte ich ein Fahrzeug zur Verpflegung. Mich einfach mit Folie bei Regen in den Wald zu legen war eine neue Erfahrung für mich.

Was kam nach dem kurzen Schlaf?

Pachura: Wir bekamen Fahrräder, auf denen wir dann von Köln durchs Bergische Land nach Remscheid fahren mussten. Morgens um halb acht waren wir dann da. Wir wussten nie, was kommt oder wo es hinging. Als wir in Remscheid waren, hatten wir eine knappe Stunde Zeit - dann startete der Röntgen-Lauf, wo wir am Marathon teilnehmen sollten. Nach ungefähr 30 Kilometern hatte ich Krämpfe im Oberschenkel bekommen und musste stehen bleiben und mich massieren. Ich habe mich dann zurückfallen lassen. Irgendwo stand Joey an der Strecke und haute mir ein paar Motivationssprüche um die Ohren. Die haben so gezündet, dass ich wieder richtig Gas geben konnte. Ich habe die Gruppe überholt und bin mein Rennen gelaufen. Joey lief noch hinter mir her und feuerte mich an. Tja, und als ich mich dann nach vorne abgesetzt hatte, fing er mit der Gruppe an, ein Spiel zu spielen, um mich einzuholen. Dabei sind dann die nächsten zwei Bewerber ausgeschieden. Nach dem Lauf ging es dann mit dem Auto zurück nach Köln, wo dann noch eine Bewerberin rausgenommen wurde. Nach welchen Kriterien, kann ich nicht sagen.

Überraschung am Flughafen: Mit Joey Kelly nach Nambia

Was wurde den fünf Qualifizierten gesagt?

Pachura: Uns wurde gesagt, dass wir ein Abenteuer erleben. Wir wussten nicht, wo. Uns wurde nur gesagt, dass es außerhalb Europas ist und dass wir einen Reisepass brauchen. Und wir sollten schauen, dass wir in den zwei Wochen vor Weihnachten Urlaub haben.

Und dann ging es nach Namibia.

Pachura: Ja, aber das wussten wir auch nicht. Wir standen in Frankfurt am Flughafen, irgendwann kamen Joey und das Fernseh-Team und dann erfuhren wir endlich, dass es nach Namibia geht. Irgendwo spukten dann Gedanken an Ebola in unseren Köpfen, aber das ist natürlich Quatsch, weil Afrika ein riesiger Kontinent ist. Außerdem haben wir darauf vertraut, dass das Fernsehen uns nicht irgendwo hin schickt, wo es wirklich gefährlich ist. Wir hatten vor der Reise eine sehr gute und ausführliche ärztliche Untersuchung.

Das Motto der Sendung war ja, dass die Teilnehmer beweisen sollten, dass sie härter sind als Joey Kelly. Hatten Sie sich da Chancen ausgerechnet?

Pachura: Der Sender hatte das so konstruiert, dass wir Herausforderer sein sollten. Wir als Gruppe hatten das aber gar nicht so empfunden. Wir hatten gar nicht bezweifelt, dass der Joey ein harter Kerl ist. Wir wollten einfach mit ihm ein Abenteuer erleben. Aber aufgezogen war es als großer Wettkampf. Es wurde dann auch ein Wettkampf. Sobald jemand Schwäche zeigte, hat Joey die knallhart ausgenutzt und zum Beispiel das Tempo angezogen. Das war schon hart. Ich bekam dann ja auch Blasen an den Füßen. Das hat er gesehen und dann auch richtig Stoff gegeben. Das hat er bei jedem so gemacht.

Psychologische Kriegsführung?

Pachura: Genau. Die Strecke war 441 Kilometer lang - das haben wir aber erst hinterher erfahren. Vor Ort wurde uns nicht gesagt, wie weit die Strecke ist oder über wie viele Tage das gehen würde. Wir sind von Windhuk aus in die Wüste gebracht worden und sind dann an irgendeiner Kreuzung mitten in der Wüste losgelaufen. Da war es schon rechts spät und es wurde gesagt, dass wir für den Anfang nur locker zwei Stunden laufen würden, um in die ganze Aktion hineinzufinden. Am Ende waren es dann acht Stunden und 50 Kilometer.

Wie war der Tagesablauf?

Pachura: Wir sind den ganzen Tag gelaufen. In der Mittagshitze hatten wir drei Stunden Pause. Da haben wir uns in die Wüste gesetzt und konnten ausruhen. Wobei... Also, Joey Kelly ist in der Lage, sich hinzulegen und sofort einzuschlafen! Egal, wann und wo. Wir saßen da und wussten nicht, wie lange die Pause dauert und Joey hat richtig tief gepennt. Irgendwann ist er aufgewacht und konnte völlig ausgeschlafen wieder Stoff geben, während wir da in der Hitze gesessen hatten.

Was gab es an Verpflegung?

Pachura: Nicht viel. Morgens und abends gab es je zwei Energieriegel. Insgesamt waren das 800 Kalorien. Zwischendurch gab es ein Iso-Getränk, das aber über den Tag immer mehr mit Wasser verdünnt wurde. Pro Tag haben wir zwischen 15 und 20 Liter getrunken. Dadurch hatten wir den Bauch immer voll und kein Hungergefühl. Der Bauch war immer voll, aber es war natürlich kein Dampf da. Mit 800 Kalorien am Tag kann man ja schon kaum klarkommen, wenn man nur auf der Couch liegt.

Wie war das Tempo? Eher laufen oder walken?

Pachura: Das war so zwischen flottem Laufen und strammem Marschieren. Für mich war das teilweise schon richtig flott. Als ich meine Blasen hatte, konnte ich gar nicht mehr gehen, nur noch laufen. Da bin ich ganz aus dem Tritt gekommen und hatte dann auch Schmerzen, was mich letztlich dann aus der Bahn geworfen hatte, sodass ich nach drei Tagen aus dem Rennen genommen wurde.

Wenn man so viel läuft wie Sie, wird der Körper vermutlich relativ schnell wieder hibbelig und will laufen. Wie war das mit den schmerzenden Blasen?

Portrait Pachura: Wir Ausgeschiedenen sind in einem Hotel in Windhuk untergebracht worden. Wir haben zu dritt auf die Anderen gewartet. Da meine Füße so weh taten, konnte ich mich gar nicht groß bewegen. Hibbelig war ich gar nicht unbedingt. Zwei von uns hatten die Füße kaputt. Irgendwann haben wir einen Spaziergang gemacht und hatten dann so nach drei, vier Tagen in dem Hotel das Gefühl, dass wir doch eigentlich dort waren, um Sport zu treiben und nicht spazieren zu gehen. Dann haben wir unsere Laufsachen angezogen, haben uns ein Taxi genommen und uns in einen Nachbarort bringen lassen und sind dann am Strand entlang 37 Kilometer zurück zum Hotel gelaufen. Das hat weh getan, aber wir hatten uns wieder bewegt.

Wie war der Umgang mit Joey Kelly? Was hat er für ein Gefühl vermittelt?

Pachura: Er hat nie das Gefühl vermittelt, dass er ein abgehobener Promi ist. Man hat immer das Gefühl gehabt, dass er ein ganz normaler Sportler ist. Er ist mit uns ganz normal umgegangen, wir sehr schnell mit ihm auch. Aber er war halt derjenige, der das Tempo und die Pausen vorgegeben hat. Aber das Verhältnis war sehr kumpelhaft.

Marathon im Treppenhaus: 83.808 Stufen, 5044 Etagen

Jetzt steht der nächste Höhepunkt an: ein Treppenmarathon in Hannover. Was muss man sich darunter vorstellen? Das Haus wird ja nicht 42 Kilometer hoch sein...

Pachura: Das ist der weltweit erste Lauf dieser Art. Der ist allein schon von den Zahlen her völlig verrückt. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das schaffe. Der Lauf findet in einem Hochhaus mit 13 Etagen statt. Es wird nicht die Höhe gemessen und auch nicht die Schräge, sondern nur die Entfernung, die man sich in der Waagerechten fortbewegt. Das heiß, mit jeder Treppenstufe geht man nur ungefähr 25 Zentimeter vorwärts.

Meine Güte!

Pachura: Wir werden 194 Mal diese 13 Etagen hoch und runter laufen, haben danach 5044 Etagen und 83808 Treppenstufen.

Wie haben Sie dafür trainiert?

Pachura: Ich habe mein normales Laufleben weitergeführt. In den vergangenen vier Wochen habe ich aber verstärkt Treppen gelaufen und habe mich zum Beispiel im Gästehaus an meiner Arbeitsstätte im Treppenhaus eingeschlossen. Am letzten Wochenende war ich am Möhnesee. Dort gibt es den neuen Möhnesee-Turm mit 206 Stufen. Den bin ich 40 Mal rauf und runter gelaufen.

Was sagen denn da die Leute?

Pachura: Es war ja schönes Wetter und entsprechen viele Spaziergänger waren unterwegs. Gegen MIttag wurde es auch sehr voll. Ich habe dann Leute beim Hochgehen überholt, bin denen wieder entgegen gekommen und habe sie anschließend wieder überholt und bin ihnen danach schon wieder entgegen gekommen und so weiter. Da hat der eine oder andere Leute schon gefragt: "Na, machste gerade den vierten Aufstieg?" Und ich habe dann gesagt: "Nee, den 35." Da erntet man schon sehr erstaunte Blicke und mancher glaubt dann auch, dass ich einen ziemlichen Schuss habe. Aber für einen Ultra-Sportler ist das ja eher ein Kompliment.

Und nach dem Treppenhaus-Marathon folgen weitere verrückte Sachen?

Pachura: Im März starte ich beim Föhr-Marathon...

... Da ist es wenigstens flach...

Pachura: ... beim Sechs-Stunden-Lauf in Münster und im April steht ein Marathon in einem Essener Fitness-Studio an. Nicht auf dem Laufband, sondern auf einem Parcours in einem Fitness-Studio um die Geräte herum. Dann kommt noch ein 48-Stunden-Lauf. Mal schauen, was sonst noch so anliegt.

Wann haben Sie denn überhaupt Zeit zum Trainieren?

Pachura: Unter der Woche muss ich gar nicht oft trainieren. Man kann mich mitten in der Nacht aus dem Bett holen, und ich kann sofort einen Marathon laufen. Wenn ich einen Marathon in einer neuen Bestzeit laufen wollte, dann müsste ich mehr trainieren. Aber ich laufe ja für das Erlebnis. Oft mache ich Pause und fotografiere oder gehe noch mal ein Stück zurück, um Aufnahmen zu machen. So brauche ich dann eben auch viereinhalb Stunden für einen Marathon. Bei Wettkämpfen laufe ich jetzt Distanzen, die manchen Leuten schon mit dem Auto zu weit sind.