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Extraschicht

Extraschicht fehlte Festival-Flair

10.07.2011 | 17:34 Uhr
Beeindruckende Kulisse auf der Kokerei Hansa. Foto: Ralf Rottmann

Einen Besucherrekord soll die Extraschicht in diesem Jahr geknackt haben. In Dortmund allerdings war die Resonanz durchwachsen. Und das, obwohl die Stadt die meisten Spielorte in der Nacht der Industriekultur zu bieten hatte – und erstmals das kreative U in seiner Gänze mitwirkte.

Friedrich-Henkel-Weg, 18.30 Uhr. Die Nacht der Kulturwanderer hat gerade erst begonnen. Und allzu viele haben sich noch nicht in der DASA eingefunden. Die meisten sitzen in der gut gefüllten, aber keinesfalls vollen Stahlhalle bei Musikkabarettist Armin Fischer, der gerade mit dem Rücken zum Klavier „Alle Vögel sind schon da“ klimpert und anschließend vorführt, wie BSE und EHEC klingen – indem er einfach die entsprechenden Tasten anspielt.

Manni Haupt hingegen beweist Mut. Seine Muskeln zittern zwar, als er sich in dem Space Curl in der DASA bewegt – „aber ich hätte wohl mein Frühstück von mir gegeben“, sagt Renate Schröder, als sie sieht, wie er sich in dem Konstrukt aus mehreren Kreisen um die eigene Achse und in alle nur erdenklichen Richtungen dreht. „Das war der Hammer“, sagt der Bochumer und fühlt sich fit für den Rest der Nacht in Dortmund.

Tango meist auf der Leinwand

Extraschicht Dortmund 2011

Enttäuschung macht sich bei den Besuchern auf Zeche Zollern breit, die extra wegen der angekündigten Tanz-Vorführungen gekommen sind. Der meisterhafte Tango findet meist nur auf der Leinwand statt. Auf dem Parkett versuchen sich in Zivil gekleidete Besucher, was keinen bleibenden Eindruck hinterlässt. Der Tango als eine Art Trauertanz - so hatte man das südamerikanische Temperament auch noch nicht uminterpretiert gesehen. Entsprechend will beim Publikum in der Alten Werkstatt der bildschönen Zeche keine Stimmung aufkommen. Es ist eher wie bei einem Museumsbesuch.

Der „Line-Dance“ zu Country-Musik auf Zeche Zollern kommt ohne große Bewegungen aus. Anders als der Körpertanz von Bauchtänzerin Samra im Magazingebäude. Trotzdem fehlt irgendetwas. Der berühmte Funke will einfach nicht überspringen.

Das Gefühl, an einer großen Pilgerreise der Kultur teilzunehmen, mag sich erst auf Kokerei Hansa einstellen: Herrlich blau leuchtend hebt sich die Bandbrücke vom dunklen Himmel ab, vor deren Eingang sich eine lange Schlange gebildet hat. Die Extraschichtler wollen den Weg der Kohle nachgehen – und schwingen anschließend gut gelaunt die Hüften zu leidenschaftlichen Salsa-Klängen von „Kruber Libre“. Hier, endlich, lebt die Nacht.

Ein letzter Pfiff

Nur der Generator, der für den richtigen Zug im Straßenbahn-Oldtimer von der Kokerei Hansa zum Bahnhof Mooskamp sorgt, hat heute aufgegeben. Ein letzter Pfiff – und nichts bewegt sich mehr. Heinz Waffel und Jens Petersmann kommen ins Schwitzen in ihren historischen Uniformen, als sie eine alte Diesellok vor die Bahn spannen müssen. Die Fahrgäste nehmen es mit Humor: „Ich ruf mal den ADAC“, sagt eine Frau.

Schmunzeln müssen die wenigen Zuschauer, als Schauspieler Matthias Hecht im Theater im Depot eine kleine Liebesgeschichte improvisiert – zwischen einem Taschenmesser und einem Schlüssel.

Liebe zur Schmiedekunst führt Udo Tappmeyer vor dem Hoesch-Museum vor, in der Ansammlung von Partydächern, die übertrieben als „Zeltstadt“ angekündigt wurden. Mit massiven Schlägen formt er grobe Nägel, das KlongKlong hallt durch die Nacht, das Glühen der Kohlen fasziniert nicht nur seine Söhne Lars und Mark. Auch die Kendo-Kämpfer Nina Kolbe und Dominik Boecker schauen rüber. Wer sie anspricht, erfährt mehr über ihre Liebe zu dem Sport und den stolzen Bewegungen.

Immerhin 4500 Extraschichtler kommen, um den U-Turm zu besichtigen, die Eröffnung der neuen Ausstellung „Proto Anime Cut“zu feiern und Adolf Winkelmanns strahlende Installationen zu bewundern. Von denen ist aber eine abgeschaltet: Die Neun Fenster in der Vertikalen – weil wegen ausgebliebener Reinigung der Beamer einige Lampen ausgefallen sind.

Vor der Kreativstätte: kein Feuerwerk, keine große Show, nur eine Leinwand mit einem witzigen Turm-Video von Teppei Kaneuji, an dem viele aber vorbeihasten. Erst recht jenes herausgeputzte Völkchen, das zum Tanzen kommt, im Ruby oder im View - damit heute einmal der Pott kocht.

 

Nadine Albach und Gerald Nill



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