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Experiment mit Fassbinder-Stück

24.01.2013 | 07:00 Uhr
Experiment mit Fassbinder-Stück
Der Sprechchor des Schauspiel Dortmund bei den Proben.Foto: Franz Luthe

In vier Uraufführungen sollte Peter Handkes „Kaspar“ am Dortmunder Schauspiel inszeniert werden – ein Schauspiel-Festival. Aber es kommt anders: Regisseurin Claudia Bauer wird stattdessen im Sommer Rainer Werner Fassbinders „Welt am Draht“ inszenieren – eine deutsche Erstaufführung.

„Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ – eine plumpe Floskel, um sich Unerfreuliches schönzureden. Fürs Schauspielhaus ist die Floskel ausnahmsweise Wirklichkeit geworden: Ein geplantes Festival platzt – und tatsächlich findet sich ein mindestens ebenbürtiger Ersatz.

Vier junge Autoren sollten Peter Handkes „Kaspar“ inszenieren. Vier Uraufführungen wären das gewesen, ein Schauspiel-Festival. Das erhoffte Fördergeld von der Bundeskulturstiftung bekamen aber andere. Und ohne Geld kein Festival. Doch dann – „der König ist tot, es lebe der König“ – kam Regisseurin Claudia Bauer daher.

Für unspielbare Stoffe bekannt

Sie wagt sich an die deutsche Erstaufführung von Rainer Werner Fassbinders „Welt am Draht“. Ihre Spezialität: „Man betraut mich oft mit unspielbaren Stoffen. Dafür bin ich bekannt.“ Dazu gehört auch „Die Welt am Draht“. Wieso sonst hat sich noch kein Theater an den Stoff gewagt, wo der Film doch bereits 1973 erschien?

Das Stück beginnt wie ein Krimi und entwickelt sich zum surrealen Alptraum. Die Hauptperson, Fred Stiller, arbeitet an einem Computerprogramm, das eine Scheinwelt simulieren soll. Doch langsam wird ihm klar: Auch seine Welt ist nur simuliert. Eine Welt in der Welt, „Babuschka-Prinzip“ nennt das die Regisseurin.

Was „Die Welt am Draht“ unspielbar macht, ist eben diese Philosophie, sagt Claudia Bauer, das Springen zwischen den Wirklichkeiten. Der Film hat dafür Spezialeffekte. Aber „das Theater ist eine Art Dinosaurier“: Soll jemand fliegen, hängt ein zig Kilo schwerer Schauspieler-Körper an irgendeinem Seil. „Das Theater muss mit der natürlichen Plumpheit leben. Das ist das Experiment, auf das man sich einlässt“, sagt Claudia Bauer. Sie hat ein Händchen für solche Experimente. Das mag daher rühren, dass sie sich schon früh mit Puppentheater beschäftigt hat, der besonderen Form von Theater, wo fliegen ohne weiteres möglich ist. „Man fängt an, bekloppter zu denken, wenn man mal mit Puppen gearbeitet hat.“ Bekloppt im Sinne von phantasievoll, schiebt sie nach. Sie findet eine poetische Übersetzung für das, was der Film mit Spezialeffekten ausbügelt.

Das Stück greift ins Repertoire der existenziellen Fragen: Wieso bin ich in der Welt? Wieso ist die Welt? Ist sie? Man darf nicht zu lange darüber nachdenken, sagt die Regisseurin selbst, sonst wird man irre. Oder merkt man schlicht – wie Fred Stiller –, dass mit unserer Welt etwas nicht stimmt?

Einen Tag nach „Welt am Draht“ bringt der Sprechchor sein erstes eigenes Stück auf die Bühne. Seit 2011 ist die Gruppe aus rund 90 Laien 17. Ensemblemitglied am Schauspiel Dortmund. Nun ist der Chor zum ersten Mal nicht Statist, wie etwa bei Leonce und Lena oder Antigone. Diesmal spielt er selbst die Hauptrolle.

Sprechchor in der Hauptrolle

Die Arbeit an Text und Dramaturgie läuft. Der Chor und die beiden Leiter, Schauspieler Christoph Jöde und Dramaturg Alexander Kerlin, machen alles selbst. Der Titel steht schon: „Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“. Die Phantasiefigur Margot wird gespielt von: allen. Und das auf der engen Studiobühne. Der Zuschauerraum fasst gerade mal 90 Leute, ein Verhältnis von 1:1. In dieser großen Nähe entfaltet sich Margot Maria Raketes Nicht-Biographie.

Zusammen blicken die Sprechchor-Mitglieder auf fast 5000 Jahre Lebenserfahrung zurück, erklärt Kerlin. Diese Biographien, Träume, Erinnerung fließen zusammen zu Margots Biographie. Dort vermischen sie sich, verschwimmen, gleiten ab in Fiktion.

Auch hier verliert die Realität ihre scharfen Linien.

Daniela Moschberger



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