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Amtsgericht

„Es fehlte was im Zeltlager“

22.10.2010 | 19:03 Uhr
„Es fehlte was im Zeltlager“
Prozess gegen den ehemaligen Betriebsleiter der Envio AG im Amtsgericht Dortmund, rechts im Bild Envio-Chef Dr. Dirk Neupert. Fotos: Knut Vahlensieck

Dortmund.Wusste der frühere Envio-Betriebsleiter von dem verseuchten Material? Und welche Rolle spielte Geschäftsführer Dr. Dirk Neupert? Am zweiten Tag im Prozess gegen den Ex-Betriebsleiter standen zwar immer noch jene 340 000 Euro im Mittelpunkt, die sich der 46-jährige, gekündigte Mann durch Schrottverkauf in die eigene Tasche gesteckt haben soll. Doch es wurde zunehmend „giftiger“.

Der zweite Tag – er war kein guter Tag für den 46-Jährigen. Und auch nicht für Geschäftsführer Dr. Dirk Neupert, der als Adhäsionskläger auftrat und den erlittenen Schaden für sein Unternehmen zurückfordert. Was die Vorwürfe betraf, so blieb der Ex-Betriebsleiter dabei: „Es war abgemacht, dass diese ganz normalen Geschäfte bar abgewickelt wurden.“ Amtsrichter Dr. Reiner Kollenberg schüttelte den Kopf: „Einfach so? Das klingt nach Klitsche und nicht nach einem Millionen-Unternehmen.“ Und auch Envio-Geschäftsführer Dr. Dirk Neupert wurde bei den bohrenden Fragen unsicher: „Grundsätzlich“ habe es keine Barzahlungen gegeben. „In Ausnahmefällen aber schon.“

Envio-Chef Neupert fordert den erlittenen Schaden für seine Firma zurück.

Brisant: Die 13 Lkw-Ladungen, die der Angeklagte im Sommer 2008 auf eigene Faust an einen Schrotthändler aus St. Augustin verkauft haben soll, stammen alle aus dem Zeltlager – jenem Ort, an dem jetzt die höchsten PCB-Verseuchungen festgestellt wurden. Und er soll von der gefährlichen Fracht auch gewusst haben, so der Vorwurf einiger Kollegen. Zum Teil sagen sie mit anwaltlichem Zeugenbeistand aus, da gegen sie Verfahren eingeleitet werden könnte. Wie jener Schweißer, der behauptet: „Es fehlte was im Zeltlager. Dann habe ich gesehen, wie er (Anm.: der Angeklagte) Gitterboxen mit Transformatoren aufgeladen hat. Das waren Sachen, die durften nicht verkauft werden.“ Auf Nachfrage des Richters, warum, sagte er: „Die waren kontaminiert mit PCB, . Aber was sollte ich machen, das war doch mein Vorgesetzter.“ Eine Pförtnerin wunderte sich über folgende Anordnung des Ex-Betriebsleiters: „Wenn der grüne Lkw kam, musste ich ihn anrufen. Dann kam er selbst herunter.“ Der Lkw gehörte dem Schrotthändler aus St. Augustin...

Zusammen mit dem Ex-Betriebsleiter verlor auch der damalige Produktionschef seinen Job. „Die dachten, ich hätte da mitgemischt. Mein Strafverfahren wurde aber eingestellt.“ Und er sagte noch mehr: „Da wurde PCB-haltiges Aluminiumgranulat verkauft. Die Geschäftsleitung sagte, das sei in Ordnung. Und mir wurde gesagt: Das hat dich nicht zu interessieren.“ Der Prozess geht am 5. November weiter.

Kathrin Melliwa

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Kommentare
05.11.2010
20:24
„Es fehlte was im Zeltlager“
von nuke | #5

In Sizilien war es immer so, daß Behörden die Mafia gesehen haben - wo Sie nicht war. Dort jedoch wo es förmlich nach Mafia gerochen hat, hat man Sie nicht wahrgenommen... jetzt frag ich mich grade welches Schauspiel wir hier geboten bekommen...

23.10.2010
02:50
„Es fehlte was im Zeltlager“
von vaikl | #4

Vielleicht kann sich ja noch Jemand an den allerersten Artikel von Hr. Brandt über Envio erinnern:
http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/Envio-sieht-sich-auf-der-sicheren-Seite-id2405442.html

Damals ging es u.A. um die Frage, wie denn sichergestellt sei, dass man Envio nicht mehr PCB unterjubelt, als auf den Lieferpapieren angegeben sei. Die joviale Antwort Neuperts damals: „Man sieht das. Mit bloßem Auge” könne der Experte einen hohen und geringen PCB-Anteil im Öl unterscheiden.

Und weiter: Dennoch: Schlupflöcher bleiben. Das belegen Stichproben im Altöl-Sammeltank. Sprengt der dortige ppm-Wert den der Lieferungen, „dann wissen wir: Hier stimmt was nicht”.

Das (hat schon immer) bedeutet: Eine laborseitige *Eingangs*kontrolle mit Beleg über den tatsächlichen PCB-Gehalt einer Lieferung fand nicht statt. Wenn dieser Experte mal nicht oder nur verkniffen hinguckte, hätten also ohne Probleme auch falsche, PCB-freie Einlieferscheine die gesamte Buchhaltung und Archivierung durchlaufen können, ohne einen Hinweis auf die tatsächliche Belastung zu liefern.

Ich kann nicht sagen, ob Neupert dieses damalige Interview schon vergessen hat oder ob es ihm jetzt den Hals zuschnürt.

23.10.2010
02:06
„Es fehlte was im Zeltlager“
von ppaula | #3

Ich lach mich weg... Einfacher kann man das LTR²-Verfahren nicht erklären.

Man buche einfach nicht alle eingehenden Transformatoren in die Bestände und verkaufe sie einfach ungereinigt an die Verwerter weiter. Unter der Hand natürlich. Ein paar Hunderter extra für die wissenden Mitarbeiter und alle sind glücklich bis zu dem Moment, wo Unregelmäßigkeiten in den Bodenproben der Nachbarn und umgebenden Siedlungen aufgetaucht sind.

Nichts ist beweisbar - in Korea und anderen ausländischen Kunden Envios wird man natürlich auch gemütlich schweigen. Schließlich ist man das Teufelszeug ja los.

Dagegen ist Omertà ein Kinderspiel.

So macht man Schwarzgeld. Ist bei allen Entsorgern mal mehr oder weniger üblich. Wo es dreckig ist, muss man ja nicht mehr unter den Teppich schauen... oder Frau Dr. Holznagel?

Durch die zögerlichen und unzureichenden Ermittlungen dürfte es mittlerweile zu spät sein.
Aber vielleicht finden sich ja Unregelmäßigkeiten/ Auffälligkeiten in den Lohnabrechnungen oder auf den Konten der entsprechenden Mitarbeiter.

Das grenzt an Dummheit, was die ermittelnden Stellen in dieser Sache verzapfen.

23.10.2010
00:52
„Es fehlte was im Zeltlager“
von vaikl | #2

Amtsrichter Dr. Reiner Kollenberg schüttelte den Kopf: „Einfach so? Das klingt nach Klitsche und nicht nach einem Millionen-Unternehmen.“

Lieber Dr. Kollenberg, ihre Einschätzung trifft den Pudelkern mit voller Wucht auf den Nagelkopp. Dass eine Börsennotierung nicht unbedingt ein Garantiesiegel für ethisch-moralisch einwandfreien Geschäftswandel ist, sollte sich rumgesprochen haben.

Aber Hand aufs Herz - wie soll denn ein deutsches Entsorgungsunternehmen die deutsche Gründlichkeit des Dokumentations-Wesens anders umschiffen können als mit Bar-auf-die-Kralle am Werkstor? Für diese Ausnahmefälle, die Neupert zugibt, gibt es bestimmt a) gute Gründe und b) gesonderte Verwendung in den noch anstehenden Verfahren gegen Envio.

23.10.2010
00:37
„Es fehlte was im Zeltlager“
von movienrz | #1

Diesen Artikel um die Kriminalposse müßte man eigentlich mit der passenden Musik unterlegen, die bei Aufruf des Artikels leise im Hintergrung abläuft. Die Filmmusik der US-Serie Weeds - Kleine Deals mit den Nachbarn würde hier wunderbar passen.

Lesenswert:

http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/dortmund/lokalnachrichten_dortmund/Noch-mehr-Vorwuerfe-gegen-Envio-Chef;art930,1071950

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