PCB-Sanierung bei Envio in Dortmund kostet 5,5 Millionen Euro
12.07.2011 | 18:37 Uhr 2011-07-12T18:37:00+0200
Dortmund.Envio - ein Jahr danach. Das war der Titel der DGB-Veranstaltung im Dortmunder Hafen. Und die Ortsvorsitzende Jutta Reiter berichtete von ihrem Eindruck, dass in der Öffentlichkeit „der Lärm um Envio verebbt“, obwohl viele Probleme nicht gelöst seien.
Bei rund 5,5 Millionen Euro Kosten wird die Sanierung der PCB-verseuchten Envio-Immobilien an der Kanalstraße im Dortmunder Hafen liegen. Diese Zahl nannte Joachim Schmied von der Bezirksregierung am Dienstag auf der emotionalen und kontroversen DGB-Veranstaltung beim direkten Envio-Nachbarn ABP.
Die Mitarbeiter des Unternehmens zählen zu den Leidtragenden, die in ihrer Arbeit und Gesundheit direkt von dem Envio-Skandal betroffen sind. Die Bezirksregierung geht davon aus, dass die Sanierung nach der Ausschreibung frühestens Ende des Jahres beginnen kann. Die Sanierung gegenüber Envio ist angeordnet, allerdings wird sie, wie schon die Sanierung des Zeltes, wohl an der öffentlichen Hand hängen bleiben.
Ärger und Fragen über Fragen
Ein Jahr nach Bekanntwerden des PCB-Giftskandals sind viele Probleme noch nicht gelöst. Die rund 200 anwesenden ABP-Mitarbeiter machten am Dienstag bei der DGB-veranstaltung Vertretern verschiedener Landeseinrichtungen und OB Ullrich Sierau deutlich, dass sie das ähnlich sehen. Das von der Bezirksregierung skizzierte Sanierungskonzept rief die meisten Fragen und Einwände der Mitarbeiter des Envio-Nachbarn hervor. Wann wird es losgehen? Wann bekommen wir Kenntnis, um uns daraufeinzustellen? Wird unser Betrieb parallel stillgelegt? Fragen, die nicht nur ABP-Geschäftsführer Dr. Wolfgang Andree in die Runde warf.
Sollte die millionenschwere Sanierung Ende des Jahres starten, vollzieht sie sich in folgenden Schritten.: Räumung der Hallen und Freiflächen, Abfräsen der versuchten Wände der Halle 1, Rückbau der Hallen 1 und 2, Abfräsen der Freiflächen unter einem Zelt und anschließende Reinigung. Parallel dazu sollen die Messungen an mehreren Punkten während der Sanierung ausgedehnt werden.
Ausführungen der Behörden, die die ABPler nicht zufriedenstellten. Mit Blick auf eigene Liefertermine müsse man Monate zuvor vom konkreten Sanierungsfahrplan erfahren. Man habe schließlich einen regen Lkw-Verkehr, sagte Geschäftsführer Andree, der von einer Verschleppung des Verfahrens sprach, die nicht hinnehmbar sei. Ein Vorwurf, dem die Bezirksregierung widersprach. Andre: „Hier geht es offenbar um eine Sanierung nach Kassenlage und nicht nach Not.“
Es war vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die Versäumnisse der Behörden im Envio-Skandal von fehlendem Vertrauen die Rede. Harsche Kritik gab es auch an der aktuellen Informationspolitik der Arnsberger. Den Hinweis auf die kriminelle Energie des Envio-Chefs Dirk Neupert durch die Behördenvertreter, ließen die ABPler nur bedingt gelten. Schließlich sei es ja auch die Behörde gewesen, die zwar vor Ort gewesen sei, aber offensichtlich nicht genau hingeguckt habe.
Andree hadert auch mit der eingeschränkten Kommunikation mit der Stadt. Ein Vorwurf, den Andre und OB Ullrich Sierau am Ende der Veranstaltung weiter diskutierten. Letztlich ging es um die Frage Andrees: „Welche Unterstützung können wir bekommen, um unser Geschäft weiter zu betreiben?“
OB Sierau teilte mit, dass die Bitte nach durchgehenden Messungen an der Hafenwiese durch das Land abgelehnt worden seien. Nur während der laufenden Sanierung sollen weitere Messpunkte eingerichtet werden.
Das Verfahren zur Sanierung dauere ihm auch zu lange. Man sei aber an Recht und Gesetz gebunden.
1200 medizinische Untersuchungen gab es im Zusammenhang mit dem Envio-Skandal. 263 Mal wurden erhöhte PCB-Werte festgestellt. Die Ergebnisse im Vergleich von Hochbelasteten und Geringbelasteten: Bei Erstgenannten gibt es schlechtere Funktionen der Schilddrüse, Auffälligkeiten bei der Hirnleistung in Sachen Handmotorik und Worterkennung, Auffälligkeiten bei den Nervenfunktionen der Beine, Veränderungen der Haut und im Immunsystem. Wie Prof. Thomas Kraus mitteilte, habe man in 45 Fällen Anzeigen an die Berufsgenossenschaft geschrieben wegen des Verdachts einer Berufskrankheit.
Die Runde hatte erheblichen Diskussionsbedarf. Und meldete ihn mit Blick auf die anstehende Sanierung auch künftig an. Jutta Reiter will sehen, was sich machen lässt.
13:32
@ #12
Noch etwas erweitert dargestellt: Es gibt (immer noch) einen Ministerialerlass der NRW-Landesregierung aus 2001, der Firmen, die DIN/ISO-Zertifikate für Umweltmanagement vorweisen können, eine geringere Immissionsschutz-Kontrolldichte durch die Behörden zubilligt.
Diese Zertifikate werden aber von privatwirtschaftlich agierenden Instituten ausgestellt, deren Mitarbeiter in den meisten Fällen aus der Branche stammen. Man zertifiziert, qualifiziert und berät sich also quasi selbst. Der Markt für Zertifikate ist wegen des Marketing-Effekts für zertifizierte Firmen EU- und weltweit heiß umkämpft und Regeln werden auch gern mal unterlaufen, um Kunden zu akquirieren.
Bei Envio hat z.B. über viele Jahre immer der gleiche Mitarbeiter einer Zertifizierungsfirma solche Zertifikate ausgestellt, obwohl solche Beziehungen eigentlich gegen Transparenzregeln verstoßen. Man hat die Zertifikate dann auch erst Monate nach der ersten Teil-Stilllegung entzogen, weil auch da angeblich Niemandem etwas aufgefallen war.
@ #14
Im Fall Envio reichte es schon, die BR mit immer neuen, sich überlappenden und stellenweise widersprechenden Anlagen-Änderungsanzeigen in kurzen Abständen zu beschäftigen. Da wäre Bestechung echte Geldverschwendung gewesen, so dumm ist Neupert nicht.
08:26
@vaikl
um die schwammigen Entscheidungen in die richtige Richtung zu lenken. Das Spiel geht nach immer gleichen Regeln.
08:10
Verursacherprinzip ?? ...ich dachte das derjenige der einen schaden anrichtet auch dafür haftet ?? Irre ich mich da ...
04:55
@5
Danke für Richtigstellung und Erweiterung:
Ist mir gar nicht mehr so in Erinnerung geblieben und im Rückblick als schleichende Veränderung kaum aufgefallen, über die ich nicht nachgedacht hatte.
22:42
@ #10
Wozu braucht eine junge, kurskletternde Aktiengesellschaft Bestechungsgelder, wenn die gesetzlichen Grundlagen ihres Kerngeschäfts derart schwammig und löchrig sind?
22:29
Und wo bleiben die Bestechungsgelder, ohne die eine solche Schlamperei nicht möglich gewesen sein kann?
22:03
Gibt es hier keine Schadensersatzansprüche/strafrechtlich relevante Aspekte?
Sind hier die Staatsanwaltschaften wirklich kreativ genug?
21:43
@ #7
Na dann schlagen Sie doch die Vergiftung ganzer Landstriche inkl. deren Bevölkerung als *die* Lösung aller kommunalen Finanzprobleme vor, Sie Wirtschaftsgenie... Oder bewerben Sie sich beim AAV.
21:30
Richtig #6, ein rundlaufendes Perpeteum Mobile, das, wie jeder Schadensfall, positiv ins BiP eingeht,
ohne das der Geschädigte, in diesem Fall, die Stadt, am Ende Minus macht.
20:46
@ #4
Wird jetzt die ehemalige Stellvertreterin Diegels Karola Geiß-Netthövel (SPD), die den Kasachstan-Deal mit Envio förderte, auch ihren Posten als Chefin des RVR los?