Kantine von Envio-Nachbar ABP verseucht
11.08.2010 | 20:31 Uhr 2010-08-11T20:31:00+0200
Dortmund.Gift-Alarm am Essenstisch: Auch die Kantine der Envio-Nachbarfirma ABP Induction Systems ist mit krebserregendem PCB verseucht. Seit einer Woche ist sie dicht. Überraschend stoppte Envio die Reinigung des verseuchten Betriebsgeländes. Die Frage, ob die Giftfirma finanziell am Ende ist, blieb unbeantwortet.
Rund 300 Besucher, die wöchentlich in der ABP-Kantine frühstückten und zu Mittag aßen, fragen sich nun, wie gesund die Mahlzeiten wohl waren. Neben den 170 ABP-Mitarbeitern schätzten auch Beschäftigte der Firmen Gimatec, Kolk und Envio das Speisenangebot. „Selbst Envio-Chef Dr. Dirk Neupert und sein neuer Anwalt haben bei uns gegessen“, berichtet Monika Scheider, die mit drei Kolleginnen die Küche schmiss. Seit letzten Mittwoch bleibt sie kalt – „völlig überraschend“ für ABP-Sprecher Martin Maas. „Was wird aus uns“, fragen sich die Damen am Herd.
Die nachgewiesenen Giftmengen sind nicht appetitlich. Im Hausstaub der Kantine liegen die PCB-Konzentrationen bei rund 195 Milligramm pro Kilo – und damit um das Vierfache über dem Grenzwert für die Abfallentsorgung. Durch die Raumluft schwirren 900 Nanogramm PCB pro Kubikmeter – dreimal mehr als verträglich.
Tägliches Wischen
ABP hatte sich im Zuge einer Rundumbeprobung der Betriebsgebäude im Juni auf die Bezirksregierung in Arnsberg verlassen, die den Gutachter bestellte. Der habe die Kantine für nicht untersuchungswürdig gehalten, erinnert sich Firmensprecher Maas: „Damals hieß es, dort werde ja täglich gewischt.“ Die Bezirksregierung Arnsberg bestätigt das. „Im ersten Anlauf haben wir die Kantine nicht unter die Lupe genommen“, sagt Sprecher Christoph Söbbeler. „Man konnte nicht davon ausgehen, dass sich in einem solchen Raum PCB befindet, da dort nicht mit diesem Material gearbeitet wird.“
Jetzt hatte die Firma WISAG, die im Auftrag der Envio Grundbesitz GmbH das Gebäudemanagement am Standort Kanalstraße regelt, ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. Als die bedrückenden Ergebnisse Mittwochabend vorlagen, wurde die Kantine sofort geschlossen. „Wir sind nicht begeistert“, beschreibt Maas die Stimmung bei der Firma ABP.
Keine Erklärung
Die Ursache der PCB-Verseuchung ist Arnsberg unklar. „Es gibt keine schlüssige Erklärung“, sagt Söbbeler. Einerseits könnte verbautes Material belastet gewesen sein, andererseits seien auch Verwehungen von Außenbereichen denkbar. „Bis auf Weiteres ist die Kantine jedenfalls nicht zu benutzen.“ Vier bis sechs Wochen Fastenzeit hält ABP für realistisch. Solange der Speisesaal geschlossen ist, weichen Mitarbeiter zur EDG aus. Deren Kantine wird – ebenso wie die von ABP – vom Catering-Dienstleister „Menü 2000“ in Papenburg bewirtschaftet. Dessen Pressebeauftragter schmeckte das Gift in der Küche gestern gar nicht. „Keine Auskünfte“, hieß es am Telefon.
Das Thema kochte noch, da sorgte Envio für einen neuen Knalleffekt. Die Giftfirma stoppte am Mittwoch die Sanierung der Außenflächen. Weil die Arbeiten längst noch nicht abgeschlossen sind, kamen gleich Zweifel über die Zahlungsfähigkeit des Unternehmens auf. Auf WR-Anfrage blieb Envio zunächst stumm. Am Abend dann der Hinweis: Neben 1,5 Millionen Euro Sicherheitsleistung könne man nicht auch noch die Sanierung finanzieren. Bezirksregierung und Stadt springen jetzt ein. Die Chancen, das vorgestreckte Geld wiederzubekommen, mag Stadtsprecher Udo Bullerdieck nicht bewerten.
Sicher ist: Die Reinigung des Außengeländes dauert nun noch länger. Sie soll möglichst Ende nächster Woche abgeschlossen sein, hoffen Bezirksregierung und Stadt.
15:49
Dieser Kommentar wurde von einem Moderator blockiert.
01:57
@ #3
Die 17 Mios beziehen sich auf die Holding, nicht auf die Envio Recycling GmbH Co. KG. Und nach dem Einbruch in Korea sind das wohl auch nur Mondzahlen. Das gesamte Firmenkonstrukt ist schon eindeutig darauf ausgelegt, die Miesen in die einzelnen Teile zu stecken und diese bei Bedarf einfach abzutrennen.
Hier in der WR stand vor einiger Zeit, dass Neupert was von lächerlichen 50.000 Euro geschwafelt hat, die als Rückstellung der GmbH für solche Sanierungsfälle bereitstünden.
Die Taktik ist doch klar - Neupert spielt mit seinen völlig abstrusen Meldungen an der Börse auf Zeit und zockt dabei mit seinen bzw. den großen Stückzahlen der anderen Vorstände (natürlich anonymisiert) um kleine Erträge ala Kleinvieh macht auch Mist.
Anzeige(n) wegen Verstößen gegen das Umweltrecht wurde(n) ja angeblich schon Anfang Juni von der Bez.Reg. gestellt, damals allerdings noch im Bereich des Verwaltungsrechts gegen eine Betreiberfirma bzw. Genehmigungsinhaber, nicht gegen eine Person im Sinne von StGB § 327 Unerlaubtes Betreiben von Anlagen.
Das macht auch Sinn, da Arnsberg dann Ende Juni ihre Strafanzeige wg. fahrlässiger oder vorsätzlicher Körperverletzung abschickte, die mit dem möglichen Strafmaß ja viel weiter geht als der § 327, obwohl der Straf*tatbestand* der gleiche ist.
01:05
Hallo Vaikl, in irgendeinem (Börsen-)Artikel sprach Neupert doch von 17 Mio EUR, die in der Kriegskasse seien.
Wenn ich mich jetzt nicht völlig täusche, täuscht ENVIO (mal wieder) die Stadt... Gibt es eigentlich schon eine Strafanzeige wegen der Umweltverschmutzung? Dieser Begriff ist ja eigentlich schon eine Verniedlichung.
00:45
@ #1
Darf ich daran erinnern, dass PCB im Essen bzw. PCB-Funde im Grünkohl der Hafen-Kleingärtner der Ausgangspunkt dieser Skandalstory war?
Die aktuelle Behörden-Denkweise bei der Mess-Analyse und den daraus zu folgernden Maßnahmen zur Dekontamination entspricht genau der Unfähigkeit, Hilflosigkeit und dem bewussten Wegschauen, welches diesen Skandal erst möglich machte: Da darf nix sein, also tun wir da auch nix.
Natürlich sind auch Envio-Mitarbeiter mit ihren verseuchten Arbeitsklamotten regelmäßig in diese Kantine gegangen; sie werden den staubgebundenen PCB-Anteil auch weiträumig im Hafen und auf ihren Arbeitswegen verteilt haben, genauso wie die Fahrzeuge, die auf dem Envio-Gelände verkehrten oder auch die Waggons mit den Großtrafos von RWE u.A. mehr.
Es wird eine sauteure Sache werden, diese Spuren lückenlos aufzudecken und restlos zu beseitigen, vom notwendigen Aushub des Geländes mal ganz abgesehen. Wenn Neupert für den Standort Dortmund die Finger hebt, dann ist die Stadt dran.
23:16
So langsam gehen mit dem Westen-Autor die Pferde durch. Aus dem PCB im Staub wird nun gleich PCB im Essen. Das ist echt Bild-Zeitungsniveau.