Envio-Verteidiger lehnt erneut Gutachter wegen Befangenheit ab

Ex-Envio-Chef Dr. Dirk Neupert zum Prozessauftakt im Oktober zwischen seinen Anwälten Dr. Christian Tünnesen-Harmes (l.) und Prof. Ralf Neuhaus.
Ex-Envio-Chef Dr. Dirk Neupert zum Prozessauftakt im Oktober zwischen seinen Anwälten Dr. Christian Tünnesen-Harmes (l.) und Prof. Ralf Neuhaus.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Im Prozess gegen den früheren Envio-Chef Dr. Dirk Neupert und drei ehemalige Mitarbeiter der Recyclingfirma hat die Verteidigung den Antrag gestellt, einen weiteren Gutachter wegen der Sorge der Befangenheit abzulehnen. Die Anklage wirft Neupert Körperverletzung von 51 Arbeitern vor.

Dortmund.. So umfangreich einst sein Arbeitsauftrag war, so kurz war am Montag sein Auftritt vor Gericht. Prof. Thomas Kraus, Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin an der Universität Aachen, hatte einst über 300 Envio-Arbeiter sowie Anwohner aus der Nachbarschaft der ehemaligen Recycling-Firma auf PCB-Spuren im Blut untersucht. Am Montag verließ er nach weniger als einer Stunde den Gerichtssaal – und das unverrichteter Dinge.

Noch bevor ihn die 35. Große Strafkammer als Sachverständigen anhörte, stellte Verteidiger Prof. Ralf Neuhaus den Antrag, den Experten für Umweltmedizin wegen der Sorge der Befangenheit abzulehnen. „Mein Mandant zweifelt an der Unparteilichkeit“, so Neuhaus, Verteidiger des ehemaligen Envio-Chef Dr. Dirk Neupert, dem zusammen mit einem weiteren Envio-Manager 51-fache Körperverletzung sowie schwere Umweltverstöße vorgeworfen werden. Aus Gewinnsucht sollen sie Arbeiter zum Teil ungeschützt zur Entsorgung an Trafos geschickt haben, die mit dem giftigen Isoliermittel PCB verseucht waren. Bei einem Werkstattleiter sowie einem weiteren Mitarbeiter sieht die Staatsanwaltschaft Beihilfe zu Umweltverstößen.

Skandal bedeutet ein „öffentliches Ärgernis“

Übersicht Was den Unmut der Verteidigung erregte, ist ein Aufsatz von Prof. Kraus in englischer Sprache, in dem zwar nicht explizit die Firma Envio auftauche, eine Identifizierung aber möglich sei. In diesem Artikel werde unter anderem gleich zweimal das Wort „Skandal“ benutzt. Was Staatsanwalt Dr. Marc Sotelsek als nicht weiter tragisch empfindet, schließlich bedeute das schlimme Wort laut Etymologie nichts weiter als „öffentliches Ärgernis“. Bis zum 30. November soll Verfasser Prof. Kraus nun schriftlich zu seinem Artikel Stellung nehmen.

Gericht bekommt sämtliche Publikationen

Bevor der Umweltmediziner den Saal verließ, gab er zu bedenken, dass es „ja noch mehrere Publikationen aus unserem Hause gibt“. Ob er die dem Gericht nicht alle zukommen lassen solle, „sonst geht das ja immer so weiter“. Ein Vorschlag, den der Vorsitzende Richter Thomas Kelm gern annahm.

PCB - Polychlorierte Biphenyle Schon früher Befangenheitsanträge gestellt

Bereits in den letzten Prozesstagen hatte die Verteidigung Befangenheitsanträge gegen zwei weitere Sachverständige gestellt. So hatte ein Epidemiologe einen Vortrag auf einer Veranstaltung gehalten, deren Organisatoren sich negativ über die Firma Envio geäußert hatten. Daran sei nichts Verwerfliches, „ein Gutachter ist schließlich nicht für das Umfeld verantwortlich“, entgegnete Nebenklage-Anwalt Dr. Reinhard Birkenstock. Eine Entscheidung über diese Anträge will das Gericht Ende November verkünden.