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Gift-Verdacht

Envio sieht sich auf der sicheren Seite

18.01.2010 | 10:00 Uhr
Envio sieht sich auf der sicheren Seite

Dortmund. Auf der Suche nach PCB- und Dioxin-Schleudern im Hafen rücken dortige Betriebe in den Blickpunkt. Vor allem solche, die von Giften leben, wie die Envio Recycling GmbH & Co. KG. Ein Ex-Mitarbeiter behauptet, dort würden Dämpfe ungefiltert entweichen. Stimmt nicht, sagt der Vorstandschef.

Envio reinigt Transformatoren von jenem krebserregenden PCB, das in den umliegenden Gärten und im Fredenbaum gefunden wurde. Ein ehemaliger Beschäftigter behauptet, dass dabei giftige Dämpfe nach draußen gelangen. „Kaum möglich”, sagt Vorstandschef Dr. Dirk Neupert – und wenn, „dann deutlich unterhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte”.

"Da entweicht immer was"

Der Envio-Firmensitz liegt an der Kanalstraße 25, nahe der gemessenen Gift-Spitzen. Der Ex-Mitarbeiter, der anonym bleiben will, war als Leiharbeiter von 2006 bis 2007 mit der PCB-Reinigung beschäftigt. Dass er die internen Betriebsabläufe grundsätzlich kennt und richtig schildert, bestätigt Dr. Neupert. Den Hauptvorwurf allerdings nicht. „Ich weiß, dass da etwas nach draußen entweicht”, sagt der Ex-Mitarbeiter. Die Tore in der Halle stünden offen. „Die ganzen Dämpfe gehen da so raus.” Welche Stoffe ins Freie gelangen, ob PCB-haltige oder Teile des Lösungsmittels „Per”, das wisse er nicht. „Aber da entweicht praktisch immer was. Das weiß jeder, der dort arbeitet. Da wird auch drüber gesprochen.” Die meisten Arbeiter trügen Atemschutz.

"Unter den Grenzwerten": Dr. Dirk Neupert.

„Alles richtig, bis auf das Entweichen nach außen”, entgegnet Neupert. In der Halle herrsche ein ständiger Unterdruck. Frischluft werde angesogen. Die Luft, die rausgeblasen werde, ströme durch einen Aktivkohlefilter, der Giftstoffe binde. „Die Abluft liegt unter den Grenzwerten”, sagt Neupert und verweist auf die Betriebsgenehmigung.

"Es gibt keine Null-Emission"

Natürlich werde bei Envio nicht mit Kinderspielzeug hantiert. „Es gibt bei solchen Problemstoffen keine Null-Emission”, räumt der Firmenchef ein. Rückstände seien möglich, aber nur „sehr geringe” – und die stammten „überwiegend vom Lösemittel”. Dieses „Per”, das PCB aus den Trafos wäscht, sei „nicht völlig easy”. Es habe „einen beißenden Geruch, der möglicherweise als subjektive Beeinträchtigung empfunden wird”. Denn: „Wenn der Kessel des Reinigungsbehälters aufgeht, stinkt es in der Halle.” Aber bei geschlossenen Systemen sei „der Einsatz von Per noch erlaubt und okay”.

Eine andere denkbare Risikoquelle liegt vor dem Punkt, an dem Envio eingreift: Wie verseucht die Transformatoren sind, steht in den Papieren, mit denen sie angeliefert werden. Die Giftkonzentrationen werden in ppm (parts per million/Teilchen pro Million) angegeben und bestimmen die Intensität der Reinigung. Ein schwach belastetes Gerät mit 100 000 ppm PCB muss deutlich weniger aufwändig gesäubert werden als ein hochgiftiges mit 300 000 ppm. Desto mehr Reinigungsaufwand, desto teurer für den Auftraggeber. Stellt sich die Frage: Wer garantiert, dass der PCB-Wert auf dem Lieferschein mit dem tatsächlichen übereinstimmt?

Deklarierung öffnet Schlupfloch

„Kaum vorstellbar, dass uns Auftraggeber hoch belastete Ware als harmlos unterjubeln”, sagt Neupert. Das falle gleich auf. „Man sieht das. Mit bloßem Auge” könne der Experte einen hohen und geringen PCB-Anteil im Öl unterscheiden. Ob jemand 10 000 von 20 000 ppm auseinanderhalten kann – „darüber kann man diskutieren. Aber das wäre nicht sicherheitsrelevant.”

Dennoch: Schlupflöcher bleiben. Das belegen Stichproben im Altöl-Sammeltank. Sprengt der dortige ppm-Wert den der Lieferungen, „dann wissen wir: Hier stimmt was nicht”. Das sei ein Indiz für ein schwarzes Schaf unter den Anlieferern. Ein als gereinigt geltender Trafo, dem noch Giftreste anhaften, könnte Envio dann schon wieder verlassen haben. „Was das in Milligramm PCB pro Kilo ausmacht und für die Werte in Grünkohl und Gemüse heißen kann, vermag ich nicht zu sagen”, so Neupert.

INFO

  • Um verseuchte Transformatoren aus aller Welt zu reinigen, nutzt Envio das LTR2-Verfahren.
  • Das Funktionsprinzip: In einem geschlossenen System wird zunächst die PCB-haltige Isolierflüssigkeit abgelassen.
  • Dann werden die Trafo-Behälter mit dem Reinigungsmittel Tetrachlorethylen, auch „Per” genannt, gespült und anschließend getrocknet.
  • Durch Destillation wird das Reinigungsmittel zurückgewonnen. Übrig bleibt das PCB, das bis zur endgültigen Entsorgung in Sicherheitstanks zwischengelagert wird.
  • Die gereinigten Trafo-Bestandteile werden als Sekundärrohstoffe verkauft.
  • Envio hat das LTR2-Verfahren entwickelt und geschützt. Es gilt bislang als eines der führenden weltweit.

Klaus Brandt

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