Envio-Prozess wird fortgesetzt
02.10.2012 | 15:29 Uhr 2012-10-02T15:29:00+0200
Dortmund. Der Prozess gegen Ex-Envio-Chef Dr. Dirk Neupert und weitere drei frühere Mitarbeiter wird entgegen aller Erwartung nicht ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat überraschend die Anhörung von sechs weiteren Gutachtern beantragt, die das Gericht nun hören will.
Paukenschlag im Landgericht: Der Envio-Prozess gegen Ex-Chef Dirk Neupert und weitere drei Mitarbeiter geht, entgegen aller Erwartung, jetzt doch weiter. Die Staatsanwaltschaft beantragte gestern überraschend, eine Reihe von Gutachtern zu hören. Eine Nachricht, die auch die 35. Große Strafkammer erst letzten Freitag erreichte.
„Ich bin davon ausgegangen, dass wir heute aussetzen. Was jetzt erst einmal nicht geschieht“, erklärte der Vorsitzende Richter Thomas Kelm. Stattdessen will das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft sechs Sachverständige hören, die unter anderem zu folgenden Fragen Auskunft geben sollen: Kann ein PCB-Wert bestimmt werden, ab dem ein erhöhtes Krankheitsrisiko besteht und kann man überhaupt PCB als Ursache von Krankheiten feststellen?
„Wir wollen Klarheit“
Mit der Beantwortung dieser Fragen steht und fällt die Anklage der Körperverletzung – und es bestehe „unter den Experten eine abweichende Auffassung“, so Staatsanwalt Dr. Marc Sotelsek, der betonte: „Wir wollen Klarheit.“
Klarheit wollen alle – doch bei der Erklärung des Staatsanwaltes verdunkelten sich die Mienen der juristischen Vertreter der Envio-Arbeiter , während die Verteidigung sich zufrieden zurücklehnte. So ist einer der Sachverständigen, mit dem die Staatsanwaltschaft in Kontakt trat, der Auffassung, dass es keine Kausalität zwischen erhöhten PCB-Werten und dem Auftreten von Krankheiten gäbe.
„Ich verstehe die Staatsanwaltschaft nicht“
Bestimmte gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Leberschäden seien auch auf Alkohol- oder Tablettenmissbrauch zurückzuführen. „Das ist das stärkste Verteidigungsargument, dass ich in der Verhandlung gehört habe“, meinte Nebenklage-Vertreter Dr. Reinhard Birkenstock kopfschüttelnd: „Ich verstehe die Staatsanwaltschaft nicht. Wollen die der Verteidigung in die Karten spielen?“ Wogegen sich Staatsanwalt Dr. Marc Sotelsek ausdrücklich wehrte: „Nein, aber wir wollen die Augen nicht verschließen. Es ist sachgerecht, die Ursächlichkeit aufzuklären.“
Zweifelhaft, ob die geplante Reihenuntersuchung notwendig ist
Ob die geplante Reihenuntersuchung der 51 potentiell geschädigten Envio-Arbeiter überhaupt sinnvoll ist, stellt sich erst nach Befragung der Gutachter heraus – vorbereitet werden muss sie jedoch trotzdem. Und das sei, so das Gericht, eine höchst zeitraubende Arbeit. „Die potentiell Geschädigten rennen uns nicht gerade die Tür ein.“
Rechtsanwältin Ina Klimpke, die einen der Envio-Manager verteidigt, bemerkte am Rande des Prozesses: „Die Staatsanwaltschaft bereitet den Rückzug von ihrer eigenen Anklage vor.“ Auch Neupert-Verteidiger Prof. Ralf Neuhaus sieht dem weiteren Verfahren gelassen entgegen.
19:57
"Andererseits ist es auch schwer jemanden wegen Körperverletzung zu verurteilen, wenn Gutachter darüber streiten ob und wann eine PCB-Kontamination und Vergiftung Fiolgen haben könnte - oder nicht!"
Die PCBs sind nicht aus Jux Mitglied des dreckigen Dutzend der persistenten organischen Umweltgifte. Und es gibt Richtlinien für den Umgang mit PCB. Wer mit viel Energie diese Richtlinien wiederholt grob und intendiert mißachtet und damit eine Gefährdung seiner (zahlreichen Leih-) Arbeiter bewußt in Kauf nimmt, gehört dafür bestraft. Das ist nicht schwer.
Dass Neupert und seine Kumpane wegen div. Umweltvergehen bestraft werden, daran zweifeln noch nicht mal die Prozess-Skeptiker, dazu ist die Beweislage eindeutig genug. Diese Strafen sind aber Peanuts und haben keinen Einfluss auf z.B. Schadensersatzforderungen der Opfer. Sie würden Neupert noch nicht mal seine Vorstandsposten kosten.
Fakt ist leider, dass es trotz der bekannten Giftigkeit von PCB keine gesicherten Erkenntnisse gibt, ob und wie PCB den Körper schädigen. Der Envio-Fall ist somit der allererste Fall, in dem diese Frage *gerichtlich* durch sehr genaue Untersuchung der Opfer geklärt werden muss.
17:53
Neupert guckt, als habe man ihm gerade gesagt, dass die Zuckerwürfel im Kaffee aus dem Fundus des kontaminierten Envio-Mitarbeiter-Pausenraumes stammen.
Ansonsten: Ein grandioses Rückzugsgefecht der Justiz und insbesondere der Staatsanwaltschaft. Andererseits ist es auch schwer jemanden wegen Körperverletzung zu verurteilen, wenn Gutachter darüber streiten ob und wann eine PCB-Kontamination und Vergiftung Fiolgen haben könnte - oder nicht! Da könnte man in der Logik auch jeden Autobesitzer wegen potentieller Körperverletzng verurteilen.
15:44
Neupert ist ein Profi, und er macht immer das gleiche Gesicht; dasjenige worauf man ihn gebrieft hat: als staune er etwas verwirrt über all das Procedere, und: worum es wohl eigentlich gehe, er persönlich habe doch nur seinen Beitrag leisten wollen, um den Standort Dortmund-Hafen aufzuwerten, was ihm die Stadt, Wirtschaftsförderung, Umweltdezernent und OB und Arnsberg ja explizit mit Siegeln und Erlaubnissen und und und gedankt haben - anstatt ehrlich und aufrichtig zynisch zu lächeln.
16:16
soll das heissen, es wäre nicht strafbar, einen anderen Menschen mit PCB oder Dioxin zu kontaminieren? Das kanns doch nicht sein....
Solange nicht sicher bewiesen ist, dass eine solche Kontamination zu konkreten Gesundheitsschäden geführt hat oder noch führt, ist unsere Justiz da bislang "gnadenlos".
Aktuelles Beispiel wäre die Rauchwolke über Duisburg, die ja nachweislich erhöhte Konzentrationen von z.B. Salpeter und Nitrose enthielt. Aber solange sich Niemand auf ein medizinisches Gutachten mit Schäden *durch diese Wolke* beruft, wird Compo als Verursacher höchstens wg. Verstößen gegen Genehmigungsauflagen bestraft.
14:07
Wenn Sie die gesamte Lektüre über PCB aufmerksam gelesen hätten, dann wüssten Sie, dass es keine *gesicherten* und damit gerichts-verwertbare Erkenntnisse gibt, die eine Schädigung durch PCB beim Menschen belegen. Niemand hat und wird sich freiwillig in einem klinischen Test dem Zeug aussetzen und die bisherigen, größeren Katastrophen wurden damals leider nicht ausreichend untersucht, um solche Schlüsse für alle Zeiten zu ziehen.
Die deutsche Justizlogik ist bislang simpel - eine Körperverletzung muss zweifelsfrei nachgewiesen werden. Dieser Prozess wurde aber von der Dortmunder Staatsanwaltschaft mit dem hehren Ziel begonnen, diese Logik endlich zu durchbrechen und auch den "Versuch" strafbar zu machen. Ob sie dies mit Experten erreicht, die selber kaum zu den Immissionen aus der sog. "Technosphäre" (dem industriellen Umgang mit solchen Umweltgiften) forschen, bleibt fraglich.
Bei Giften und Medikamenten ist ein direkter Zusammenhang zu einer Krankheit bzw. zum Gesundwerden meistens nur statistisch belegbar. Für viele Medikamente ist der Zusammenhang zudem zweifelhaft (Placebo-Effekte).
Wenn es dokumentierte Krankheiten bei Arbeitern und deren Familienangehörigen gibt, sollte es bei der Zahl möglich sein, statistische Zusammenhänge, die auch als Beweis dienen können, zu finden.
Viele andere Umweltkatastrophen hatten Überlebende bzw. Menschen, die keine offensichtliche Krankheit hatten. Dennoch zeigten viele Opfer, dass es einen Zusammenhang gibt.
Insgesamt vermisse ich die Dauerbetroffenen aus Politik und Organisationen. Der Kampf für Käfer und Kröten wird von ihnen mit mehr Engagement durchgeführt.
Für statistische Zusammenhänge braucht man viele Daten aus vielen Erhebungen. Die gibt es bei PCB - anders als bei Dioxinen und Furanen - eben nicht. Aktuell, nach den Skandalen mit PCB-Eiern, beginnt die Bundesregierung mit einem Projekt zur Erhebung solcher Daten, das 2014 Ergebnisse liefern soll.
PS: Ja, in dieses Projekt werden auch die Untersuchungen der Envio-Mitarbeiter einbezogen.
11:31
ewtas für Logiker:
Jeder erinnert sich doch an den Giftskandal um Dioxin-Eier. Dioxin gehört tada, genau wie PCB zu dem "dreckigen Dutzend". Warum wohl haben die Behörden angeordnet, dass alle Eier entsorgt werden?!?!? Vielleicht ja damit das Gift nicht in den Organismus/ Blut gelangt....Das setzt ja voraus, dass man annimmt, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit zu gesundheitlichen Schädigungen kommen wird, wenn man das Zeug im Körper hat....
Mal darüber nachdenken ....
10:29
PCB ist laut Wikipedia u.a. eindeutig ein Gift. Das reicht doch. Das Video von "Der Story" (WDR), wie die Mitarbeiter von dem Zeug ohne Schutz überschüttet werden und knietief darin stehen, reicht doch aus. Alleine das ist doch schon klar eine schwere Körpervverletzung. Wenn man wie die Staatsanwaltschaft beweisen will, dass das für die Betroffenen keine negeativen körperlichen Auswirkungen hätte, dann würde man der gesamten Lektüre widersprechen. Warum wohl steht über PCB das, was man darüber findet?!?!?! Wichtig ist doch nur, dass die Chance einer negativen körperlichen Beeinträchtigung mit SICHERHEIT drastisch erhöht ist.
...so what......
01:53
Die Staatsanwaltschaft hat jetzt 6 Experten eingeladen, die fast ausnahmslos als Kritiker der Verharmlosung von PCB-Gefahren gelten (bis auf Prof. Drexler, der mit seinem Labor schon bei der Untersuchung der Blutwerte von Envio-Mitarbeitern und Anwohnern durch "unorthodoxe" Bearbeitung auffiel). Das ist im Grunde kein schlechtes Unterfangen, um dem hohlen Gutachten von Rettenmeier mal Substanz entgegen zu setzen.
Aber: Alle diese Experten (bis auf Prof. Kraus als betreuender Mediziner) waren ebenso wie die gesamte Fachliteratur bislang überzeugt, dass das Vorhandensein einer massiven Kontamination mit niedrigchlorierten PCB-Kongeneren ausreicht, um einen zeitlichen Kausalzusammenhang zwischen Vergiftung und z.B. Arbeitstätigkeit nachzuweisen.
Das ist nach den Blutwerten der Envio-Mitarbeiter aber nicht mehr möglich, da dort auch die "kleinen" PCB viel länger im Körper verbleiben, als bislang vermutet. Für weitere Forschung zwar nützlich, für die Opfer/Kläger und die "Experten" fatal.
18:01
Wie bewerten/bewerteten Juristen Strahlenschäden? Es gab sie bei Radartechnikern, bei Atom-Opfern etc.
Es gibt auch hier unterschiedliche Belastungen, und die Folgen der großen Atom-Unfälle waren sehr individuell. Oft traten die Schäden erst viele Jahre später auf.
Der Lebenswandel hat auch seine Auswirkungen gehabt.
16:34
Die Staatsanwaltschaft muss nicht nur nach Indizien suchen die einen Angeklagten belasten, sondern auch nach denen die entlasten
Haben Sie eigentlich schon mal überlegt, wieviel Begriffe Sie hier munter verwechseln?