Envio-Prozess wird fortgesetzt

Ex-Envio Chef Dr. Dirk Neupert zwischen seinen Anwälten Prof. Ralf Neuhaus (r.) und  Dr. Christian Tünnesen-Harms. Der Prozess wird mit der Anhörung weiterer Gutachter und Zeugen fortgesetzt.
Ex-Envio Chef Dr. Dirk Neupert zwischen seinen Anwälten Prof. Ralf Neuhaus (r.) und Dr. Christian Tünnesen-Harms. Der Prozess wird mit der Anhörung weiterer Gutachter und Zeugen fortgesetzt.
Foto: Knut Vahlensieck
Was wir bereits wissen
Der Prozess gegen Ex-Envio-Chef Dr. Dirk Neupert und weitere drei frühere Mitarbeiter wird entgegen aller Erwartung nicht ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat überraschend die Anhörung von sechs weiteren Gutachtern beantragt, die das Gericht nun hören will.

Dortmund.. Paukenschlag im Landgericht: Der Envio-Prozess gegen Ex-Chef Dirk Neupert und weitere drei Mitarbeiter geht, entgegen aller Erwartung, jetzt doch weiter. Die Staatsanwaltschaft beantragte gestern überraschend, eine Reihe von Gutachtern zu hören. Eine Nachricht, die auch die 35. Große Strafkammer erst letzten Freitag erreichte.

„Ich bin davon ausgegangen, dass wir heute aussetzen. Was jetzt erst einmal nicht geschieht“, erklärte der Vorsitzende Richter Thomas Kelm. Stattdessen will das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft sechs Sachverständige hören, die unter anderem zu folgenden Fragen Auskunft geben sollen: Kann ein PCB-Wert bestimmt werden, ab dem ein erhöhtes Krankheitsrisiko besteht und kann man überhaupt PCB als Ursache von Krankheiten feststellen?

„Wir wollen Klarheit“

Mit der Beantwortung dieser Fragen steht und fällt die Anklage der Körperverletzung – und es bestehe „unter den Experten eine abweichende Auffassung“, so Staatsanwalt Dr. Marc Sotelsek, der betonte: „Wir wollen Klarheit.“

Klarheit wollen alle – doch bei der Erklärung des Staatsanwaltes verdunkelten sich die Mienen der juristischen Vertreter der Envio-Arbeiter, während die Verteidigung sich zufrieden zurücklehnte. So ist einer der Sachverständigen, mit dem die Staatsanwaltschaft in Kontakt trat, der Auffassung, dass es keine Kausalität zwischen erhöhten PCB-Werten und dem Auftreten von Krankheiten gäbe.

„Ich verstehe die Staatsanwaltschaft nicht“

Bestimmte gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Leberschäden seien auch auf Alkohol- oder Tablettenmissbrauch zurückzuführen. „Das ist das stärkste Verteidigungsargument, dass ich in der Verhandlung gehört habe“, meinte Nebenklage-Vertreter Dr. Reinhard Birkenstock kopfschüttelnd: „Ich verstehe die Staatsanwaltschaft nicht. Wollen die der Verteidigung in die Karten spielen?“ Wogegen sich Staatsanwalt Dr. Marc Sotelsek ausdrücklich wehrte: „Nein, aber wir wollen die Augen nicht verschließen. Es ist sachgerecht, die Ursächlichkeit aufzuklären.“

Zweifelhaft, ob die geplante Reihenuntersuchung notwendig ist

Ob die geplante Reihenuntersuchung der 51 potentiell geschädigten Envio-Arbeiter überhaupt sinnvoll ist, stellt sich erst nach Befragung der Gutachter heraus – vorbereitet werden muss sie jedoch trotzdem. Und das sei, so das Gericht, eine höchst zeitraubende Arbeit. „Die potentiell Geschädigten rennen uns nicht gerade die Tür ein.“

Rechtsanwältin Ina Klimpke, die einen der Envio-Manager verteidigt, bemerkte am Rande des Prozesses: „Die Staatsanwaltschaft bereitet den Rückzug von ihrer eigenen Anklage vor.“ Auch Neupert-Verteidiger Prof. Ralf Neuhaus sieht dem weiteren Verfahren gelassen entgegen.