Entsetzen über drei tote Kinder in Dortmund - alle sind Opfer von Gewalttat

In diesem Haus an der Fichtestraße geschah das Unfassbare.
In diesem Haus an der Fichtestraße geschah das Unfassbare.
Foto: Ralf Rottmann
Was wir bereits wissen
Nach dem Tod dreier Kinder an der Fichtestraße in der Dortmunder Nordstadt ist das Entsetzen in der Nachbarschaft groß. Am späten Abend gibt die Staatsanwaltschaft bekannt: Alle drei Kinder waren vor dem Ausbruch des Brandes in der Wohnung bereits tot.

Dortmund.. Die drei Kinder, die am Freitag Morgen bei einem Brand tot in einem Haus in der Fichtestraße in der Dortmunder Nordstadt aufgefunden worden, waren bereits vor dem Feuer tot. Das ist das Ergebnis der Obduktion, das Staatsanwaltschaft und Polizei am späten Freitagabend bekannt gegeben haben. Nähere Angaben sollen am Samstag bekannt gegeben werden, teilte die Polizei mit.

Es ist ein Familiendrama, das sich am frühen Freitagmorgen in der Fichtestraße 18 abgespielt hat. Nachbarn sind geschockt. Völlig fassungslos steht eine Nachbarin am Freitag mit ihrem Rad vor dem Haus. „Warum mussten die drei Kleinen sterben?“, fragt sie mit Tränen in den Augen. „Gestern noch haben Mustafa, sein Bruder Mehmet und seines Schwester Silan mit meinem Elias hier vorne in dem kleinen Park gespielt. Die drei waren so fröhliche Kinder. Die haben immer gelacht, immer...“

Die Nachricht von der schrecklichen Familientragödie, vom Tod der drei Geschwister Mustafa (4), Mehmed (10) und Silan (12) spricht sich wie ein Lauffeuer in der Fichtestraße herum. Immer wieder kommen Nachbarn vor die Tür, schauen entsetzt auf die zerborstenen Scheiben in dem Mehrfamilienhaus, in dem sich in den frühen Morgenstunden gegen 5 Uhr die Tragödie abgespielt hat. Kopfschütteln, Fassungslosigkeit. Eigentlich sieht alles nicht so schlimm aus. Kaputte Fensterscheiben, ein bisschen Ruß am Mauerwerk. Doch die Ermittler sprechen schon um 8 Uhr in der ersten Mitteilung vom „Verdacht auf ein Kapitaldelikt“. Die Auffindesituation der Kinder deute auf ein Verbrechen hin. Ermittler und Nachbarn haben viele Fragen, zunächst aber keine Antworten.

Mustafa und Silan waren bereits tot

Die Feuerwehr findet kurz nach 5 Uhr Mustafa und seine Schwester Silan tot in der Wohnung. Ihr Bruder Mehmet lebt noch, kommt ins Krankenhaus. Doch erliegt er wenig später seinen schweren Verletzungen. Er ist, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am frühen Nachmittag bekanntgaben, „einer Gewalttat zum Opfer gefallen.“ Seine Leiche weist Stichverletzungen auf.

Kaum ein Anwohner hat etwas mitbekommen von dem, was sich kurz nach 5 Uhr in der Siedlung abgespielt hat. „Ich war zwar wach, aber gehört oder gesehen habe ich gar nichts“, erzählt Hedwig Ludwig, die in der Erdgeschosswohnung nebenan wohnt, Wand an Wand mit der türkischstämmigen Familie. Die Spurensicherer der Polizei betreten gerade die Wohnung in den weißen Schutzoveralls. Wenig später erhellt gleißendes Licht von Scheinwerfern die rußgeschwärzten Zimmer. Die Leichen der beiden Kinder, so macht es vor Ort die Runde, liegen noch in der Wohnung.

„Mustafa wollte gestern noch mit meinem Hund Rex spielen“, erzählt eine Nachbarin mit tränenerstickter Stimme und zeigt auf ihren kleinen Mischlingshund. Häufig habe sie ich um die Kinder gekümmert. Ihre leibliche Mutter sei ja vor fast vier Jahren gestorben. Seit ihr Vater eine neue Lebensgefährtin hatte, seien die Kinder oft auf sich allein gestellt gewesen. „Der hat die Wohnung meist nur als eine Art Hotel genutzt“, so ein weiterer Nachbar.

Nachbarn hatten das Jugendamt mehrfach informiert

Ein aufs andere Mal habe er oder andere Bewohner der Fichtestraße deswegen das Jugendamt verständigt. Aber getan habe sich offensichtlich nichts. „Die Stadt kannte die Familie “, heißt es später auf Anfrage unserer Zeitung von der Stadt. Das sei eine sehr ernste Angelegenheit und man werde die Wege einhalten, sprich: zunächst die Staatsanwaltschaft informieren.

„Uns war auch ein bisschen unwohl in unserem Haus, da das nicht das erste Feuer war,“ berichtet ein Mieter, der unerkannt bleiben möchte. Bereits am 29. Februar um 3.40 Uhr schlugen die Flammen aus der Wohnung der Familie, die damals noch in der dritten Etage gewohnt hatte. Der 41-jährige Vater selbst hatte die Feuerwehr alarmiert. Mit seinen Kindern hatte er die Wohnung verlassen können. Er und seine drei Kinder wurden durch den Rettungsdienst versorgt und anschließend mit Verdacht auf eine Rauchgasvergiftung in Krankenhäuser eingeliefert. Die Ursache: fahrlässiger Umgang mit Feuer durch eins der Kinder. Kaputte Fensterscheiben, provisorisch mit einer grünen Plane verschlossene Fenster zeugen noch von dem heftigen Feuer aus dem Februar 2012.

Vater zum Zeitpunkt des Feuers nicht in der Wohnung

Doch diesmal, so die Polizei, sei der Vater nicht in der Wohnung gewesen. Es soll einen lauten Streit vor dem Haus gegeben haben mit seiner Lebensgefährtin, fünf Minuten vor Ausbruch des Feuers. Doch gegen den 41-jährigen Vater, so berichtet die Polizei nach seiner Vernehmung am Nachmittag, bestehe kein Tatverdacht. Er wurde in die Obhut seiner Angehörigen übergeben.

Nächste Woche, so wissen Nachbarn, sollten die Kinder in die Türkei mit ihrem Vater fliegen, „offensichtlich für immer, nicht für einen Urlaub“. Bestürzt blickt auch der Verwalter des Hauses auf die zerstörten Fenster. „Erst in der Wohnung da oben, jetzt hier unten“, schüttelt er den Kopf, kaum in der Lage, etwas zu sagen. „Ein Brand, ja. Doch wer rechnet damit, dass das noch mal passiert. Die Kinder, die Kinder, einfach schrecklich.“

Nach Familiendrama bleiben viele Fragen

„So genau kenne ich den Vater nicht“, erzählt Mustafa Aydogan während ein Polizeihubschrauber über dem Brandherd laut knatternd in der Luft steht. Er habe öfters mit dem Mann an der Ecke in einem Café Karten gespielt. Und dann sei Mustafa immer mal wieder auf seinem Fahrrad vorbeigekommen, hätte einen Euro für ein Eis oder Bonbons haben wollen. Er wisse, sagt er mit leiser Stimme, was das für ein Schmerz ist, wenn man ein geliebtes Kind verliert. Seins sei schon mit nur sechs Monaten gestorben.

Bis spät in den Abend untersuchen Dortmunder Kripobeamte zusammen mit Experten des LKA den Tatort. Doch Ruhe kehrt hier wohl lange noch nicht ein. Zu viele Fragen, vor allem die Frage nach dem „Warum“.