Ein "kriminogener Ort" - Nachts am Dortmunder Hauptbahnhof

Ausgang Richtung Nordstadt: Die Treppe führt hinauf in einen langen, niedrigen Tunnel. Hierher lassen sich Frauen lieber begleiten.
Ausgang Richtung Nordstadt: Die Treppe führt hinauf in einen langen, niedrigen Tunnel. Hierher lassen sich Frauen lieber begleiten.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
  • Wie gefährlich ist es an Bahnhöfen wirklich?
  • Diebstähle sind „ein Problembereich, der zunehmend Sorgen macht“.
  • Weibliche Reisende sind angeblich weniger geworden

Dortmund.. Frau. Nacht. Bahnhof. Wochenende. Allein. – Das ist der Stoff, aus dem Alpträume sind. Und dieser Hauptbahnhof hat keinen Ausweg. Dunkel, eng, gedrungen, ein Tunnel ins Irgendwo der Dortmunder Nordstadt, von der sie bei der Polizei sagen, sie sei „ein kriminogener Ort“. Verbrechen begünstigen also, das tut ein Bahnhof, weil er ist, was er ist: ein Ort, an dem viele Menschen sind.

„Und Täter eben auch“, sagt die örtliche Polizei, der Bahnhof sei ein Ort für „Tatgelegenheiten“. Handyraub meldete sie schon mehrfach dieses Jahr, Frauen zeigten Übergriffe an, die Haupt-Tätergruppe ist längst benannt: junge Männer aus Nordafrika. Gegen Diebstahl und „Antanz“-Trick arbeiten zwei Sonderkommissionen. Für Silvester suchen die Ermittler noch Zeugen, die über mehr berichten können als „eine furchteinflößende Menschengruppe“.

„Ein Problembereich, der uns zunehmend Sorgen macht“

Natürlich gab es Warnungen – vor Dieben und „dunklen Gestalten“. Da stehen ein paar Typen vorm Schnellimbiss, hier gibt es häufig Ärger, sagt die Polizei, aber Stehen ist keine Straftat. Die jungen Männer dort, was tun die so lange am Automaten? Sie kaufen eine Fahrkarte, am Ende bezahlen sie 297 Euro. Warum, wohin? Antwort arabisch. Bei den Gepäckfächern lungern sieben Jungs. Der Mensch ist ein Augentier, er puzzelt im Kopf zusammen, was er sieht, und das, was er hörte – zu irgendeinem Bauchgefühl.

[kein Linktext vorhanden] „Sich am Bahnhof aufzuhalten, ist grundsätzlich sicher“, sagt Oliver Humpert, Chef der Bundespolizeiinspektion Dortmund. Er meint die Zahlen: bis zu 8000 Straftaten im Jahr in seinem Revier zwischen Mülheim und Sauerland, auf zig Millionen Reisende. Trotzdem, die Diebstähle werden mehr, „ein Problembereich, der uns zunehmend Sorgen macht“. Schon wegen seiner Enge sei der Dortmunder Bahnhof ein „Brennpunkt“.

Weibliche Reisende sind angeblich weniger geworden

Misstrauisch beobachtet ein Mann das Publikum: Das ist vornehmlich jung, männlich, Kapuze in den Augen, Jogginghose um die Beine, Joint in der Hand. Auffallend viele tragen eine volle Plastiktüte vom Discounter. „Alle voll verpeilt hier“, sagt eine Imbiss-Mitarbeiterin. Der Mann setzt seine Frau in den Zug, es ist dunkel, aber nicht mal Abend. Ein anderer sagt: „Hätte nie gedacht, dass ich meine Frau mal vom Gleis abholen muss.“

Die Verkäuferin einer Bude ist allein, wie hinter allen Theken, an fast allen Kassen in dieser Nacht: allein unter Frauen. Weibliche Reisende aber seien weniger geworden, sagt eine. „Die haben jetzt eher Angst.“ Sie selbst hat keine, „die Polizei ist ja in der Nähe“. Gerade parkt die einen Wagen vor der Tür, Passanten machen Fotos: mit der Pulle vor „den Bullen“.

Kurz vor Mitternacht steigt der Alkoholpegel

„Kontrolle ist gut“, sagt Swetlana Berg. Die Leiterin der Bahnhofsmission ist indes keine furchtsame Frau. Zu ihr kommen Wohnungslose, Süchtige, „Gestrandete“, psychisch Kranke, immer mehr Frauen. Und Menschen, die bestohlen wurden. „Mancher“, sagt Berg, „schiebt alles auf die Flüchtlinge. Nein! Die Probleme hier hatten wir vorher und haben wir jetzt.“ Dieser Tage hat Berg allerdings Taschenalarme gekauft, für ihre Ehrenamtlichen. Nebenan war eine Bahn-Angestellte angegriffen worden. „Ich muss auf Ängste eingehen.“

Drogenhandel Kurz vor Mitternacht steigt der Alkoholpegel. Leute lallen, schwanken, tragen Wodkaflaschen unterm Arm, so halb voll wie sie selbst. Einer murmelt etwas über „Ausländer“, ein anderer, halbwegs aufrecht, sagt: „Aber das sind Menschen!“ Vor der Tür grölt ein Grüppchen mit geschorenen Nacken, zu verstehen ist „Schalke“, „Scheiße“, und dann „Messer“. Es bleibt beim Gesang.

„Es gibt in Dortmund eine starke rechte Szene“, bestätigt Polizeidirektor Humpert, oft gerät sie mit Linken aneinander. Thema ist aber auch der Terror. Ein Anschlag wäre sein „persönlicher Alptraum“. Durch die großen Bahnhöfe streifen seine Leute jetzt mit Maschinenpistolen. „Wir sind“, sagt Humpert, „sehr darauf eingestellt.“

Bahnhöfe sind nicht per se gefährliche Orte, wohl aber Spannungsfelder

In einem Laden lehnt ein Sicherheitsmann an der Tür. „Wenn die Leute aus der Disco kommen, die klauen alles, auch Brot. Gottseidank ist die Polizei da.“ Ab ein Uhr geht das los, in zwei Wellen. Um beinahe sechs wird die Polizei zu einer Schlägerei gerufen. Es gibt Verletzte, Rechte und Linke sind aneinandergeraten.

„Viele haben dann Alkohol getrunken“, weiß Bundespolizist Humpert, „da kann man sich schon unsicher fühlen.“ Der „Partyreiseverkehr“ ist berüchtigt für Körperverletzungen, junge Männer, sagt Humpert, die „sich üblicherweise prügeln“. Swetlana Berg von der Bahnhofsmission sagt: „Es ist immer noch unser Bahnhof. Wir sollten uns hier sicher fühlen!“

Sicherheit Bahnhöfe sind nicht per se gefährliche Orte, wohl aber Spannungsfelder – und deshalb auch für die Wissenschaft interessant. „Weil sich in ihnen gesellschaftliche Widersprüche unterschiedlichster Art in besonderer Weise zeigen und verdichten“, wie die Stadtsoziologin Susanne Frank von der TU Dortmund sagt: „Durchreisen und Verweilen, Offenheit und Reglementierung, Öffentlichkeit und Privatheit, Anonymität und Überwachung, Ordnung und Chaos. . .“

"Unübersichtliche Mischszene" am Bahnhof

Tatsächlich ist der Bahnhof nicht nur für Reisende da. „Es gehen Menschen hindurch, aber sie kommen auch, um unter Menschen zu sein“, beobachtet Swetlana Berg von der Bahnhofsmission Dortmund, die ihn einen „emotionalen Ort“ nennt. Fabian Virchow, Sozialwissenschaftler an der Hochschule Düsseldorf, sieht Menschen, die sich am Bahnhof treffen, dort arbeiten, „ihr Überleben organisieren“, stranden „auf der Suche nach was auch immer“: eine „unübersichtliche Mischszene“.

Nachts sei der Bahnhof zwar „besetzt als Ort der Verunsicherung und Bedrohung“. Für Virchow ist das aber ein subjektives Gefühl: Der Bahnhof als „Brennpunkt“ sei jedenfalls „nicht zu verallgemeinern“, sondern abhängig von der Struktur angrenzender Stadtteile – und von der Polizeipräsenz.