Ein Investmentbanker singt auf der Opernbühne

Er sang zuerst am Broadway, dann stürzte er sich in die Welt der Zahlen bei Goldman Sachs. Morgan Moody war ein Investmentbanker, der mit Millionenbeträgen jonglierte. Dann führten ihn die Lust auf Europa und später Jens-Daniel Herzog an die Dortmunder Oper. "Ein großer Kulturschock", sagt er.

Dortmund.. "Ich habe bei Goldman Sachs gearbeitet", erzählt Moody. Global Management war sein Geschäft. Ein Problemlöser war er. Wenn Millionen-Beträge auf der einen Seite und Zertifikate auf der anderen Seite ihren Weg kreuzten, dann saß er am Telefon und räumte in enger Zusammenarbeit mit den Tradern Hindernisse beiseite.

Von der Oper an den Schreibtisch

Er kam durch Zufall an den Investment-Job. Es war 2004, Moody sang damals am Broadway den Colline in Puccinis "La Bohme". Acht Vorstellungen Woche für Woche. "Das war total anstrengend", erinnert sich der Bassbariton. "Man muss jeden Tag versuchen, frisch zu wirken. Da stößt man an seine Grenzen." Dann kam der erste Irak-Krieg. Die New Yorker gingen nicht mehr in die Oper. Und Moody hatte Lust auf etwas Neues.

Als sich über seine Schwester die Chance ergab, bei Goldman Sachs zu arbeiten, griff er zu. "Das schaffst du nie im Leben", hat seine Schwester gesagt. Und bei seinem ersten Telefonanruf wird er das vielleicht auch gedacht haben. "Ich habe meinen Namen gesagt, dann, ich melde mich wieder, und hab sofort wieder aufgelegt", erzählt er und kann noch heute darüber lachen.

Emotionen weichen den Fakten

"Ich kann auf jeder Bühne der Welt stehen und mich wohl fühlen und schaffe es noch nicht mal zehn Sekunden am Telefon." In zehn Sekunden muss alles Wichtige gesagt sein. "Jede Sekunde, die die Trader mit mir sprechen, halte ich sie von einem Kunden ab."

Eine komplett andere Welt öffnete sich für Moody. Beim ersten Betrag hat er noch ungläubig die Nullen gezählt. Als Sänger arbeitet er mit Kopf und Herz, jetzt sind keine Emotionen gefragt, nur Fakten, Fakten, Fakten. "Ich habe mich super gefühlt", sagt er. "Ich schmeiße mich sehr gern rein in neue Rollen." Kommunikation, das liegt ihm. Und das jetzt in ihrer pursten Form - "ohne Blumen", wie Moody sagt.

Vorsingen in der Mittagspause

Acht Monate lang hat er damals nur noch unter der Dusche gesungen. Bis er von einem Vorsingen in New York des Internationalen Opernstudios Zürich (IOS) hörte. Moody bat um eine längere Mittagspause und ging zum Vorsingen. "Eineinhalb Monate später saß ich im Flugzeug nach Zürich." Zuerst aber ging es zurück zu Goldman Sachs und zu einer filmreifen Szene.

"Mein Chef schrieb eine Zahl auf einen Zettel und schob ihn umgedreht über den Schreibtisch. Ich sollte es mir zu Hause in Ruhe überlegen." Die Zahl war großartig, aber zu überlegen gab es nicht viel. "Europa war mein Traum." Allein schon die Chance, fest in einem Ensemble zu arbeiten und verschiedene Partien singen zu können.

Ganz anders als am Broadway. "Hier kann man als Künstler wachsen." Zwei Jahre sang er am IOS und wechselte 2006 zum Ensemble des Opernhauses Zürich. 2012 holte ihn Jens-Daniel Herzog nach Dortmund, erst als Gast, dann fest ins Ensemble.

Ein Kultuschock

Morgan Moody lebt heute im Kreuzviertel und fühlt sich sehr wohl in der Stadt und am Theater, wo der Liverpool-Fan auch in der Theater-Fußballmannschaft antritt. Das war am Anfang noch nicht so. "Zürich - Dortmund war ein größerer Kulturschock als New York - Zürich", sagt der 41-Jährige.

Die Oper "Don Giovanni", in der er den Leporello singt, nennt er seine "Top-Produktion", auch wegen der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Herzog. Eines der größten Erlebnisse war sein Debüt in diesem Januar in der Mailänder Scala in Zimmermanns "Die Soldaten". In der übernächsten Saison geht es ans Royal Opera House in London.

Morgan Moody hat noch viel vor. Den Papageno will er singen, Mephistopheles und irgendwann den Wozzeck. Seine schauspielerische Seite zeigen, auch das ist ihm wichtig. "Man kann in dem Beruf nicht nur auf der Bühne stehen und singen", erzählt er von seiner Ausbildung in Boston, zu der auch Schauspiel gehörte. "Ich habe es geliebt." Auch dieses Talent kann er in Dortmund entfalten. In der kommenden Saison übernimmt er die Hauptrolle in "Kiss me Kate".