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Interview

Ein Gespräch mit dem Nikolaus von Brackel

24.12.2009 | 12:00 Uhr
Ein Gespräch mit dem Nikolaus von Brackel

Brackel. Nikolaus ja - Weihnachtsmann nein. Der Brackeler Pastor Ludger Keite unterscheidet sehr deutlich zwischen dem Bischof aus Myra und der Werbefigur made by Coca-Cola. Warum ihm das so wichtig ist, erklärt er im Gespräch mit WR-Redakteur Alexander Ebert.

Im Gespräch mit Der WR sagt Keite, der seit vielen Jahren ins „Nikolaus”-Gewand schlüpft, auch: Man sollte Kindern vorher sagen, dass man ihnen eine Geschichte vorspielt. Das tue dem Erlebnis keinen Abbruch.

Sollte ich Sie mit „Nikolaus” ansprechen oder besser mit ihrem bürgerlichen Namen Pastor Ludger Keite?

Keite: Pastor Keite, bitte!

Gut. Quasi nebenberuflich treten Sie seit immerhin 18 Jahren als Nikolaus in Kindergärten auf. Dennoch erzählen Sie den Kindern keine Märchen. Wie erklärt sich das?

Keite: Ich möchte den Kindern vom ersten Augenblick an ehrlich gegenübertreten. Kindern kann man ehrlich erklären: Es gibt keinen Osterhasen, kein Christkind und keinen Weihnachtsmann. Aber man kann ihnen erklären: Um Kindern eine Freude zu machen, verkleiden sich die Erwachsenen als Nikolaus. Kinder können sich dennoch wunderbar verzaubern lassen. Das lässt sich beim Kasperle-Spiel sehr schön beobachten.

Ganz praktisch: Wie funktioniert Ihr Nikolaus-Auftritt?

Der Brackeler Pastor Ludger Keite (Mitte) beglückt die Kinder seiner Gemeinde seit 18 Jahren als Nikolaus (links) - und nicht als Weihnachtsmann (rechts). Foto: WR/Franz Luthe

Keite: Ich trete den Kindern erstmal ganz normal gegenüber. Dann frage ich sie: „Welcher besondere Tag ist heute?” Die Kinder antworten: „Heute ist Nikolaustag!” Und dann sage ich: „Wenn Erwachsene Kindern eine Freude machen wollen, verkleiden sie sich als Nikolaus. Soll ich das heute für Euch tun?” Die Antwort ist „Ja!” Dann gehe ich raus und komme fünf Minuten später verkleidet wieder rein.

Und dann?

Keite: Die Kinder sind dann ganz schnell verzaubert; sie vergessen für eine Weile, dass ich der Pastor Keite bin. Das ist mir wichtig. Denn wenn sie irgendwann feststellen, dass es keinen Nikolaus, keinen Weihnachtsmann und keinen Osterhasen gibt, sind sie enttäuscht von den Erwachsenen, die das erzählt haben. Und damit habe ich als Pastor ein Problem.

Wie geht die theologische Geschichte mit dem Nikolaus?

Keite: Der Weihnachtsmann ist eine Kunstfigur, der Heilige Nikolaus dagegen hat real gelebt. Er war Bischof in der Stadt Myra (heute Türkei) und lebte im 4. Jahrhundert nach Christus. Er hat gerne anderen Menschen geholfen. Historisch verbürgt ist, dass er in einer Zeit der Hungersnot seiner Gemeinde geholfen hat, zu überleben. Eine von vielen Legenden geht so: Myra war ja eine Hafenstadt. Dort ankerte ein Schiff im Hafen, das Getreide gelagert hatte. Dem Bischhof gelang es, dem Kapitän gegen jegliche Vorschrift Getreide abzuschwatzen, um die Bevölkerung vor dem Hungertod zu bewahren. Der Nikolaus von Myra ist also in die Geschichte eingegangen mit einem großen, weiten Herzen. Nach der Evakuierung der Stadt und vor ihrer Eroberung durch seldschukische Truppen im Jahre 1087 retteten süditalienische Kaufleute die Gebeine aus der Grabstätte des Heiligen und überführten sie ins sichere Bari (heute Italien). Die Gebeine werden in der Basilika von San Nicola aufgebahrt.

Sie spielen also den Nikolaus, nicht aber den Weihnachtsmann. Warum nicht?

Keite: Weil der Weihnachtsmann eine Erfindung der Werbung ist. Der Weihnachtsmann tauchte zum ersten Mal auf in den USA 1863 als Cartoon auf einer Postkarte auf und ist dann 1931 von Coca Cola übernommen worden für eine Werbekampagne - deshalb auch die Farbe Rot-Weiß. Coca Cola hat es verstanden, die Nikolausfigur umzumünzen: Aus dem Heiligen wurde ein reiner Geschenkebringer. Das ist mir zu wenig. In Wirklichkeit steht ein Heiliger dahinter, der die Menschen fasziniert hat. Er hat die Herzen der Menschen geöffnet; salopp ließe sich sagen: Der Weihnachtsmann öffnet eher die Portemonnaies.

Das heißt: Eigentlich wäre der 6. Dezember der bessere Festtag?

Keite: Das war historisch sogar der Fall! Erst seit der Reformation, also als mit Martin Luther im 16. Jahrhundert, als der kritische Blick auf die Heiligen aufkam, ist der Brauch des Schenkens auf den 24. Dezember gewandert. Die kleinen Geschenke im Schuh am 6. Dezember gibt's aber heute noch.

Wie sollten Eltern also mit dem Weihnachtsmann umgehen?

Keite: Eltern sollten auf jeden Fall ehrlich sein und keine Angst haben, dass ihren Kindern dadurch etwas entgeht. Ich glaube nicht, dass den Kindern dadurch der Zauber des Festes genommen wird. Wichtig finde ich auch, dass man den Nikolaus nicht als moralischen Zeigefinger einsetzt („Goldenes Buch mit Untaten”). Es ist ein Fest der Freude und der Nächstenliebe; Kinder sollten den Nikolaus als sympathisch erleben.

Haben Sie mal als „Nikolaus” Ungewöhnliches erlebt?

Keite: Wir hatten einmal eine Drei- oder Vierjährige, die als Nikolaus verkleidet am 6. Dezember in den Kindergarten kam. Ich spielte den Nikolaus und sie saß neben mir und guckte die ganze Zeit verzaubert zu mir hoch, als ich die Geschichte erzählte. Bildlich gesehen war das eine sehr schöne Situation.

Wie verhalten sich Kinder in der Regel, wenn Sie die Nikolaus-Geschichte vortragen?

Keite: Sie hören ganz gebannt zu, sind sehr ehrfürchtig. Im Anschluss überreichen sie mir gerne ein selbstgemaltes Bild, häufig auch mit der Nikolausfigur darauf. Manchmal singen sie auch Lieder oder tragen Gedichte vor.

Weihnachten ist bekanntlich ein großes Geschäft. Wie stehen Sie zu dem Konsumfest?

Keite: Natürlich geht es viel zu sehr ums Materielle. Viele Kinder ertrinken ja schon fast in ihren Spielsachen und bekommen dann noch ein Plastikteil dazu. Das Schönste ist, wenn Eltern ihren Kindern deutlich machen können: Du bist das wertvollste, das größte Geschenk. Wichtig ist der Versuch, sich gegenseitig mit Liebe zu begegnen - bei allen Rissen, die das Leben hat.

Haben Sie praktische Tipps, wie man „anders” Weihnachten feiern könnte?

Keite: Kinder leben ganzheitlich - mit allen fünf Sinnen. Die gilt es, anzusprechen. Indem man mit ihnen täglich eine Tür des Adventskalenders öffnet, hinter der sich eine Geschichte verbirgt. Indem man mit Kindern singt, mit ihnen backt, mit ihnen Märchen liest oder einen ungewöhnlichen Ausflug in den Wald unternimmt - eben Zeit schenkt. Zeit und Zuwendung - das sind in Wahrheit die größten Geschenke.

Alexander Ebert

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