Das aktuelle Wetter Dortmund 23°C
Ausstellung in der Auslandsgesellschaft

Ein Bild abhängen wegen Flüchtlingen - die falsche Entscheidung?

22.03.2016 | 03:14 Uhr
Franz Ott stellt in der Auslandsgesellschaft aus - aber nicht dieses Bild.
Franz Ott stellt in der Auslandsgesellschaft aus - aber nicht dieses Bild.Foto: Tilman Abegg

Dortmund.  Viele kritische Reaktionen rief unser Bericht über eine Entscheidung der Auslandsgesellschaft hervor: In einer Anfang März eröffneten Ausstellung mit Bildern von Franz Ott reagierten viele jugendliche Geflüchtete auf ein Bild mit heftigem Unverständnis. Daraufhin beschlossen Künstler Ott und die Auslandsgesellschaft, das Bild abzuhängen. Ein Fehler aus falscher Rücksichtnahme?

Am 1. März entschieden die Auslandsgesellschaft (AG) und der Künstler Franz Ott, eins seiner Bilder im Foyer der AG wieder abzuhängen, aus Rücksicht auf die traumatisierten minderjährigen Flüchtlinge, die daran Anstoß genommen hatten.

Als Ott das Bild kurz vor der Eröffnung am 3. März aufgehängt hatte, kam es im Foyer zu tumultartigen Szenen, sagt Martina Plum von der AG. Viele der männlichen Geflüchteten rasteten aus, die einen pöbelten mit obszönen Gesten vor dem Bild herum, die anderen forderten empört, das Bild sofort abzuhängen, weil es eine Frau in einer für sie unerträglich erniedrigenden Situation zeige. Ott und Plum hängten das Bild wieder ab. Am 4. März berichteten wir darüber.

Die Leserbriefe, die uns bisher erreichten, argumentieren unterschiedlich, sind sich aber am Ende einig: Das Bild abzuhängen sei unangebracht. Ein Leserbriefschreiber sagte im Gespräch mit unserer Redaktion, die Reaktionen der jugendlichen Geflüchteten seien Zeichen eines Konflikts mit unserer Lebensart. Die Abnahme des Bildes komme der Vermeidung dieses Konfliktes gleich, und das sei falsch. Denn Konflikte könne man nur lösen, wenn man sie ausdiskutiert.

Darüber hinaus sei diese Entscheidung Wasser auf die Mühlen der rechten Szene, die ja immer wieder vor einer "zunehmenden Islamisierung" oder ähnlichen Schreckgespenstern warnt. Die könnte sich durch Entscheidungen wie diese bestätigt fühlen und noch mehr Zustimmung erhalten.

Auch in einer nicht repräsentativen Abstimmung auf unserer Internetseite sind die Stimmen in der deutlichen Mehrheit (75 Prozent, Stand 21.3., 21.30 Uhr), die grundsätzlich gegen die Abhängung des Bildes sind.

In den Tagen nach unserem Bericht habe sie etwa zehn Mails mit "äußerst wüsten Beschimpfungen" erhalten, sagte Plum. Die Absender würfen ihr Zensur vor und werteten die Abhängung des Bildes als Unterdrückung der Meinungsfreiheit, "so hat auch das Dritte Reich angefangen", zitierte Plum aus einer Mail.

Ott postete den Link auf unseren Online-Artikel auf seinem Facebook-Profil. In den Kommentaren darunter sei daraufhin unter etwa zehn seiner Künstlerfreunde eine hitzige Diskussion entbrannt, sagt Ott: Falsche Entscheidung, sagten die meisten. Die Kunst dürfe auf die religiösen Gefühle ihrer Betrachter keine Rücksicht nehmen.

Das Bild mit dem Titel "Sklaverei ist vorbei" sei gedacht als kritischer Kommentar zu unserer Gesellschaft, sagt Franz Ott. Unserer Gesellschaft, die Gleichberechtigung zwar oft behaupte, aber noch lange nicht erreicht habe. Er hatte das Bild bewusst ausgewählt: Den 100 bis 140 minderjährigen und unbegleiteten Geflüchteten, die in der AG täglich ihre Deutschkurse besuchen, wollte er damit andeuten, dass Deutschland kein Paradies ist.

Das Argument, die Entscheidung gieße Wasser auf die Mühlen der politisch Rechten, überzeugt Franz Ott nicht. Politisch rechte Menschen seien ja nicht gerade dafür bekannt, die Kunstfreiheit zu schützen. Wenn sie sich jetzt empören würden, müssten sie damit sich selbst widersprechen.

Seine Entscheidung bereue er nicht. Allerdings, und das sei ihm wichtig: Rücksicht auf die Religion habe dabei keine Rolle gespielt. Er wollte mit dem Bild aufklären. Als er erfuhr, dass sein Bild als sexuelle Provokation hoffnungslos missverstanden wurde, wollte er es lieber abhängen, als die von ihrer Flucht traumatisierten jungen Menschen vor den Kopf zu stoßen.

Auch Plum sagt: "Es geht dabei nicht um Religionen, sondern um ein friedliches Miteinander." Natürlich müsse man Konflikte möglichst immer ausdiskutieren, Völkerverständigung sei die Hauptaufgabe der AG. In diesem Fall wäre das jedoch zu aufwendig gewesen. Sie plane dagegen nach wie vor, einen Diskussionsabend mit den Jugendlichen, dem Künstler und seinem strittigen Bild zu organisieren.

Tilman Abegg

Kommentare
22.03.2016
11:43
Ein Bild abhängen wegen Flüchtlingen - die falsche Entscheidung?
von SoftPlaner | #4

Letztendlich muss man es dem Maler und dem Aussteller überlassen, ob sie Bilder, die Anstoß erregen, hängen lassen wollen oder nicht.
Persönlich bin...
Weiterlesen

1 Antwort
Ein Bild abhängen wegen Flüchtlingen - die falsche Entscheidung?
von FritzePfeiffer | #4-1

Die Gründe für die Querelen um das Bild kamen praktisch nur daher, dass es von den Flüchtlingen nicht bzw. falsch verstanden wurde.

Das Abhängen war eine völlig natürliche und richtige Reaktion. Die zweite und notwendige Reaktion ist bisher anscheinend ausgeblieben: Auf die Flüchtlinge zugehen, und ihnen die Aussage des Bildes und seine Stilmittel erklären.

Wenn so ein Bild derartige heftige Reaktionen hervorruft, ist es es doch für den Künstler eine wirklich goldene Gelegenheit, mit seinem Publikum in einen erklärenden Dialog zu treten.

Oder sind die Künstler so weit in ihren Elfenbeinturm zurück gezogen, dass Ihnen eine Auseinandersetzung mit der Basis unzumutbar bzw. unmöglich ist? Das fände ich sehr bedauerlich.

Funktionen
Fotos und Videos
So war das Kinderfest in der Erbpacht-Siedlung
Bildgalerie
Fotostrecke
So viel zu sehen, so wenig Zeit: Rundgang Kunst an der Uni
Bildgalerie
Fotostrecke
Reiterwoche beim RV Dortmund-West
Bildgalerie
Fotostrecke
11673114
Ein Bild abhängen wegen Flüchtlingen - die falsche Entscheidung?
Ein Bild abhängen wegen Flüchtlingen - die falsche Entscheidung?
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/ein-bild-abhaengen-wegen-fluechtlingen-die-falsche-entscheidung-id11673114.html
2016-03-22 03:14
Dortmund