Das aktuelle Wetter Dortmund 16°C
"Ständig unter Beschuss"

Dortmunder Neonazi sagt vor NSU-Ausschuss aus

04.03.2016 | 16:40 Uhr
Die Ausschuss-Mitglieder im Saal des NSU-Untersuchungsausschusses.
Die Ausschuss-Mitglieder im Saal des NSU-Untersuchungsausschusses.Foto: Federico Gambarini/Archiv

Dortmund/Düsseldorf.  Zum ersten Mal hat ein bekennender Rechtsradikaler vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des NRW-Landtags ausgesagt. Der Dortmunder Neonazi Robin S. gab als Zeuge Einblicke in die rechtsextreme Szene Dortmunds - und erklärte, warum er der Brieffreund von Beate Zschäpe wurde.

Der erste Rechtsradikale, der im Düsseldorfer NSU-Ausschuss geladen war, hatte sich krank gemeldet. Der zweite erschien. Am Freitag sagte der bekennende Rechtsradikale Robin S. vor dem U-Ausschuss im Saal E3A 02 aus. Auch wenn er nicht wirklich sprechen wollte, bestätigte er die alte Weisheit, dass man nicht nichts sagen kann. Man sagt dann sogar mehr, als man vielleicht möchte.

Es ist eine berechtigte Frage, ob es sinnvoll ist, Zeugen wie Robin S. in den Zeugenstand eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu laden. S. ist bekennender Neonazi, verurteilt zu einer langjährigen Haftstrafe wegen bewaffnetem Raubüberfall, bei dem er eine unbeteiligte Person niederschoss.

Wo er politisch steht, daran lässt er am Freitag in Düsseldorf wenig Zweifel. Stramme Bürstenfrisur, Nacken und Seiten akkurat ausrasiert, die Jacke einer rechten Szenemarke mit einem schwarz-weiß-roten Aufnäher versehen. Im Verlauf der Sitzung wird S. irgendwann gefragt werden, ob er Mitglied der rechten Szene sei. Seine Antwort ist knapp und eindeutig: "Natürlich."

Die Gefahr bei solchen Zeugen ist, dass sie sich gerieren wie aufsässige und renitente Schüler, um sich nach einer solchen Veranstaltung in ihrer Szene für jede patzige Antwort feiern zu lassen. Und das scheint die Strategie, die auch S. für sich gewählt hat. Erst will er gar keine Antwort darauf geben, wie er in die rechte Szene gekommen sei, dann äußert er sich nach leichtem Druck doch: "Wie andere Leute andere Freunde kennenlernen." Im Alter von "14, 15, 16 Jahren" sei das gewesen, es gebe ja kein "offizielles Eintrittsdatum".

Der Anfang der Befragung ist zäh, auch wenn der Ausschussvorsitzende Sven Wolff (SPD) mit der Geduld eines Vaters gegenüber einem bockigen Kind agiert und ruhig versucht, von Robin S. mehr über seine politische Sozialisation zu erfahren. Die Ergebnisse bleiben dürftig. Er sei bestimmt "hier und da" auf Konzerten gewesen, auch auf Demos, wo und wann das war, daran will sich der 31-Jährige nicht genau erinnern können, "ich führ da kein Buch drüber".

Wie das aber so war auf den Demos, was für ein Grundgefühl da unter der Rechtsradikalen herrschte, das lässt sich an einzelnen Sätzen klar heraushören: "Wir lagen", sagt Robin S. irgendwann, "ständig unter Beschuss". Brennende Mülltonnen seien auf sie zugerollt, mit Steinen seien sie beworfen worden, mit Kartoffeln, die mit Nägeln gespickt waren. Man habe sich verteidigt gegen Idioten, die keinen Hauptschulabschluss hätten.

Wir und die, die aufrechte Sache und das System, das ist das simple Weltbild, das radikaler Ideologien anbieten, ob Salafismus oder Rechtsradikalsimus. Der Industriemechaniker mit dem kleinen, aber ebenfalls äußerst akkuraten Schnäuzer entschied sich irgendwann für den Rechtsradikalismus, heute sieht sich als Systemopfer. Vor sechs Wochen erst kam er aus dem Gefängnis, neun Jahre saß er dort nach einem missglückten Raubüberfall auf einen Supermarkt im Dortmunder Stadtteil Brechten.

22 Jahre alt war er, als er die Tat beging, angestiftet von seinem damaligen Freund, dem Neonazi Sebastian Seemann, mit dem er gemeinsam Drogengeschäfte tätigte. Ein Deal war schief gegangen, Robin S. brauchte Geld, die Waffe für die Tat, sagt er am Freitag in Düsseldorf, habe er fünf Minuten vor der Tat von Seemann erhalten. Beute machte Robin S. damals nicht, dafür schoss er einen unbeteiligten Kunden nieder. 23 Stunden später sei er von einem Sondereinsatzkommando festgenommen worden.

Seemann, der "frühere Freund", in dessen Elternhaus er ein- und ausgegangen sei, wurde in dem damaligen Prozess nach der Tat als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnt. Heute ist Seemann für S. ein "Kollege des Ausschussvorsitzenden", ein "Mitarbeiter des Staates".

Seemann, der heute anders heißt, wird später im Ausschuss vernommen werden. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, seine Rolle als V-Mann, überhaupt die Tatsache, dass ein hochkrimineller Mann mit einer zweistelligen Vorstrafenanzahl V-Mann werden konnte, ist bis heute nicht vernünftig aufgearbeitet worden.

S. zeigt deutlich, dass er mit Seemann nichts mehr zu tun haben will. Was nicht für andere Rechtsradikalen gilt: SS-Siggi alias Siegfried Borchardt bekam Post von Robin S. aus dem Knast, auch Beate Zschäpe, der einzigen Überlebenden des NSU-Trios, schrieb und schreibt er noch heute und bekam postalisch Antworten.

Warum er die Brieffreundschaft zu Zschäpe begonnen hat? Das sei seine "soziale Ader" gewesen, seine Form von "Zivilcourage", er als Verurteilter kenne das ja, die "Medienhetze, der ganze Rattenschwanz". Mit solcher Post habe er die Leute daran hindern wollen, "in Depressionen zu verfallen", die Justiz kümmere sich ja nicht.

So sagt S. zwischen den Zeilen doch etwas aus, indem er die Wagenburgmentalität der Szene skizziert und seine Verachtung für die durchscheinen lässt, die außerhalb der Wagenburg stehen.

Ja, den Namen Combat 18, was man mit Kampftruppe Adolf Hitler übersetzen kann, habe er schon einmal gehört. Auf die Frage, ob es eine solche Zelle in Dortmund gegeben habe und er Teil von ihr war, schaltet sich dann auch erstmals der bis dahin schweigsame Zeugenbeistand von Robin S. ein: Dazu werde sein Mandant nichts sagen, weil er sich mit einer Antwort möglicherweise selbst belasten könne.

C18 ist der militante Arm des ursprünglich aus England stammenden rechtsradikalen Netzwerkes Blood&Honour (Blut & Ehre). Zu seiner Hochphase gegen 1998 soll die Gruppierung etwa 400 Mitglieder bundesweit gehabt haben. Einerseits versorgte B&H die rechtsradikale Szene mit Musik und Konzerten, andererseits verstanden sich die Mitglieder des C18-Arms als "politische Soldaten". Ihre Kampf-Ideologie fußte auf der Idee des "führerlosen Widerstandes": Einzeltäter oder kleine Gruppen sollen unabhängig von größeren Strukturen agieren.

Es gab eine solche C18-Zelle in Dortmund. Sie gruppierte sich um die rechte Szeneband Oidoxie und ihren Sänger Marco Gottschalk, auch Sebastian Seemann war ein bedeutender Teil dieser Szene. Sie hatten Zugang zu Waffen und Drogen und lösten sich vermeintlich Anfang 2006 urplötzlich auf. Am 4. April 2006 erschossen Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt in Dortmund Mehmet Kubasik in seinem Kiosk in der Mallinckrodtstraße.

Während Seemann also Hassperson ist, ist sein Verhältnis zu Gottschalk ein anderes. Der sei "sein Bruder". Sagt S. , schweigt kurz und schiebt dann nach "… in nationalem Sinn".

"Sie hatten also ein enges Verhältnis?"

"Enger."

Dann geht die Fragerei noch eine Weile hin und her, wenn es substanziell werden könnte, kann sich S. nicht erinnern, antwortet mit Gegenfragen, verweist auf andere, gibt sich als Mitläufer, der keine Namen mehr kennt und keine Einzelheiten mehr wissen will.

Die Turner-Tagebücher? Davon habe er, sagt Robin S., mal gehört. Die Turner-Tagebücher sind der theoretische Überbau für den rechtsradikalen Terror. Veröffentlicht wurden sie 1978 von William L. Pierce. In den Turner-Tagebüchern, die seit den 1990er-Jahren auch in der deutschen Szene kursierten, ging es um eine geheime Organisation, die den führerlosen Kampf gegen das "System" und "Überfremdung" Amerikas führt. Das Buch ist fiktiv und diente vielen als Quelle: So sagte Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City 168 Menschen bei einem Bombenanschlag tötete, die Tagebücher hätten ihn zu seiner Tat inspiriert.

Die Oidoxie Streetfighting Crew? Laut S. lediglich ein Fanclub. Diese Crew wird heute mehr als Sicherheitsdienst der Truppe gesehen, als eine Art Saalschutz, der als Ordnerdienst Konzerte bewachte, aus ihr entstand die C18-Zelle. Kontakte in der Szene? Habe er kaum gehabt, sagt Robin S., man war ja damit beschäftigt, sich auf den Demos zu verteidigen.

Sechs Wochen ist Robin S. mittlerweile wieder in Freiheit, an einer rechtsradikalen Demonstration in Dortmund hat er aber bereits teilgenommen. Am 12. Februar 2016 demonstrierten Rechtsradikale in Dortmund gegen "Polizeigewalt". Einen Tag zuvor war bei einer Razzia der Dortmunder Polizei ein Kampfhund namens Odin mit mehreren Schüssen getötet worden.

Robin S. war, obwohl laut eigener Aussage nur Mitläufer in der Szene ist, bei der Demo aus dem gleichen Grund, aus dem er auch bei anderen Demos war: "Weil ich der Welt etwas sagen möchte, es geht darum, ein Zeichen zu setzen."

Zeichen hat der im Dortmunder Stadtteil Brechten aufgewachsene Robin S. auch unter der Haut. Tätowierungen. Unter anderem "Brüder schweigen - whatever it takes. C18" steht auf einem seiner Beine. Dieser Spruch verweist neben C18 auf die Gruppe "The Order", eine rassistische Organisation, die in den 1980er-Jahren in den USA tätig war. Die Gruppe beging Raubüberfälle, erstellte Todeslisten und erschoss einen jüdischen Radiomoderator.

Der Name "The Order" stammt aus den Turner-Tagebüchern. Heldenstatus in der rechtsradikalen Szene errang der Gründer von "The Order", Robert Jay Mathews im Dezember 1984, als er sich weigerte, sich zu ergeben und in einem darauffolgenden Schusswechsel mit der Polizei starb.

Im gleichen Jahr wurde Robin S. geboren.

Tobias Großekemper

Kommentare
Funktionen
Fotos und Videos
Baugerüst eingestürzt
Bildgalerie
Fotostrecke
Gerüstunfall
Bildgalerie
Fotostrecke
So war das Kinderfest in der Erbpacht-Siedlung
Bildgalerie
Fotostrecke
So viel zu sehen, so wenig Zeit: Rundgang Kunst an der Uni
Bildgalerie
Fotostrecke
11621981
Dortmunder Neonazi sagt vor NSU-Ausschuss aus
Dortmunder Neonazi sagt vor NSU-Ausschuss aus
$description$
http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/dortmunder-neonazi-sagt-vor-nsu-ausschuss-aus-id11621981.html
2016-03-04 16:40
Dortmund