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Dortmunder Journalist bei Lanz: Nazi-Drohungen sind Alltag

04.03.2015 | 12:40 Uhr
Dortmunder Journalist bei Lanz: Nazi-Drohungen sind Alltag
Die Todesanzeige gegen den Dortmunder Journalisten Sebastian Weiermann. Er war am Dienstag Talksgast bei Markus Lanz.Foto: Screenshot/ZDF-Mediathek

Hamburg.  Ein Facebook-Post riss Sebastian Weiermann aus dem Alltag: seine Todesanzeige. Am Dienstag war der Dortmunder Journalist zu Gast bei Markus Lanz .

Anfang Februar, Hauptbahnhof Duisburg. Der Dortmunder Journalist Sebastian Weiermann (Ruhrbarone, Tageszeitung, taz) macht sich bereit, über die Pegida-Demo zu berichten – da reißt ihn ein Facebook-Eintrag aus seinem Alltag. Eine Todesanzeige. Seine Todesanzeige. Verschickt von Rechten.

Am Dienstag war Weiermann zu Gast bei Markus Lanz. Über den Wortlaut der Anzeige mag er kaum sprechen. "Ich will gar nicht zitieren, was da in Ekelhaftigkeiten drin stand." Mehrere Dortmunder Kollegen, die über Neonazis berichte, hatten eine Anzeige bekommen – jede individuell verfasst, jede mit impliziter Todesdrohung. "Bei einem Kollegen stand sogar: 'Brenn, Jude, brenn.'"

"Ich will dir ins Gesicht beißen."

Eingeblendet wird die Anzeige dennoch: "Und am Ende meiner Reise hält der Ewige die Hände und er winkt und lächelt leise – endlich einer weniger. Danke oh Herr. In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir bald fröhlich Abschied von Journalist Sebastian Weiermann."

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Die Schilderungen seiner Gefühlswelt bleiben allerdings leidenschaftslos und blass. Was ging in ihm vor, als er die Anzeige sah, will Talker Lanz wissen. "Das ist ein total blödes Gefühl", meint Weiermann nur. "Man will seinen eigenen Namen ja nicht in einer Todesanzeige sehen – die soll man ja gar nicht mehr mitbekommen."

Ein wenig lebhafter gelingt ihm die Schilderung zum Alltag eines Journalisten, der regelmäßig über Naziaufmärsche in Dortmund berichtet: "Irgendwann kennen die Nazis einen, kennen das Gesicht." Drohungen stehen an der Tagesordnung , meint er. Auch Todesdrohungen. Oder Vorfälle, bei denen Polizisten dazwischen gehen müssen – wie im Dezember: Da hatte sich ein Nazi direkt vor ihm aufgebaut und schrie ihn an: "Ich will dir ins Gesicht beißen!"  Aber damit lebt man, meint Weiermann.

Halbherziger Versuch der Aufarbeitung

Auch Lanz' Versuch einer Aufarbeitung geriet nur mehr halbherzig. Warum hat gerade Dortmund ein solche Nazi-Problem? "Arbeiterstadt, SPD-Milieu – das fällt einem doch zu Dortmund ein." Da passe das Nazi-Thema doch gar nicht zur Stadt. Punkt.

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Zwei der anderen Talkgäste hatten zwar einiges zum Thema zu sagen – aber auch ihre Ursachenforschung blieb popularistisch. Zugegeben: Kabarettist Werner Schneyder und Dragqueen Olivia Jones sind keine Nazi-Experten. Obgleich sich beide aus biografischen Gründen mit Rechten befassen: Paradiesvogel Jones ist seit ihrer Jugend ein Feindbild – Schneyder hatte mit dem Mitläufertum seines Vaters in der Nazi-Diktatur zu kämpfen.

Beide sind sich einig bei der Wesensbestimmung der Rechten. Jones: "Die meisten sind sehr einfach strukturierte Leute, die Angst vor allem haben, was anders ist." Schneyder: "Die Masse ist knetbar und würde sofort ein Parteibuch unterschreiben, wenn es wieder opportun würde." So dreht man sich ein paar Minuten im Kreis. Dann geht's weiter zum nächsten Thema. Aber das gehört bei Markus Lanz schließlich zum Konzept. Menschen mit eigenen Geschichten statt Experten mit Erklärungen.

Die weiteren Talkgäste bei Markus Lanz am Dienstag:

  • Kabarettist Werner Schneyder sprach über das Altern, den Tod und den selbstbestimmten Zeitpunkt, als Sterbenskranker die Welt zu verlassen.
  • Dragqueen Olivia Jones erklärte, warum sie das Hitzlsberger-Outing schockiert hat, warum Aufklärung wichtig ist und warum "schwul" ein Schimpfwort ist.
  • Ex-Nationaltorhüterin Nadine Angerer gab Tipps für den richtigen Moment, Entscheidungen zu treffen – und gab zu, mal ein Nationalspiel verpasst zu haben.
  • Autorin Chantal Louis aus Gelsenkirchen sprach über ihre demente Omma ("Das Wort 'Oma' gibt's im Ruhrgebiet eigentlich nicht.")

Katrin Figge

Kommentare
05.03.2015
11:51
Liebe Frau Figge
von jubense | #4

"Die Schilderungen seiner Gefühlswelt bleiben allerdings leidenschaftslos und blass"

Oh, ich wusste nicht, dass sich Betroffenheit über Naziterror...
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Dortmunder Journalist bei Lanz: Nazi-Drohungen sind Alltag
Dortmunder Journalist bei Lanz: Nazi-Drohungen sind Alltag
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http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/dortmunder-journalist-bei-lanz-nazi-drohungen-sind-alltag-id10417855.html
2015-03-04 12:40
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