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"Dortmunder Generalanzeiger" war zweitgrößte deutsche Zeitung

31.12.2012 | 18:00 Uhr
"Dortmunder Generalanzeiger" war zweitgrößte deutsche Zeitung
So wurde früher Zeitung gedruckt: Auszug aus einer 100 Jahre alten Zeitung.Foto: Repro/Knut Vahlensieck

Dortmund.   Am 1. Januar 1888, also vor genau 125 Jahren, erschien die erste Ausgabe des "Dortmunder Generalanzeigers" – dem Vorläufer der Westfälischen Rundschau. Das Verlagshaus Krüger ("Krüger-Passage") begründete damit das moderne Zeitungswesen in Dortmund. Der Generalanzeiger war die größte deutsche Tageszeitung außerhalb Berlins.

Der Dortmunder General-Anzeiger gilt als Vorläufer der Westfälischen Rundschau, beide zusammen zählen im Januar des neuen Jahres 125 Jahre. Tatsächlich vereint dieses Jubiläum drei Namen: Der Dortmunder Verleger Friedrich Wilhelm Ruhfus gründete den General-Anzeiger 1887 zuerst unter dem Namen „Dortmunder Nachrichten“. Am 1. Januar 1888 erschien die erste Ausgabe – vor 125 Jahren nun.

Das eng bedruckte Blatt verkündet auf seinem Titel: „Mit dieser Nummer beginnen die ,Dortmunder Nachrichten’ ihr regelmäßiges Erscheinen. Die Ausgabe derselben erfolgt täglich (außer Sonn- und Festtags) Mittags ½ 11 Uhr.“ Für zwei Mark pro Vierteljahr können Interessierte die Zeitung nun per Bote oder Post beziehen und werden durch Telegramme und Eilsendungen mit Nachrichten aus der ganzen Welt versorgt.

Bergmann erfror in grimmiger Kälte

Unter dem Stichwort „Italien“ vermeldet die Redaktion am gleichen Tag: „Aus Rom wird berichtet, daß König Johannes von Abessynien mit seiner ganzen Armee in drei Kolonnen gegen die italienische Stellung von Massanah vorrückt.“ Selbst Nachrichten aus der näheren Umgebung brauchen einige Tage, um ihren Weg in die Redaktion zu finden. So meldet die Zeitung an Neujahr: „Aus Hörde wird geschrieben, daß am Tage der Weihnacht auf einer Wiese bei Lücklemberg der Bergmann Köhne von der Zeche ,Friedrich Wilhelm’ als Leiche aufgefunden worden ist. Der Mann war Abends vorher bis 10 Uhr auf der Zeche thätig; auf dem Heimwege hat er sich infolge des starken Schneegestöbers wahrscheinlich verirrt und ist dann in der grimmigkalten Nacht elend erfroren.“

Der zweite Jahrgang der Zeitung läuft schon unter dem Namen „General-Anzeiger für Dortmund und Umgegend“. Die Herausgeber verkünden ihren Lesern als sie „den General-Anzeiger hiermit der Öffentlichkeit übergeben“, dass stets aus „best unterrichteten Quellen“ berichtet werde.

Die erste Ausgabe unter dem neuen Titel erscheint am 2. Oktober 1889. Die achtseitige Zeitung vermeldet Nachrichten aus Bereichen wie Politik, Kultur und Regionales. Allein vier der acht Seiten sind Anzeigen aus dem Dortmunder Geschäftsleben gewidmet. Die „Colonial-, Conserven-, Material- u. Farbwaren-Handlung Ed. Metzkes“ wirbt für ihren Röstkaffee, eine andere Annonce verspricht: „M 500 zahle ich demjenigen Lungenleidenden, welcher nicht sichere Hilfe durch den Gebrauch meiner weltberühmten 202 American coughing cure findet.“

Besonders der Anzeigenteil ist es, der für Karl-Peter Ellerbrock starke Aussagekraft über den Zeitgeist der jeweiligen Epoche besitzt: „Das sind fantastische Dokumente“, schwärmt der Direktor der Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv. Besonders die Annoncen ab den 1920er Jahren faszinieren ihn und geben Aufschluss über Dortmunds Geschichte. „Die Anzeigen sind ein Selbstbild des jeweiligen Unternehmens. Viele haben diese großstädtische Attitüde.“

Redaktion von den Nazis besetzt

Die Westfälische Telefongesellschaft Dortmund wirbt für Fernsprech-Apparate, die Firma Kümmel u. Co bewirbt ihre Personen-Aufzüge mit einem Wolkenkratzer-Bild im Metropolis-Stil, ein rauchender Mann stützt sich weltmännisch im Stehen auf sein Knie und bewirbt damit eine Wäscherei. „Das ist so ein kleiner Humphrey Bogart“, findet Karl-Peter Ellerbrock und muss lachen. „Viele Anzeigen zeigen Anlehnung an den Bauhaus-Stil.“ Für Ellerbrock Zeichen der Großstadt-Werdung Dortmunds.

Auch die Zeitung selbst ist davon betroffen. Das Westfälische Wirtschaftsarchiv gibt Einblick in das Krüger-Verlagshaus, das den General-Anzeiger ab 1906 herausgibt. „Das Verlagshaus begründete in Dortmund das moderne Zeitungswesen“, erzählt Ellerbrock. Regelmäßiges Erscheinen der im Verlag erscheinenden Titel gehört dazu, ebenso wie eigenständig arbeitende Redaktionen. Karl-Peter Ellerbrock: „Der Generalanzeiger war außerhalb Berlins die größte deutsche Tageszeitung.“

Die Redaktion des General-Anzeigers arbeitete so eigenständig, dass sie sich auch gegen gesellschaftliche Konventionen auflehnte. Das traditionell linksliberale Blatt veröffentlicht am 20. April 1933 unter dem Titel „Dem Kanzler zum Gruß!“ ein Porträt Hitlers, gezeichnet von Emil Stumpp. Der über Deutschland hinaus bekannte Zeichner stellte Adolf Hitler im Profil mit niedriger Stirn, fliehendem Kinn und tiefliegenden Augen dar.

Diese Zeichnung musste „bei den neuen Machthabern den Eindruck erweckt haben, Hitler sei hier nach Maßstäben nationalsozialistischer Rassenlehre als ,Untermensch’ porträtiert“ worden, schreibt Helga Windgassen in ihrer 1978 erschienenen Chronik „150 Jahre C. L. Krüger Dortmund“. „Dies nahmen die Nationalsozialisten als Vorwand, um die Redaktion des General-Anzeigers zu besetzen. Das Betriebsvermögen wurde beschlagnahmt“, erzählt Karl-Peter Ellerbrock.

Knapp 13 Jahre später beginnt die Geschichte der Westfälischen Rundschau, die heute zur WAZ-Mediengruppe gehört. Am 20. März 1946 erscheint die erste Ausgabe. Bis heute findet sich der Verweis auf den Vorgänger im Zeitungstitel: „General Anzeiger – Zeitung für Dortmund“.

Maike Rellecke



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