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Die Stille nach der Explosion

17.01.2013 | 00:09 Uhr

„Was hängt da für eine schwarze Tasche an dem Auto?“, fragt ein Freund und deutet aus dem Busfenster. In der gleichen Sekunde gibt es einen ohrenbetäubenden Knall. Die Fenster zerbersten. Glas regnet auf uns herab. Der Qualm nimmt mir die Sicht.

Ich bin in einem ruhigen Dortmunder Vorort aufgewachsen. Gewalt kannte ich nur aus Filmen - Angst nur von Nachtwanderungen. Doch das hier ist kein Film und keine Nachtwanderung. Neben uns ist eben ein Auto explodiert und ich habe wirklich Angst.

Der Bus rollt noch einige Meter weiter. Menschen schreien und drängen zu den Türen. Wir stolpern hinterher und lassen uns gegen eine Wand fallen. Zum Glück sind wir unverletzt. Einige der Passagiere haben leichte Schnittwunden durch die umherfliegenden Glassplitter, aber schwer verletzt ist niemand. Eine junge Frau sitzt neben mir auf dem Boden. Sie weint. Wimperntusche läuft ihr über die Wangen. Ein älterer Mann legt ihr die Hand auf die Schulter: „Hakol beseder“ – Alles in Ordnung. Sie kann sich kaum beruhigen.

Das Auto brennt inzwischen lichterloh. Der Bus ist rußgeschwärzt und alle Fenster sind aus ihren Rahmen gesprengt. Obwohl wir auf einer großen Kreuzung mitten in Tel Aviv stehen, brennt die Stille in den Ohren. Nur das Schluchzen der jungen Frau ist zu hören. Die Welt scheint stehengeblieben zu sein.

Nach fünf Minuten bricht dann das Chaos los. Die Kreuzung wird abgeriegelt. Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleute und Sanitäter irren durcheinander. Es wirkt, als wüsste niemand so recht, was zu tun ist. Schnell verbreitet sich die Nachricht, dass es sich nicht um einen Anschlag mit terroristischem Hintergrund handeln soll. Stattdessen ist von einem Konflikt innerhalb des organisierten Verbrechens die Rede.

Als wir nach einer Stunde unsere Aussagen bei der Polizei abgegeben haben, kommen wir erneut an der Kreuzung vorbei. Schon jetzt erinnert nichts mehr an das Chaos von vorhin. Das ausgebrannte Fahrzeug ist abgeschleppt, die Menschenmassen haben sich wieder verteilt und der Verkehr fließt ganz normal. In Tel Aviv scheinen die Menschen irgendwie alles gelassener zu nehmen. Zunächst ist die Aufregung zwar groß, aber schnell nehmen die Dinge ihren gewohnten Lauf.

Als vor etwa zwei Monaten Raketen auf Tel Aviv fielen, war die Stimmung bereits ähnlich paradox. Eine Woche lang schien der Gaza-Konflikt endgültig zu eskalieren. Israel schickte Truppen Richtung Gaza und der Luftalarm in Tel Aviv schrillte mehrmals täglich. Waren die Sirenen zu hören, ließen die Menschen alles stehen und liegen, stürzten zum nächstbesten Schutzraum oder warfen sich gleich an Ort und Stelle auf den Boden. Einige Minuten später war der Spuk auch schon wieder vorbei.

Per Smartphone wurde noch schnell gecheckt, ob die Rakete eingeschlagen oder vom Raketenabwehrsystem abgefangen worden ist. Dann geht der Tag weiter.

Man gewöhnt sich wohl an alles.

Anna Wilke



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